Dr. Mitte: Selbstentzündende Kapital-Karossen - DER SPIEGEL
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Dr. Mitte Selbstentzündende Kapital-Karossen

Mal wieder ist der 1. Mai vorbei, und natürlich hat es auch in diesem Jahr ordentlich gekracht. Straßenfeste hin, Null-Toleranz her: Für einen war der Feiertag schon vor dem 1. Mai ruiniert. Dr. T. aus Kreuzberg war das erste Opfer der Krawalle. Jürgen Laarmann erzählt eine wahre Geschichte vom Kreuzberger Kiez.
Von Jürgen Laarmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der junge Arzt, nennen wir ihn Dr. T, ist - beziehungsweise war - Besitzer eines mittelalten, mittelgroßen Mercedes Benz und wohnt in Kreuzberg, nicht direkt da, wo am 1. Mai "was los" ist, aber um die Ecke.

Wie vor jedem 1. Mai überlegte Dr. T. - der keine Garage hat, aber die Verhältnisse kennt - wie er sein Auto während der Feiertags vor etwaiger Randale beschützen könnte. Am Samstag hielt er es für das Schlaueste, den Wagen in Berlin-Mitte stehen zu lassen und sich bis nach Abschluss der Mai-Proteste nur noch per Taxi zu bewegen. Am Abend jedoch entschloss er sich, selbst einen Mai-Ausflug zu machen, und stellte den Wagen schließlich am Sonntagmorgen um zwei Uhr vor seiner Wohnung ab. Die massive Polizeipräsenz in der Stadt und Innensenator Werthebachs markige Drohungen von "Null Toleranz" und "Hart Durchgreifen" beruhigten ihn und bestätigten ihn in der Richtigkeit seiner Entscheidung. Außerdem war die Karre auch schon ein bisschen "oll", und in den letzten Jahren war ja immerhin auch nichts mit ihr passiert.

Gegen vier Uhr früh weckte ihn lautes Feuerwehrgeheul, das aber auch nicht mehr viel nutzte. Von seinem Benz war nur das aus Fernsehbildern bekannte, rauchende, ausgebrannte Gerippe im Beirut-Bürgerkriegsstyle übrig geblieben. Um das Wrack drängte sich indes eine Besuchergruppe von mindestens einer Hundertschaft blutjunger Baden-Württembergischer Polizisten, die die schwelenden Überreste bestaunten. Ständig kamen neue Trupps von Polizisten aus anderen Bundesländern herbeigerauscht, die sich offenbar informieren wollten, was ihnen in den nächsten Tagen noch so bevorstehen würde, "SEK-Sightseeing" gewissermaßen.

Auch die Reporterteams von TV Berlin und der BZ waren vor Ort. Dr. T. bekam das verlockende Angebot, als "erstes 1.-Mai-Opfer" zu posieren und Coverstar zu werden, was er aber dankend ablehnte. Der Inhaber eines benachbarten türkischen Musikcafés zog Dr. T. daraufhin von den Reportern weg, um ihm eine brandheiße Information zu stecken. Er äußerte flüsternd die "an Gewissheit grenzende Vermutung", dass es sich bei dem abgefackelten Auto nicht um einen Anschlag der Autonomen handele, sondern um ein Missverständnis. Er sei überzeugt, dass die Inhaber des konkurrierenden, ebenfalls türkischen Musikcafés auf der anderen Straßenseite gedacht haben, es sei sein Auto oder das Auto eines seiner Gäste und es aus diesem Grund angezündet hätten. Da solle die Polizei doch mal nochforschen.

Schwacher Trost für Dr. T., der sich auch nicht besonders glücklich wähnte, in eine vermeintliche Fehde der orientalischen Etablissements Kreuzbergs verwickelt zu sein. Auch die Blicke der Freunde des Café-Inhabers, die offenbar gar nicht begeistert waren, dass Dr. T. nicht total dankbar auf den "heißen Tipp" reagierte, machten ihm Angst.

Doch damit nicht genug: Die Polizei gab während des Abtransports seines Autowracks die Losung aus, dass zunächst erst mal überprüft werden müsse, ob sich der Wagen nicht vielleicht selbst entzündet hätte. Die Möglichkeit, dass Autos sich selbst entzünden können, war Dr. T. bis dato unbekannt gewesen. Was für ein Zufall, dachte er sich, und das ausgerechnet in Kreuzberg kurz vor dem 1. Mai! Er sinnierte ein bisschen darüber, ob die spontane Selbstentzündung seines Autos möglicherweise ein stiller Protest gegen die Sinnlosigkeit der Mai-Scharmützel war. Oder ein Protest gegen ihn, dass er in Kreuzberg wohnen geblieben war, obschon Angebote anderer Stadtviertel ihn schon mehrfach gelockt hatten, er aber seinem Kiez stets treu geblieben war.

Das Philosophieren verging ihm jedoch schon am Montag bei unzähligen Behördengängen und dem Nachdenken über das Kleingedruckte in seiner Auto-Versicherung. Auch die eigentlich erfreuliche Tatsache, dass er als Mietwagen einen noch viel größeren und schöneren Benz zur Verfügung gestellt bekam, stimmte ihn nicht fröhlicher. Ein größerer Benz bedeutet in diesem Bezirk am 1. Mai nämlich nichts geringeres als noch größeren Ärger. Und wie der Mietvertrag des Luxus-Mietwagens ihm verdeutlichte, wäre sein Ersatzauto bei neuerlichen Akten des Vandalismus noch nicht einmal vollkaskoversichert.

Dr. T. verbrachte den Rest der Mai-Feiertage also mit dem weiträumigen Umfahren seiner Wohnung, stundenlangen Überdenken der Parksituation, Abgrasen von Parkhäusern und der Suche nach Asylgaragen, denn: Kapital (auch gemietetes) verpflichtet. Scheiß Kapital...