Dopingtalk bei "Maybrit Illner": Reden statt Radeln - DER SPIEGEL
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Dopingtalk bei "Maybrit Illner" Reden statt Radeln

Das Fernsehen als Beichtstuhl: Bei "Maybrit Illner" übertrumpften sich sechs Radsport-Sünder und -Experten dabei, Doping zu verdammen. Die eine oder andere Ohrfeige für die Konkurrenz fiel dabei auch noch ab.
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Das haben wir jetzt davon. ARD und ZDF kündigen an, ihre Tour-de-France-Berichterstattung zu stoppen, und prompt wird im Fernsehen so viel über die Tour de France berichtet wie wahrscheinlich seit Didi Thuraus Zeiten nicht mehr. Eurosport wie gehabt in dieser Frage sowieso gänzlich schmerzfrei, Sat.1/N24 seit gestern quasi rund um die Uhr, im WDR runzeln Chefredakteur Jörg Schönenborn und ARD-Dopingpapst Hajo Seppelt die Stirnfalten um die Wette. Und der Tour-Tag geht mit "Maybrit Illner" zu Ende. Die Königsetappe dieses Tages.

Sechs wohlmeinende Menschen sitzen hier in trauter Runde, und alle sechs finden Doping ganz furchtbar. Ob es der Radprofi Jörg Jaksche ist, der zehn Jahre selbst fest im Dopingsystem involviert war, oder Christian Frommert als Sprecher von T-Mobile, der Rennstall, in dem die armen Sünderlein im Dutzend vertreten waren, der Rennstall, der jetzt zudem den peinlichen Dopingfall Sinkewitz zu verantworten hat. Oder Sylvia Schenk, drei Jahre lang oberste Radsportfunktionärin der Republik, ohne dass sich im Anti-Dopingkampf in jener Zeit viel bewegt hätte. Alle sind sie geläutert, fertig mit ihrer Vergangenheit. Jaksche: "Wir stecken in der Sackgasse." Frommert: "Der Fall Sinkewitz ist ein herber Rückschlag für uns, die wir uns auf dem guten Weg wähnten." Schenk: "Das Milieu des Profi-Radsports ist vergleichbar mit Netzwerken der Korruption."

Der Geläutertste von allen ist jedoch ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. Ihm reicht es nicht, dass ARD und ZDF nach Jahren der kreuzbraven Jan-Ullrich-Heldenverehrung zu den Anti-Dopingsendern Ihres Vertrauens mutiert sind. Ihm ist es nicht genug, dass man aus der Tour-Berichterstattung ausgestiegen ist. Er denkt größer. Er sagt dazu noch Sätze wie: "Wir müssen wieder lernen, dass Geld nicht alles ist, sondern noch andere Maßstäbe für unser Zusammenleben wichtig sind." Das beeindruckt Moderatorin Maybrit Illner offenbar so stark, dass sie ganz vergisst, Brender zu fragen, ob es bei den schwachen Einschaltquoten der diesjährigen Tour vielleicht gar nicht so ein gewaltiges Opfer war, das Feld der privaten Konkurrenz von Sat.1 und N24 zu überlassen.

Um große Worte ist auch Peter Danckert nicht verlegen, SPD-Politiker und als Vorsitzender des Sportausschusses im Bundestag genuiner Dopingfachmann. Die Entscheidung von ARD und ZDF sei "historisch" zu nennen, "hiervon geht das Signal aus: Jetzt wird's richtig ernst für den Radsport". Einmal entsprechend in Wallung, watscht er die Konkurrenz deftig ab: Es sei geradezu "schäbig und indiskutabel" von Sat.1, auf den Tourzug aufzuspringen. Brender lässt da eher ein wenig Großzügigkeit walten: Ob ein Mitbewerber "die freigewordenen Senderrechte an der Tour übernimmt, ist eine freie Entscheidung", dies sei wohl in erster Linie "eine Frage der Moral".

Perverses Endstadium

Ob diese Moral bei den Öffentlich-Rechtlichen auch im kommenden Jahr greift, wenn es Olympische Spiele in China gibt, einem Land, das seit jeher unter Generalverdacht in Sachen Doping steht, lässt Brender offen. Man werde künftig "jedes Sportereignis in einer konzentrierten Einzelfallentscheidung betrachten", kündigt er an. Für den Dopingjäger Prof. Werner Franke ist das allerdings nichts mehr als ein Lippenbekenntnis. Franke ist noch so einer, der sich mit großen Worten bestens auskennt, und so legt er sich schon mal fest: "Wir müssen bei Olympia in China aussteigen, wenn wir noch einen Rest von Moral besitzen." Den Profiradsport hat Franke sowieso längst abgeschrieben: "Was wir dort erleben, das ist das perverse Endstadium eines Sports, der bald auf immer verschwinden möge."

Bei Sat.1/N24, seit gestern das neue Kompetenzzentrum in Sachen TV-Radsport, hegt man solche schweren Gedanken nicht. Hier werden noch unbeschwert die Sportskameraden Klöden, Sastre und Boonen miteinander verwechselt, und der N24-Reporter verkündet vor Ort froh ganz im Sinne seines Dienstherrn: "Der Streit um die Berichterstattung interessiert hier bei der Tour niemanden. Hier ist alles ein einziges großes Fest."

Nach Maybrit Illner meldet sich noch Nina Ruge zur Nacht: Alles wird gut.

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