Dr. Mitte Fällt die Love Parade aus?
Eigentlich, so waren sich die Love-Parade-Organisatoren einig, sollte 2001 das erste Jahr in der Geschichte der Love Parade ohne Genehmigungsprobleme werden. Durch die Bezirksreform hatten sich die Mehrheiten geändert, und Horst Porath (SPD), Naturfreund, Love-Parade-Gegner und Baustadtrat des abgeschafften Bezirks Tiergarten, war aus dem Amt geschieden.
Doch die Veranstalter hatten die Rechnung ohne die Bürgerinitiative "Rettet den großen Tiergarten" gemacht. Diese hatte findigerweise an den in Frage kommenden Samstagen im Juli noch vor der Love Parade ebenfalls Demonstrationen angemeldet. Das Verwaltungsrecht besagt nun, dass bei gleichzeitiger Demonstrationsplanung der frühere Anmelder den Vorzug erhält, ohne Rücksicht auf Größe und Bedeutung der Veranstaltung.
Die Love Parade ist aber immerhin die größte und weltweit bekannteste Berliner Veranstaltung, und ihre circa eine Million Gäste bringen geschätzte 150 Millionen Mark in die Stadt und stellt einen nicht zu vernachlässigen Wirtschaftsfaktor dar.
Dem Technospektakel wird sein umstrittener Status als einfache politische Demonstration zum Verhängnis - nachdem es jahrelang von ihm profitiert hat. Ist die Demonstration "politisch", hat nämlich die Stadt für die Müllbeseitigung und entstandene Schäden zu sorgen, was bei einem angemeldeten Volksfest den Veranstaltern obliegen würde. Während die Parade-Organisatoren ihr politisches Anliegen mit Demonstrationsmottos wie "Music is the key", "Let the sun shine in your heart" und einminütigen Ansprachen von Love-Parade-Gründer Dr. Motte eher augenzwinkernd untermauerten, verdienten sie durch den Verkauf von Lizenzprodukten, Tonträgern, exklusiven Fernsehrechten und Sponsorengelder siebenstellige Beträge pro Jahr. Im letzten Jahr wollte eine mit der Love Parade assoziierte Firma auch noch den exklusiven Getränkevertrieb im Tiergarten übernehmen - was von Baustadtrat Porath vereitelt wurde.
Tatsächlich regt sich gegen die Bevorzugung der Love Parade gegenüber anderen Veranstaltungen vermehrt Protest, insbesondere jetzt, da der Tiergarten nach der fünften Parade hintereinander deutlich sichtbare und irreparable Schäden aufweist. Je fertiger das Kanzleramt und die Bundestagsverwaltungsgebäude werden, desto mehr wird zudem auch Bundespolitikern aller Fraktionen klar, dass es ihr Vorgarten ist, der hier einmal im Jahr zertrampelt wird und noch Wochen später nach Urin stinkt.
Alle von der Love Parade großspurig angekündigten Müllvermeidungskonzepte können als grandios gescheitert gelten. Dass kein Raver sich noch mal eine Viertelstunde im Gewühl anstellt, um einen unpraktischen Pfandbecher zurückzugeben, mussten schon diverse Getränkefirmen erleben, die als offizielle Partner der Love Parade keine Freude hatten. Auch sprudeln die Sponsorengelder nicht mehr so üppig und nach inzwischen elf Paradenjahren scheint ohnehin eine gewisse Sinnkrise und konzeptionelle Müdigkeit vorzuherrschen.
Noch gibt man sich jedoch selbstbewusst im Planetcom-Hauptquartier. "Die Geschichte hat gezeigt, dass es im Interesse der Stadt liegt, die Love Parade zu erhalten." sagt Planetcom-Geschäftsführer Ralf Regitz. Die Top-Anwälte der Love Parade bereiten sich auf eine Klagerunde vor.
An einem Vorschlag eines Münchner Studenten, der seine schriftliche Arbeit zu seiner Diplom-Ingenieursprüfung damit bestand, eine Studie vorzulegen, die belegt, dass es Sinn machen würde, die Love Parade auf die Ostparade-Prachtmeile Karl-Marx-Allee zu verlegen, zeigte Planetcom kein Interesse, offiziell aus Sicherheits- und Lärmschutzgründen. Der Vorschlag, scheinbar eine Lösung, die Tiergartenfreunden und Technoparadierern nützt, berücksichtigt indes nicht die wirtschaftlichen Interessen der Love Parade GmbH: der zentrale Verkauf von Fernsehrechten und Werbeflächen dürfte dort nämlich weit schwieriger sein als an der Siegessäule...