Documenta 12: Schönheit ist die erste Buergelpflicht - DER SPIEGEL
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Documenta 12 Schönheit ist die erste Buergelpflicht

Als Roger M. Buergel zum Leiter der 12. Documenta berufen wurde, war sein Name höchstens Insidern bekannt. Inzwischen baut der Kurator in Kassel ein Luftschloss für 3,5 Millionen Euro und setzt auf Schönheit in der Kunst. Doch was die Ausstellung tatsächlich bringen wird, bleibt sein Geheimnis.
Von Frank Lähnemann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Wir schaffen das!" Roger M. Buergels freundliche Knopfaugen funkeln zuversichtlich. Obwohl er sich nur auf unser Gespräch bezieht, klingt es, als meine er sein Projekt. Sein großes Projekt – das ist die künstlerische Leitung der Documenta, der weltweit bedeutendsten Ausstellung für zeitgenössische Kunst, die dieses Jahr zum zwölften Mal in Kassel stattfindet. Buergel spricht sanft und doch bestimmt – man hegt keinen Zweifel, dass er die Kunstausstellung auf seinen schmächtigen Schultern stemmen wird. Die Fotosession lässt er stoisch über sich ergehen. "Man merkt, Sie werden öfters fotografiert", sagt der Fotograf.

Draußen in der Karlsaue herrscht gespenstische Ruhe. Zwischen den Kunstausstellungen versinkt Kassel stets in eine Art Dornröschenschlaf. Im "Dock 4", der Verwaltungszentrale der documenta 12, ist das Treiben geschäftiger. Buergel lässt es sich nicht nehmen, bei seiner Ankunft ein freundliches Wort an seine Mitarbeiter zu richten. 57 sind es, man duzt sich. Im Sommer werden es ungefähr 700 sein. Trotz eines 18-Stunden-Tages ist Buergel die Ruhe selbst. Was gewiss nicht nur am Tee mit dem Namen "Relaxing Evening" liegt, der im Besprechungszimmer angeboten wird. "Ich muss das alles ja nicht machen."

Vier Monate vor der documenta 12 gilt nur eines: Nichts genaues weiß man nicht! Die Künstlergesamtliste? Fest unter Verschluss! "Überraschung" lautet eines der Lieblingsworte Buergels. 100 Künstler sollen es diesmal sein, und zumindest den ersten und den letzten Namen seiner Künstlerliste hat Buergel bekannt gegeben. Ferran Adriá steht für den Buchstaben "A", und die deutschen Feuilletons griffen seine Teilnahme bereits dankbar auf. Handelt es sich bei ihm doch um einen spanischen Starkoch. Sein Lokal "El Bulli" ist auf Monate ausgebucht – auf eine Kapazität von 8000 Plätzen in einem halben Jahr kommen 100.000 Anfragen. Noch weiß niemand, was er auf einer Kunstausstellung wirklich treiben wird. Gebratene Wachteln präsentieren, laut Fragebogen der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" die Lieblingsvögel Buergels, wird er sicher nicht. Für den Buchstaben "Z" steht der Pole Artur Zmijewski. Von ihm ist bekannt, dass er eine Aufnahme der Bach-Kantate "Jesu, der Du meine Seele" vorstellen wird – gesungen von Gehörlosen.

Aus der Hüfte geschossen

In Kassel redet man allerdings im Moment nur über das "Luftschloss". Hierbei handelt es sich um einen 12.000 Quadratmeter großen Glaspavillon, der aus Gewächshausmodulen zusammengesetzt wird und von den französischen Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal entworfen wurde. "So unbürokratisch und aus der Hüfte durfte noch nie jemand die Karlsaue verwüsten!", wetterte man in der Lokalzeitung, als Anfang Januar der erste Spatenstich vollzogen wurde. Da ist ja auch noch ein kleines Problem: Die Kosten für diesen Aue-Pavillon betragen ca. 3,5 Millionen. Euro – zusätzlich zum allgemeinen Documenta-Etat von 19 Millionen. Euro.

Buergel verweist in diesem Zusammenhang gern auf die allererste Documenta. Begründer Arnold Bode nahm damals den umgekehrten Weg: Er lehnte einen Pavillon ab und ging dafür in das Museumsgebäude Fridericianum, das 1955 nur notdürftig wiederaufgebaut worden war. Die Bilder wurden auf weiß gekalkten Wänden gezeigt, Bode sprach von "Inszenierung".

"Bei einer Ausstellung geht es nicht nur darum, dass Kunst gezeigt wird", sagt Buergel, "es geht auch darum, wie man mit Kunst lebt und mit Raum umgeht. Ich halte es für falsch, Kunst in leer stehenden Fabrikhallen zu zeigen. Wir müssen das Versprechen des Neuen halten. Die Architektur hat durchaus die Funktion, die Emotionalität der Atmosphäre zu bestimmen."

"Sponsoring darf nicht alles!"

Buergel hält besagte Summe für das Luftschloss keineswegs für monströs. Das Gebäude soll nun über Einzelpersonen privat finanziert werden. Seine 100 Stützen werden für je 30.000 Euro verkauft – "an Leute, die Interesse haben, das Dach der Documenta zu tragen". Ein von Buergel gegründeter Initiativkreis mit prominenten Wirtschaftsvertretern wie Miuccia Prada oder Arend Oetker sammelt darüber hinaus Spenden. Sollte die Finanzierung platzen, will Buergel die Arbeiten notfalls stoppen.

