Dr. Mitte Die Berlinerin - Wie ist sie wirklich?
Der Text im Einband verrät: "Die Berlinerin gilt meist als unerschrocken, respektlos und etwas spröde, manchmal als sentimental, oft als ironisch und gelegentlich als skurril "
Folgt nun der Hauptstadt- die Hauptstädterinnen-Diskussion?
"Lauter schräge Schrauben", fasst Tatjana, die Düsseldorferin, das Werk zusammen, "eine einzige Charakterkopfbande", es klingt halb höhnisch, halb fasziniert. "Schau dir die Schauspielerinnen an: Corinna Harfouch, Sophie Rois, Meret Becker, Katharina Thalbach, das sind keine Cindys, Sharons, Michelles und Jennifers."
"Tja, das sind eben theatergestählte Nicht-Deobenutzerinnen," meint Jackie aus Leipzig, "Töchter der Trümmerfrauen, insgesamt very allein erziehend".
Tatjana: "Das Klischee der 'starken Frau', was hier gezeichnet wird, ist doch auch nicht mehr taufrisch. Das Buch ist tendenziös, auf Berliner Role Models wie Nadja Auermann und Kati Witt wurde schon recht bewusst verzichtet."
Und neue Berliner Gesichter wie zum Beispiel Ariane Sommer kommen erst gar nicht vor...
"Die Autorin ist Jahrgang '38 und kommt aus der DDR, da hat man schon auch viel Schreckliches erlebt und gemeistert. Das will sie in den Gesichtern der Berlinerinnen, die sie dabei begleitet haben und die sie präsentiert, zeigen...", meint Tatjana versöhnlich.
Und wie sind sie nun wirklich, die Berlinerinnen?
Tatjana: "Ich stell' mir schon so eine Weddinger Schäferhundbesitzerin vor, die mit einer Bierflasche in der Hand durch den Park schlurft und wenn sie angesprochen wird lauthals rum-'ickt'."
Jackie: "Frauenmäßig stellen in Kreuzberg und Schöneberg schon Bräute einen Löwenanteil, die seit Jahren mit schlecht ausrasiertem Nacken in denselben schwarzen Klamotten rumlaufen, so dass auch Corall "Black Velvet" nicht mehr hilft, und dann haben sie auch noch einen Emaille-Ohrring."
Aber was ist mit den Charlottenburgerinnen?
Tatjana antwortet wie aus der Pistole geschossen: "Die Charlottenburgerinnen wären natürlich gerne so wie die Münchnerinnen. Die typische junge Charlottenburgerin ist so eine, die gerne bei Sat.1 arbeiten will. Sie kauft sich auch teure Klamotten, aber bei ihr ist immer ein Detail falsch. Gerade eben bei Prada gewesen, aber sich dann doch einen beknackten Pipifax-Rucksack aufgesetzt, der alles wieder kaputtmacht. Die Einzigen, die modisch mithalten können, sind die Wilmersdorfer Witwen"
Jackie dagegen: "Erwähnt werden muss auch die typische Ost-Else. Sie trägt seit Jahren raspelkurze blonde Haare im Annie-Lennox-Style und gilt als sexuell extrem aufgeschlossen."
Und wie ist zum Beispiel die 'Tiergärtnerin'?
Jackie: "Sie ist noch nicht so lange allein erziehend wie ihre Kreuzberger Kollegin. Ihr Macker überweist immerhin den Unterhalt. Sie geht lange im Park mit ihren Gören spazieren und kommt damit gut zurecht. Sie hat ein Auto, fährt aber trotzdem mit dem Fahrrad. Noch Fragen?"
Ja. Haben die Berlinerinnen ein Imageproblem?
Tatjana: "Die Klischees, die wir aufgezählt haben, existieren ja seit Jahren. Deswegen liegen ja auch die Hoffnungen dieser Stadt auf den neuen Mitte-Girls."
Und wie sind die?
"Ein Mythos. Ein Klischee. Sie haben das 'New Berlin'-Face, das jetzt jeder haben will. Sie mussten sich zumindest nicht von den Durststrecken und Ausnahmezuständen der Stadt zeichnen lassen. Und sie haben einen Kosmetikkoffer und ein paar Designerklamotten aus aller Welt mitgebracht. Inzwischen können sie sogar hier einkaufen. Man kann sich sogar zum ersten Mal vorstellen, dass eine Frau aus der Calvin-Klein-Reklame von hier kommt... ", meint Jackie.
Tatjana: "Sie sind wegen des Images von Berlin als Melting Pot hergekommen."
Jackie: "Klassische Berliner Begleitumstände wie die Schäferhundschnauze im Rührei oder ein Ökokind an der Strumpfhose finden sie 'very Berlin' und eher witzig."
Tatjana: "Sie sind eklektizistisch. Sie verbinden alles Gute aus Ost und West und übernehmen auch die faszinierende, taffe, unprätentiöse Art der 'Old-School-Berlinerinnen'. Wenn ich mir das so recht überlege, entsteht hier eigentlich gerade so 'ne Art perfekte Frau. Wie ist das eigentlich für Männer wie dich auszuhalten?"
"Die Berlinerin". Herausgegeben von Dorothea Melis; Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin; 49,80 Mark.