Documenta-Magazin Sendungsbewusste Säuglinge
Mitte Juni startet die nächste, die 12. Documenta. Ein Magazin zur Kasseler Weltkunstschau kommt bereits in dieser Woche heraus. Roger Buergel, Chef der 12. Documenta, hat drei Leitthemen ausgerufen. Eines davon ist eigentlich eine Frage und lautet: "Ist die Moderne unsere Antike?" Ihr widmet sich das erste, im Taschen Verlag erscheinende Heft. Künstler und Kulturjournalisten haben Beiträge geliefert.
Womöglich wird man den Documenta-Leuten Theorieseligkeit und Textlastigkeit vorwerfen. Doch wer wusste schon, dass ein Arzt aus Chicago Anfang der zwanziger Jahre Neugeborene mit Rundfunkempfängern verkabelte: Er glaubte, Radiosendungen seien für Babys lehrreich. Schließlich war die internationale, auch noch in Mexiko spürbare "Radioverrücktheit" der zwanziger Jahre Ausdruck der Begeisterung für die modernen Zeiten.
Aus der Sicht der Kunst- und Architekturhistoriker war das Entstehen der Moderne im frühen 20. Jahrhundert eine Art Urknall. Der fand mitten in Europa statt. Es gab Unterbrechungen, Fortsetzungen, überhaupt eine Globalisierung der Avantgarde. Ein Text schildert etwa die Entstehung eines Prestige-Projektes in Chile Anfang der 1970er Jahre: Als dort die sozialistische Regierung gebeten wurde, die Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen auszurichten, stellte man in nur 275 Tagen einen modernistischen Gebäudekomplex hin. Nach dem Putsch von 1973 zog allerdings die Militärjunta in den komfortablen Bau.
Das Heft stellt einige (auch schon verstorbene) Künstler und Künstlerinnen vor, außerdem das heutige Indonesien, die späte Avantgarde in China, Afrika, Skandinavien, die polnische "Soz-Art", es gibt eine Hymne auf die erste Documenta 1955 sowie einen Brief aus Beirut: Wer sich auf die nächste Documenta vorbereiten will, sollte mit der Lektüre beginnen. Es wird langsam ernst.