Dr. Mitte: 300 Jahre preußisches Fieber - DER SPIEGEL
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Dr. Mitte 300 Jahre preußisches Fieber

Streit gefällig? Dann empfiehlt es sich, eine unsägliche Preußendiskussion vom Zaun zu brechen.
Von Jürgen Laarmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Rahmen meines grundsoliden hessischen Gesamtschulabiturs in der Bonner Republik unter rot-grüner Landesregierung fiel wie bei vielen anderen heute 20- bis 40-Jährigen das Thema Preußen in der Schule weitgehend unter den Tisch. Die zwiespältige Epoche zwischen Gelingen der französischen Revolution und Scheitern der Weimarer Republik gab es nur im Schnelldurchlauf. Angesichts der derzeit ausgebrochenen Preußenhysterie zum "Dreihundertjährigen" frage ich mich allerdings, ob nicht gerade die huschige Devise "Wir lassen Preußen nicht stattfinden" zum Gelingen der Bonner Republik substantiell beigetragen hat.

Zum Preußen Update besteht dieser Tage jede Menge Möglichkeit, kein Magazin ohne Story und kein Abend ohne Veranstaltungen in allen Facetten. Von "Prügelstock und Flöte - ein Mensch wird König"-Vorträgen bis zu "Preußen - überwiegend blau. Eine Zinnminiaturenausstellung" bis zum großen "Preußischen Hengstparadenfestival" reiht sich ein Preußen-Event ans nächste, und auf einmal gibt es auch jede Menge preußischer Landsmannschaften, Burschenschaften und andere, von denen man noch vor wenigen Wochen nicht wusste, dass sie existieren. Denn seit dem Verbot ihres Landes durch das alliierte Kontrollratsgesetz hatten diese Freundeskreise nichts mehr zu melden.

"Preußen gilt gerade als trendy, besonders für eine Jugend, die förmlich nach Werten sucht", sinniert man in Berliner Werbeagenturen. Preußen also als neue Gegenbewegung zu Zlatko, Après-Ski-Compilations auf RTL II , SAT.1-Girlscamps und fauler sinnfreier Herumlungerei! Gar nicht so schlecht für eine Region, die als Quelle des deutschen Militarismus per Erlass von der Landkarte getilgt wurde. Sicher ist, dass Preußen noch immer prima polarisiert, und wenn man einen Streit sucht, empfiehlt sich eine historische Grundsatz-Debatte.

Hier eine kleine Musterliste für besonders unergiebige Preußendiskussionen, die schon vor Jahren zu Unsachlichkeiten führten, zumeist ergebnislos im Streit abgebrochen wurden und nun wieder da sind...

Die Tugendlügen-Diskussion: Für jede preußische Tugend findet sich wenigstens eine Untugend, plus eine Erklärung, warum die genannte preußische Tugend entweder a) keine besondere Leistung oder Tugend war bzw. b) in Preußen gar nicht wirklich umgesetzt wurde.
Das klappt bei jedem Thema. Kommt einem der Preußen-Bewunderer mit Religionsfreiheit, weist man ihm knallhart nach, dass die Hugenotten vor allem als Steuerzahler und zur Reparatur des Brachlandes in Frieden gelassen wurden. Und dass die Religionsfreiheit ja auch nur sehr eingeschränkt galt. Kommt einem der royalistisch-anständige Fan dann mit dem Hitler-Attentat, verweist man dezent darauf, wie toll das hätte klappen können. Dann hält man ihm noch mal die preußischen Tugenden Präzision, Pünktlichkeit und Effizienz vor Augen.

Die Sekundärtugenddiskussionen: Pünktlichkeit, Ordentlichkeit etc. waren laut Alt-Kanzler Helmut Schmidt die Sekundärtugenden, die einen auch dazu befähigen, den Ablauf eines KZs prima zu regeln. Dieser legendäre Auspruch war immer auch Balsam für die Seelen aller Unpünktlichen und Unordentlichen, die sich gerne ungerechtfertigterweise als Bessermenschen sahen. Nun gibt es wieder einen Anlass, jedem obrigkeitshörigen Streber schnurstracks zu unterstellen, er sei im Grunde genommen bereits dabei, einen präventiven Angriffskrieg vorzubreiten!

Die "Was-von-Preußen-übrig-blieb"-Diskussion: Preußen hat für vielerlei Enttäuschungen gesorgt. Zuletzt in einer Kreuzberger WG unter Mailänder Jungdesigner-Gästen. Die hatten von Preußen keine gute Meinung, außer dass da alles sauber und ordentlich sei. Uns Berlinern bleibt nichts als tiefe innere Zerrissenheit.

Die "Wer-hatte-den-irrsten-König-oder-Kaiser"-Diskussion: Im alten Titanenvergleich Wilhelm II gegen Ludwig II gibt's zwar keine neuen Argumente, um sich mit einem Bajuwaren anzulegen, langen die alten jedoch allemal.

Die "Was-wäre-passiert-wenn"-Diskussion: ...hilft Preußen nun auch nicht mehr weiter. Falls doch, würde sie als Wurzel alles Revanchismus gesehen.

Man merkt schon, dass das Preußenjahr wenig erquickliche Gesprächsperspektiven bereithält. Gewünscht hätte ich mir als Merchandisingidee - analog zu Mozartkugeln in der Mittagspause - ein paar kleine blaue Kugeln mit "Altem Fritz"-Design und Flötenchips. Meine Freundin meckert: "Bäh, die müssten dann aber aus echter, ekliger Preußen-Kartoffel sein und schwer im Magen liegen."