Dr. Mitte Wellness-Start ins neue Jahr
An den Tresen, an denen sonst gerne erzählt wird, wann man mit wem gestern noch wie lange unterwegs war und dass es sehr spät geworden sei, gibt es dieser Tage unter den strengen Blicken leicht genervten Barpersonals Diskussionen über die Lieblingsmarke alkoholfreien Bieres. In den Fitness-Studios der Stadt werden viele Ganzjahres-Verträge unterschrieben. Die Metropole ist nüchtern.
"Im Januar ist sowieso nie was los", bekräftigen die temporären Abstinenzler, die den Januar zu ihrem Ramadan machen und die in diesem Monat gerade bei älteren Party-Mitbürgern über dreißig schon lange keine Randgruppe mehr sind. Nach dem furiosen Jahresende, bei dem es im Dezember häufig drei bis vier Top-Events am Abend gab, sind die gesellschaftlichen Anlässe im Januar rar und eher unbedeutend gewesen, die Vorsätze von Sylvester noch frisch und zu keinem Zeitpunkt so einfach einzuhalten wie gerade eben.
Am besten, so ist man sich einig, fährt man in dieser Zeit sowieso weg. Beliebte Reiseziele neben Skispaß und Karibik-Traum sind tschechische Sporthotels, Ayurveda-Kliniken, die eiskalte Ostsee und wie immer Thailand oder Bali, seit Jahren Winternistplatz der deutschen DJ- und Szeneprominenz.
Der Vorteil beim Wegfahren: Wenn man beim Nüchternsein schummelt, unterliegt man keiner strengen Kontrolle. Dieser unterlegen sich die Daheimgebliebenen und versuchen, entweder ihre Nüchternheit kollektiv zu bewältigen und schöner zu gestalten oder aber einander zu verführen und sich beim Nüchtern-Schummeln zu erwischen.
In der Praxis sieht das so aus, dass die Nüchternen mit ihren Mineralwässern und alkoholfreien Bieren den weitertrinkenden Kollegen ihre ganze Verachtung demonstrieren ("Geh mal weg mit deinem Schnaps und deinen Zigaretten"). Letztere haben indes großen Spaß, wenn die Nüchternen nicht allzu konsequent sind und spätestens ab 23 Uhr in welcher Form auch immer schwach werden und doch "nur eine" Zigarette rauchen, wobei das mit der "nur einen" ja traditionell nie hinhaut, siehe auch: "Ein Glas Wein" zum Essen.
Die Neu-Nüchternen gelten als nervig, wenn sie den Status ihrer neuen Nüchternheit ständig thematisieren oder gar glorifizieren. Ungern hört man von Leuten, die überdosiert nikotinpflasterbeklebt seit einer Woche nicht mehr rauchen, wie sensationell gut sie sich fühlen und dabei auch noch so tun, als hätten sie den K2 ohne Sauerstoffgerät rückwärts bestiegen. Gemein ist es, wenn die eisern errungene Nüchternheit nicht belohnt wird. Der trinkfeste Szene-Gastronom Frank Kemm (unter anderem Cibo Matto) ist nüchtern von der Leiter gestürzt und hat sich ein Bein gebrochen. "Das hat man nun davon!"
Sind Abstinenzler unter sich, kommt es zu bizarren Fachsimpeleien über Nüchternheitsstrategien. Allgemeiner Plan: Aufhören zu rauchen und aufhören zu trinken, damit man beim Aufhören zu rauchen nicht zunimmt, und wenn man wieder anfängt, Alkohol zu trinken, trotzdem versuchen, weiter nicht zu rauchen. Wobei das häufig gehörte "Das klappt eh nie" erfreulich realistisch, wenn auch wenig ambitioniert klingt.
Nun naht die Berlinale mit großen Schritten und vielen Party-Verlockungen. Nur wenige Hardcore-Nüchternianer wollen noch ein bisschen weitermachen und auch diese ohne Alkohol und Zigaretten durchstehen. Diejenigen, die vorher schon die Abstinenz-Regeln gebrochen haben, fühlen sich nun rehabilitiert. Manch andere zählen die Tage und reden schon seit Mitte Januar über die Freude auf den Moment, wenn sie in ihr "altes Leben" zurückkehren können.
Und manches Fitness-Studio, dessen Ganzjahresverträge per Bankeinzug bezahlt werden, freut sich dann darüber, den Rest des Jahres nicht ganz so stark abgenutzt zu werden.