Doch er ist zuversichtlich – wie immer. Das färbt ab. Kassels Kulturdezernent und Bürgermeister Thomas-Erik Junge bewundert die Zielstrebigkeit des Documenta-Leiters: "Herr Buergel schafft es immer wieder, das zunächst schwer Durchschaubare zu einem konkreten positiven Ergebnis zu führen". Improvisation ist denn auch ein wichtiger Bestandteil von Buergels Arbeit: "Die Ausstellung ist nur interessant, wo sie wie ein Organismus funktioniert."

Einen alleinigen Sponsor für den Bau lehnt Buergel übrigens entschieden ab. "Einen 'Telekom-Pavillon' beispielsweise wird es bei uns nicht geben. Sponsoring darf nicht alles", betont der Ausstellungsleiter, "man muss lernen, zu Sponsoren auch 'nein' zu sagen."

Kunst im Einkaufszentrum

Insgesamt fünf Standorte wird die Documenta haben. Ehemalige Ausstellungsräume wie die einstige Binding-Brauerei und den Kulturbahnhof lehnt Buergel ab. "Ich finde es falsch, in einer Stadt, die ohnehin schon sehr fragmentiert ist, noch weiter zu fragmentieren", begründet er die Zentralisierung der Ausstellung. Eine Ausnahme bildet der Bergpark Wilhelmshöhe, zu dessen Füßen der Wahl-Wiener mit seiner Lebensgefährtin und Documenta-Kuratorin Ruth Noack und zwei Kindern (12 und 3) derzeit wohnt. Auch das Schloss Wilhelmshöhe mit seiner Gemäldegalerie Alter Meister wird eingebunden. "Wir haben relativ viel historische Kunst – da sind gewisse konservatorische Bedingungen notwendig. Die Allianz mit dem Schloss war also natürlich. Und so schaffen wir eine Sensibilität für Beziehungen."

Buergel, der gern erst einmal zu allem Herkömmlichen "nein" sagt, hat auch angedeutet, dass er mit Kunst sogar in Einkaufszentren gehen möchte. Als Banalisierung der Werke sähe er das keineswegs. "Wenn wir einen Rembrandt im Kaufhaus "Citypoint"’ aufhängen, würden die Leute schon merken, dass das was anderes ist. Und wenn man gute Mode ins Fenster hängt, glaube ich auch nicht, dass die Leute noch H&M kaufen würden!"

Gut gekleidet zu sein, das ist Buergel wichtig. Seine in altrosa und knallviolett gehaltenen Kaschmir-Pullover werden in der Presse schon mal als "metrosexuelles Outfit" bezeichnet. Buergel gibt sich vorzugsweise "camp" und wirkt auch während eines normalen Arbeitstages elegant. Das Magazin "Monopol" nannte ihn den "charismatischsten Oberlippenbartträger der Kunstwelt". Das Menjou-Bärtchen trägt er jedenfalls nicht aus Gründen der Ironie – wie US-Regisseur John Waters. Buergel gilt als Mann mit viel Sinn für Ästhetik. Eine Ausstellung sollte in erster Linie "schön" sein. Darf man Hässlichkeit ausschließen? "Für mich hat Hässlichkeit viel damit zu tun, wenn Menschen wider besseren Wissens dumm agieren. Das ist unverzeihlich, das möchte ich gerne ausschließen. Aber das kann ich natürlich nicht." Buergel lacht wie jemand, der sich über seine eigene Pointe freut. "Bei Kunst ist das eine Frage des Verhältnisses. Wie beim Kochen: Niemand isst gerne Salz, aber etwas Salz braucht man, damit der Geschmack rund wird. Genauso braucht man antiästhetische Elemente in Kunstwerken."

Kunst soll nicht einfach konsumiert werden

Massenintellektualität – das große Ziel des Roger M. Buergels. Die erste "Buergelpflicht" sozusagen. "Aber das bitte", so betont er, "nicht mit Hirnwichserei verwechseln. Den Intellekt muss man als gesellschaftliches Phänomen betrachten. Um als Gesellschaft weiterzukommen, braucht man alle Stimmen." Dafür muss gearbeitet werden – nicht nur im documenta-Team, sondern auch unter dem Publikum.

Statt ausführlicher Texttafeln sollen auf der Documenta Führungen angeboten werden, die zwei Stunden dauern. Buergel verweist auf 2002, als von 650.924 Besuchern ein Drittel Interesse an einem begleiteten Rundgang hatte. Kunst soll nicht einfach konsumiert werden: "Um sich auf eine künstlerische Arbeit einzulassen, braucht man Zeit. Die Leute denken, dass sie das Werk verstehen müssen. Es geht aber darum, eine Beziehung zu dem Werk einzugehen. Sonst stirbt der Geist des Kunstwerks, und es wird nur noch als Illustration der Texttafel wahrgenommen."

"Politik in einer 'schönen' Ausstellung, das ist kein Widerspruch", unterstreicht Buergel. "Politik ist für mich nicht, hungernde Kinder in Afrika zu zeigen, sondern Menschen aus der Starre herauszuholen und dazu zu bringen, Verantwortung für die Welt zu übernehmen. Für die Welt und für sich selbst." Und dann gelangt man auf eine andere Ebene – "wie beim guten Sex".

"Wenn man sich nur mit Kunst beschäftigen würde, wäre man ein bisschen gaga!", äußert sich Buergel zum Ende des Gesprächs ausnahmsweise mal nicht als Superfunktionär. "Und mit einem kotzenden Kind zuhause ist das hier alles nicht so wichtig." Für die Zeit unmittelbar nach dem Spektakel hat Buergel noch einen ganz besonderen Wunsch: "Ich möchte mich gerne mal wieder langweilen!"


Documenta 12 , 16. Juni bis 23. September 2007, Kassel

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