Doping-Kultur Terminator im Strampelanzug
Die tapferen Duracell-Hasen, die in Frankreich die Berghänge hinaufstrampeln, sind doch in Wahrheit Helden. Vorboten einer besseren Zukunft, einer Zukunft aus Titan, Karbon und Testosteron. Sehniger werden wir selbst bald sein, besser durchblutet, mit glatterer Haut, weißeren Zähnen. Und innen: wie schweizer Uhren auf Anabolika. Draußen Luis Trenker, drinnen Terminator.
Zunächst wird es noch ein paar Irrwege geben: Die Radprofis probieren ja Sachen aus, an die sich Mediziner im Kampf gegen Krankheiten gar nicht herantrauen - da geht schon mal was schief.
Sie experimentieren mit synthetischem Hämoglobin - man munkelt sogar von Versuchen mit Hundeblut in Radler-Adern, weil das beim Sauerstofftransport helfen könnte. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Winokurow im Ziel mal statt die Arme hochzureißen den Kopf in den Nacken legt und bellt. Aber das sind ja nur die ersten Schritte.
Bleeding statt Piercing
Würde man die perfekt geölte, klandestin operierende Forschergemeinde, zu der der Radsport geworden ist, einfach mal machen lassen: Wir könnten uns Plasmaspenden und Blutbanken bald sparen. Wenn die zeitraubenden Dreiecksflüge über Spanien wegfielen, die Blutkuriere sich mit ihren Kühltaschen nicht über Grenzen schleichen müssten, die Fahrer sich nach der Etappe vom Bordingenieur durchchecken lassen könnten, statt sich erstmal einer Blasenspülung mit Betreuerurin zu unterziehen. Wenn die Energie statt in die Verschleierung des Dopings endlich in seine Perfektionierung gesteckt würde!
Spitzenblut wird schon bald so einfach herzustellen sein wie Limonade. Die Blutbanken gehen bankrott. Bei den Flatratepartys der Zukunft wird man am Ausgang für zwei Euro extra einen Blutaustausch bekommen und dann nüchtern nach Hause fahren.
Designerblut wird bei Kindern in Mode kommen, so dass es aus einem Loch im Knie in modischem Blau statt ödem Rot tröpfelt. Bleeding wird Piercing und Branding als Körperschmuck der Wagemutigen ablösen.
Erotische Fotostrecken aus dem Körperinneren
Damit dieser Traum aber Wirklichkeit werden kann, muss sich einiges ändern, schließlich geht es um Spitzenforschung. Beim Saisonstart müssen die Sport-Mechatroniker künftig auf ihren Web-Seiten präzise Listen mit Substanzen und Dosen publizieren.
Im Journal der "Society for Organized Worldwide Interdisciplinary Excellence in Sports Optimization" (SOWIESO) werden die Sportärzte und Physiopharmakologen Behandlungspläne, Blutwerte und Leistungstabellen veröffentlichen. Der Wettstreit um den explosivsten Venencocktail wird erbittert, aber fair und von Aufbruchsstimmung getragen sein.
Das Blut und seine Verdickung sind aber erst der Anfang. Bei der Tour wird es neben einer Fahrer- und einer Team- schon bald auch eine Konstrukteurswertung geben. Implantate sind der nächste Schritt, hydraulische Oberschenkelmuskeln aus Titan und Karbon. Oder kortikale Chips, die am Berg den Kamikaze-Schalter im Kopf umlegen helfen.
Männermagazine werden erotische Hochlanzfotostrecken aus dem Körperinneren der Top-Athleten veröffentlichen: Schimmernde, nanotechnologisch optimierte Apparaturen mit verchromten Gelenkpfannen, stählerne Sehnen mit Teflonbeschichtung.
"Möge der beste Cyborg gewinnen!" wird der Schlachtruf der Radfahrmaschinenmenschen sein. Die Tour wird im Fernsehen wieder der Quotenbringer schlechthin, so erfolgreich wie Fußball-WM, Olympia und Formel 1 zusammen. Und beim Start wird man rufen: "Gentlemen, start your implants!"