Dr. Mitte: "Adagio" - Schwenkows ungeliebter Traum - DER SPIEGEL
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Dr. Mitte "Adagio" - Schwenkows ungeliebter Traum

Für 15 Millionen Mark hat DEAG-Chef Peter Schwenkow am Potsdamer Platz das "Adagio" eröffnet. Doch schon eine Woche nach der Einweihung des wohl opulentesten Luxus-Nachtclubs der Republik gibt es zahlreiche Anlaufschwierigkeiten. Jürgen Laarmann war vor Ort.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Donnerstag, kurz vor Mitternacht am Potsdamer Platz...

Gähnende Leere am Eingang des "Adagio", des von Konzert-Impressario Peter Schwenkow kürzlich neu eröffneten Nightclubs im Untergeschoss des Stella Musical Theaters. Und das, obwohl über dem Entree eine riesige geigenfidelnde Putte hängt.

Die zwei bulligen Türsteher bemängeln meine Sneakers. Da ich einen Anzug trage, gibt man mir das Gefühl, dass heute noch mal Gnade vor Recht ergeht, und lässt mich für 15 Mark ein.

Gewidmet den zahlungskräftigen Würdenträgern

Zur Opening Party des "Adagio" an Schwenkows 47. Geburtstag Ende März erschienen Bundespräsident Rau sowie 1000 weitere Größen aus Wirtschaft, Kultur und Society. Ihnen, den zahlungskräftigen Würdenträgern zwischen Dreißig und Fünfzig, die weder Turnschuhe noch Jeans beim Ausgehvergnügen sehen wollen und sich vor Techno, HipHop und sonstiger lauter Musik gruseln, hat Schwenkow diesen Club gewidmet.

Ich gehe den roten Teppich ins Zauberreich hinunter. 15 Millionen Mark, so Schwenkow, hat er für das "Adagio" ausgegeben. Er habe sich damit auch einen Traum erfüllt.

Der DJ auf der Kirchenkanzel

Stilistisch ist der zweigeschossige Laden eine Groteske: eine Mischung aus Ritterburg mit Deko- und Einrichtungselementen aus verschiedenen Ländern. Der Brunnen im Eingangsbereich mutet aztekisch an, der Eingang in den Hauptsaal ist flankiert von ägyptisch anmutenden Statuen, die Decke ziert ein Raffael nachempfundenes Himmelsbild mit fliegenden Putten, das DJ-Pult ist auf einer Art Kirchenkanzel installiert.

Elektrokerzen illuminieren den Raum, ein künstlicher Kamin flackert hinter dem hölzernen Tanzboden. Als Gesamteindruck bleibt ein disneyeskes Durcheinander - im Detail wirken die einzelnen Elemente merkwürdig huschig-lieblos bis einfach schlecht kopiert. "Genau hinsehen sollte man nicht", räumt einer der ausführenden Gestalter ein, der nicht namentlich genannt werden will. Er ist vor allen Dingen stolz darauf ist, in welcher Rekordzeit das Adagio pünktlich zur Eröffnung eingerichtet wurde. So also sieht es aus, wenn Deutschlands mächtigster Konzertmanager sich einen Traum erfüllt.

Society-Disco und Touristentreff?

Schwenkow hatte den Medien erklärt, wie er auch trotz seiner enormen Investition gedenke, mit dem "Adagio" Geld zu verdienen. Außer dass die reich-distinguierte Berliner Gesellschaft einen Freudentempel habe, in dem sie "ein Fest für die Sinne" zelebrieren könne, kündigt er an, auch durch Touristen-Führungen am Nachmittag noch ein paar Mark extra zu machen. Ferner schwebt ihm vor, dass auch die Gäste seines Musicals "Der Glöckner von Notre Dame" im Anschluss an die Aufführung noch ein paar gepflegte Drinks in seinem Laden nehmen könnten. Das "Adagio" sei immerhin als Erfolgskonzept bewährt, in Luzern und Zürich laufen bereits erfolgreich die beiden Original-"Adagios".

Als wenn sich die Berliner jemals nach Trends aus eher beschaulichen Schweizer Städtchen gerichtet hätten.

Im riesigen Berliner "Adagio" hingegen ist es einsam. Während der zwei Stunden, die ich mit meiner Begleitung im Laden verweile, sind ungefähr 35 Gäste im Laden. "Es muss sich erst noch rumsprechen", sagt entschuldigend ein Angestellter, der in einer grotesken Hofnarren- oder Pagen-Uniform das Bier für acht Mark serviert. Aber wie das mit dem Rumsprechen so ist: Das, was sich rumspricht, ist ja zumeist, dass nichts los ist.

Die "Adagios" in Zürich und Luzern sind ja auch viel kleiner als Schwenkows Halle, in die knapp 1200 Gäste passen und folglich erst ab 500 Gästen den Eindruck erweckt, hier wäre etwas los. Vielleicht dämmert den "Adagio"-Machern bereits, dass die gewünschte Nobelkundschaft wochentags gar nicht so zahlreich ausgeht. Und wenn, dann in intimere Locations. Oder dahin, wo was los ist, um einen Hauch vom neuen Berlin spüren. Das "Adagio" mit seinen Dresscodes und Preisen ist, wenn überhaupt, altes West-Berlin und repräsentiert eine erzkonservative Vorstellung vom Ausgehen und Spaßhaben, die durch die Clubkultur in Mitte fast schon vergessen schien.

Vielleicht ein Wachsfigurenkabinett...

Wenn die Besucherzahlen im Adagio derart niedrig bleiben, hätte ausgerechnet Kalkulator Schwenkow, zur Eröffnung im "Stern" noch als "der Abkassierer" gewürdigt, auf seine Kosten dieses antike Ausgehkonzept endlich zu Grabe getragen. Seine komische Vorstellung, dass die Berliner Society am liebsten im Kreise jener Menschen ausgehen würde, die auf Bustour hier sind und sich den "Glöckner von Notre Dame" ansehen, wird ihm dabei nicht hilfreich sein.

Tatsache ist, dass auch in den führenden Nightlifemetropolen der Welt in den letzten Jahren kein derartiger Club aufgemacht hat. In Konkurrenz zum Londoner "Atlantic Club" am Piccadilly Circus, mit dem man das "Adagio" rein von den Kellerräumlichkeiten her vergleichen könnte, fällt Schwenkows Luxus-"Disse" wenn nicht durch seinen kitschigen Stilmix, dann spätestens mit seinem unmodernen Oldie-Musikkonzept und seiner fehlende Szenenanbindung durch.

Vielleicht finden auf den rosa Kissen im VIP-Raum, für dessen Zugang "Members" 1000 Mark bezahlen müssen, bereits erste Krisensitzungen statt. Möglicherweise hofft man auf externe Veranstalter und Filmpremieren der ansässigen Filmstudio-Dependancen. Der aufwendige Blumenschmuck und das Obst, was zur Eröffnung wohlfeile Opulenz signalisieren sollte, fehlen jedenfalls bereits.

Die einmalige Lage des Stella-Theaters könnte indes zur Schadenbegrenzung beitragen. Die Kulisse taugt perfekt, um ein Wachsfigurenkabinett hineinzubauen. Schwenkow ist noch immer etwas eingefallen.