Dr. Mitte Berliner Frühlings-Hysterie
Manche Straßencafé-Betreiber sind unerschütterlich optimistisch. Seit Mitte Februar haben sie bereits ihr Sommermobiliar rausgestellt, das abends vom genervten Personal unberührt wieder hineingestellt wird, um am nächsten Morgen wieder aufgebaut zu werden. Falls der Himmel aufbricht, bleibt kein Platz leer. Selbst wenn es gerade mal zehn Grad Celsius warm ist, lieben es die Berliner sich demonstrativ nach draußen zu setzen, sobald auch nur ein Eckchen Sonne zu sehen ist. In diesem Jahr hat sich der Aufwand allerdings selten gelohnt.
Der Kellner des Straßencafés sieht einen Zusammenhang zwischen Wetter und dem Fußball von Hertha BSC. Immer wenn man denkt, nun könnte es mal schön werden oder Hertha sei auf dem Sprung auf einen Champions-League-Platz, kommt umgehend ein Tief Roman, Ulrich oder Veit hergeschwappt, beziehungsweise ein 0:3 gegen Cottbus oder ein 1:3 gegen Bremen.
Die Stadtzeitung "Tip" schlägt wie in jedem Jahr um diese Zeit mal wieder die schönsten Fahrradtouren durch Berlin vor, Picknickplätze inklusive - angesichts der meteorologischen Vorhersage für Ostern (Regen, Regen, Regen) erscheint das wie blanker Hohn. Direkt dahinter gibt's einen Bericht zum Thema "Berlin stinkt", in dem auf die übelriechenden Gase hingewiesen wird, die beim Wechsel von Hoch- in Tiefdrucklage aus der Berliner Kanalisation entweichen, und auf die Rattenplage, die der Hauptstadt droht.
Denn wenn der Frühling kommt, dauert er in Berlin meist nur kurz, und das Wetter wechselt schlagartig in Hitzewellen inklusive erhöhter Ozonwerte, Staub, noch mehr Gestank und noch mehr Ratten. Doch daran denkt im Moment keiner, zu groß ist die Sehnsucht nach dem Ende des Winters, das sich allenfalls im Kalender ankündigt, aber nicht im Hauptstadt-Leben.
Oder soll man in den Sonderangebotswochen vom Bräunungsstudio schon einen Vorboten der warmen Jahreszeit wittern?
Wenn der Frühling allerdings kommt, ist er am meisten in der Gegend am Hackeschen Markt und in der neuen Fashionmeile "Neue Schönhauser Straße" spürbar. Der exakt eine Sonnentag in der letzten Woche hat eine Vorschau gegeben, die Stadt war wie elektrisiert. Sogar die zahlreichen Sonnenbrillen-Läden, die hier im Winter aufgemacht hatten, ergaben auf einmal einen Sinn.
Es gab ein massives Schaulaufen der Mitte-Bewohner und -Bewohnerinnen. Alle Klamotten, die man bisher nur aus den Schaufenstern kannte, wurden live vorgeführt, und es zeigte sich, dass die Berliner keine Übergangsmode kennen. Eben gerade noch eingemümmelt im Parka, jetzt schon wieder halbnackt und bauchfrei. Cabrio reihte sich an Cabrio - man konnte schon fast von Münchener Verhältnissen sprechen. Rollerblader und Skater übten ihre Sportart spektakulär aus, mancher stürzte über die Tramschienen. Die Freude über das Wetter glich einer Theaterstückaufführung: Arbeitstitel "Sommeranfang".
Man ahnte bereits, dass am nächsten Tag ganz Berlin-typisch schon wieder schlechtes Wetter sein würde.