Dr. Mitte Unwohlsein bei der "Grünen Woche"
Eine nicht so leichte Kommunikationsaufgabe ist es, für die am Freitag startende Grüne Woche, zu werben. BSE, Lebensmittelskandale, Genmanipulation, Rücktritte politisch Verantwortlicher, Boykottaufrufe aus dem Ausland gegen deutsche Lebensmittel und der Vertrauensverlust der Verbraucher - die Lage sieht für Deutschlands große Messe für Ernährung und Landwirtschaft, Nahrungs- und Genussmittel ungefähr genauso aus wie damals für Shell nach der Brent Spar. Neue Landwirtschafts- und Gesundheitsministerinnen werden für Vertrauen werben und damit genauso viel Erfolg ernten wie mein Supermarkt mit seiner Fotokopie an der Fleischtheke, dass alles sicher sei, schwarzschaf-frei gewissermaßen. Zu erwarten ist ein riesiges Beschwichtigungsfestival der Extraklasse.
Auf der Website der Messe Berlin www.gruenewoche.de indes geht man neue Wege. Tituliert mit dem Slogan "Gefährliche Liebschaften - Lass mal sehen, die neue Grüne Woche" präsentiert man eine Fleisch fressende Pflanze, die eine Fliege verschlingt. Bei mir herrscht tiefe Ratlosigkeit, wie man das gemeint haben könnte. Soll hier auf alternative Ernährungsformen hingewiesen werden? BSE-unbedenkliche Insekten als neues Grundnahrungsmittel? Oder soll die Fleisch fressende Pflanze, die auch ohne Gesundheitstests und Schnickschnackkontrollen zuschnappt, als Vorbild dem verunsicherten Verbraucher Mut machen? Will man mit "Gefährliche Liebschaften" auf den neuen Thrill hinweisen, dass heute jedes Lebensmittel tödlich sein kann? Vielleicht ist es auch ein spöttischer Verweis darauf, dass auch alle Alternativen zu Rindfleisch ihre Gefahren beinhalten - nach dem Motto: "Zebraschinken aus Afrika ist noch viel ungetesteter, aber ihr könnt ihn bei uns auf dem Messegelände in Berlin mal sehen." Es gibt ja nichts, was wir Creutzfeldt-Jakob-Siechende in spe uns nicht vorstellen könnten: Wie wär's denn demnächst mal mit einem Atom-Tofu Skandal, der die Gesundheitsapostel trifft? Die Werbekampagne der Grünen Woche ist kryptisch. Steht der Slogan "Gefährliche Liebschaften" für eine Leistungsschau-Preview zukünftiger Lebensmittelskandale? Und warum nur das joviale "Lass mal sehen" statt einem verbindlichen "Lass mal schmecken"? Oder meinen die mit "Lass mal sehen" mehr "Lassen wir's mal locker angehen?" - Und das angesichts der prekären Lage? Gibt's da vielleicht Saboteure im eigenen Haus? Ist das ganze Zynismus pur? Oder spinne ich mit meinem leichten Unwohlsein genauso wie alle anderen Verbraucher?
Nicht minder skurril ist der Kinospot der Grünen Woche. Hier erzählt ein Landwirt seinem Sohn, dass vor ihm schon Großvater und Urgroßvater Bohnen angebaut und gegessen haben und damit alt geworden sind, und dass auch sein Sohn und dessen Sohn Bohnen anpflanzen sollen. Der Sprössling schreit laut "Neeeein". Und dann kommt das Grüne Woche-Logo mit dem Spruch "Statt immer Bohnen die Grüne Woche. Mehr Abwechslung. Mehr Vielfalt". Grüne Woche versus Grüne Bohnen? Passt das Bohnen-Dissing in unsere Zeit? Wirkt es nicht zynisch, dass hier mit windigen Verlockungen von Vielfalt gegen eine offensichtlich bewährte, wenn auch eintönige Bohnenernährungsform vorgegangen wird, die zumindest den Vorvätern ein biblisches Alter sicherten? Und wie passt die Fleisch fressende Pflanze von der Website dazu?
Es bleibt tiefe Ratlosigkeit in Sachen Ernährung.