Dr. Mitte Die Angst der ehemaligen Waldmenschen
"Die Waldmenschen sind wieder weg", sagt ein bekannter, leicht gestresster Mitte-Gastronom. Die Waldmenschen, damit sind jene Volksgenossen gemeint, die große Freude daran hatten, an Silvester zu Millionen vorm Brandenburger Tor zu stehen, sich angeheitert von überteuertem Glühwein bei Temperaturen um den Gefrierpunkt Billig-Dance-Acts auf der Sat.1-Bühne anzusehen, ein mittelmäßiges Feuerwerk "super" zu finden und nachher auf die pfiffige Idee kamen, noch mal das "enorme" kulturelle Angebot der Hauptstadt zu durchstöbern. "Sie kommen in Gruppen, studieren stundenlang die Karte, entscheiden sich hintereinander für Dinge wie Milchkaffee und stellen komische Fragen", sagt die Kellnerin. "Dann zahlen sie einzeln, geben kein Trinkgeld und verschwinden dahin, wo sie hergekommen sind. Zur Love Parade sind die jüngeren von ihnen dann wieder da."
Es soll nicht verhehlt werden, dass es unter Berlinern als schick gilt, an diesen Tagen abzuhauen. Als geradezu bewundernswert nobel gilt es, auf Geschäfte mit den Zugereisten zu verzichten und seinen Laden geschlossen zu halten. Diejenigen, die sich die Taschen voll machen, meinen dies kompensieren zu müssen, indem sie sich über die "unzivilisierten Barbaren", die feiertags in die Hauptstadt einfallen, beklagen und jammern: "Das hamm wa jetze vom hemmungslosen Zentralismus."
Am lautesten klagen noch immer die, die noch gar nicht so lange hier sind, und je dichter der Wald aus dem sie kommen, desto größer oft die Klappe. Vielleicht haben sie sich selbst erst im Rahmen eines Kurzaufenthalts zum Berlinzuzug entschieden. Weg, nur weg von dort, wo es sie langweilt - hierhin, wo alle sind, in die overpromotete Kreativ-, Macht- und Nightlifezentrale des Landes, in die Rappelkiste der Republik.
Denen, die schon länger hier sind, kommt die Idee, gerade jetzt noch mal schnell herzuziehen, inzwischen natürlich längst nicht mehr trendy vor. Insbesondere wenn sie die, derentwegen sie weggezogen sind, nun wieder jeden Tag sehen und ertragen müssen. Standortvorteil ade. Aber verstehen können sie es irgendwie. Über Touristen zu jammern ist jammern auf höherem Niveau, als sich über die Ödnis ihrer ehemaligen Heimatstädte vor Ort zu beklagen. Gerne sagen sich dann die Zugezogenen: "Es ist zwar wirklich nicht so toll hier in Mitte, wie alle glauben, aber trotzdem der einzige Ort in Deutschland, wo man überhaupt leben kann".
In vielen Kreativbranchen, zum Beispiel der Musikindustrie, gibt es die Tendenz zu ungezügeltem Zentralismus tatsächlich: Alle ziehen hierher. "Kulturhoheit der Länder - pah!", meinte schon Ex-Minister Michael Naumann, wer weiß, ob er nicht demnächst auch "Die Zeit" an die Spree verlegt. Es mag dem redlichen Föderalisten in der Seele weh tun, dass der Hauptstadttrend politisch unterstützt wird, und es wird wohl noch zu allerlei Wehklagen aus den Regionen kommen. Als Berliner jedoch ist man opportunistisch erfreut, dass sich auch unter unserem neuen Kulturminister Julian Nida-Rümelin nichts ändern wird. Ein Mann, dessen Namen schon phonetisch wie ein Kleinkunsttheater klingt, wird sich nur behaupten können, wenn er mit zentralistischem Hauptstadtkulturgrößenwahn begeistert. Vielleicht schafft er es wenigstens, im nächsten Jahr mal ein anständiges Feuerwerk veranstalten.
Einstmals wurde der Berlin-Wahn verlacht, doch das Lachen ist leiser geworden in Düsseldorf am New-Economy-Plage-Ufer ("Hier wird doch das Geschäft gemacht, in Berlin haben wir nur so 'ne Kreativspinner-Niederlassung gegründet."), in München ("KaDeWe schön und gut, aber unser Feinkostangebot ist schöner.") und in Köln ("Die haben ja nicht mal Karneval."). Doch schon in Frankfurt lachen manche gar nicht mehr: "Wenn die Börse erst in London ist, gibt's wirklich keinen Grund mehr zu bleiben, außer grüner Soße."
Man darf gespannt sein, ob sich der Trend noch mal umkehrt, wenn's im Hauptstadt-Brodeltopf zu heiß wird und die anderen Großstädte der Republik verarmen und veröden und bestenfalls noch für Regionalfolklore und Nischenwesen zuständig sind.
Schon jetzt also besser mal drüber nachdenken: Rückkehrprämien für Heimkehrer? Steuererleichterungen für Dableiber? Oder war die Bezirkszusammenlegung bereits die erste geniale Maßnahme: Mitte mit Wedding und Tiergarten zusammenlegen, damit hier bloß niemand ausflippt...