"Drei Schwestern made in Germany": Null Stunde Null - DER SPIEGEL
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"Drei Schwestern made in Germany" Null Stunde Null

Wer genug hat vom staatstragenden Erbauungsfernsehen im "Luftbrücken"-Stil, kann heute Abend bei arte fündig werden: Oliver Storz' Komödie "Drei Schwestern made in Germany" demontiert heiter-tragisch den Mythos der Stunde Null.
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Die böse Spiel beginnt mit einer guten Miene: Vor der Tür steht ein freundlich lächelnder Herr, der die junge Frau fragt, ob sie ihn denn nicht mehr erkenne. "Der schöne Abend 1944 in Berlin", sagt er mit verschwörerischer Miene. "Mit Jupp", fügt er ein bisschen leiser hinzu. "Mit Joseph", raunt er präzisierend weiter. "Mit Joseph G." flüstert er schließlich. Da kommt auch der jungen Frau die Erinnerung an den Abend hoch, als sie als Flakhelferin bei einem ausgelassenen Tanzabend als Gesellschafterin für Joseph Goebbels abkommandiert wurde. Fast hätte sie die Geschichte vergessen. Zum Glück hat der Fremde Fotos vom Abend mitgebracht, auf denen sie den Reichspropagandaminister anhimmelt.

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"Drei Schwestern made in Germany": Lakonisch, tragisch, komisch

Foto: NDR/Martin Menke

Solche Aufnahmen sind im Nachkriegsjahr 1947 allerdings eine ziemliche Belastung - besonders dann, wenn man wie Freya Sonnenberg (Karoline Eichhorn) kurz davor steht, den amerikanischen Regimentkommandanten der Heimatstadt zu heiraten. Es soll eine der ersten deutsch-amerikanischen Hochzeiten nach dem Fraternisierungsverbot werden. Der Ami ist für Freya das Ticket in die Freiheit; raus aus dem süddeutschen Kaff Frauenburg, in dem ihr Vater einst Bürgermeister war, bevor die Nazis ihn aus dem Amt drängten und der alte Herr voll Gram verschied.

Zurzeit schlägt sich Freya aber noch an der Seite ihrer Schwester durch die Nachkriegszeit, in der so oft der Neuanfang gepredigt wird - und in der doch noch immer vielfach die alten Kräfte wirken. Guddi (Marvie Hörbiger), die Jüngste des Sonnenberg-Trios, vergnügt sich ungeniert mit schwarzen GIs und zieht so die Blicke der örtlichen Spießer auf sich. Nora (Barbara Rudnik), die Älteste und Besonnenste, träumt davon, endlich ihre Liebe zum ehemaligen KZ-Häftling und jetzigen Schwarzmarktkönig Horwitz (Stefan Kurt) offiziell zu machen. Die Sonneberg-Schwestern könnten nicht unterschiedlicher sein, in einem sind sie sich jedoch einig: Der Fremde mit den Goebbels-Bildern (Matthias Brandt) muss weg. Die im Vorgarten verscharrte Wehrmachtspistole könnte da von Nutzen sein.

Doppelter Boden statt einfacher Moral

"Komödie aus finstrer Zeit" nennt Autor und Regisseur Oliver Storz seinen Film im Vorspann. Frivole Verstrickungen und burlesken Überschwang gibt es hier reichlich. Bei der Hochzeit etwa wird der alte Onkel zum Schlafen in die Kammer gesperrt, weil sich das Tantchen mit einem US-Offizier vergnügen möchte. "My meat ist weak" - mein Fleisch ist schwach - hatte die dralle Dame zuvor an der Festtafel gesagt und wollte damit eigentlich auf die Konsistenz der Steaks hinweisen, die dort für die ausgehungerte Verwandtschaft serviert worden war. Am Ende landet sie dann eben mit dem US-Militär in der Speisekammer zum außerehelichen Beischlaf.

Hinter all der lustspielartigen Verve verbirgt sich bei Storz, der zuletzt mit seinem ebenfalls offenherzigen Brandt-Porträt "Im Schatten der Macht" für Furore sorgte, jedoch stets ein tieferer Sinn. Inspiriert wurde seine tragikomische Trümmermär offensichtlich von Tschechows "Drei Schwestern", wo sich die Heldinnen illusionslos in der Gesellschaft von Militärs über die Runden bringen. In der denkbar freien Variation des Klassikers wird nun ein zeitgeschichtliches Szenario gezeichnet, das man so im deutschen TV-Histotainment dieser Tage eher selten sieht. Brüchig, irritierend und doppelbödig ist dieser Nachkriegssoziotop. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen gelegentlich.

Zugegeben, nicht alle Pointen zünden, gelegentlich wackelt das Erzählgerüst der heiter-grimmigen Geschichte gar gefährlich. Trotzdem stellt "Drei Schwestern made in Germany" eine schöne Verschnaufspause nach dem staatstragenden Erbauungsgetöse von "Der Untergang" und "Die Luftbrücke" dar. All die Dramen über die letzten Tage des Krieges, über die Stunde Null und den hart erarbeiteten Wiederaufbau, die uns das Fernsehen zu den passenden Jubiläen erzählt, verdichten sich zu einem dubiosen Gründungsmythos. Man inszeniert sich den Neuanfang: So wurden wir, was wir sind.

Regisseur Storz indes, der mit seinen 76 Jahren klar der Flakhelfergeneration zuzurechnen ist, stößt mit all den deftigen Zoten seines Films durchaus in die psychosozialen Grauzonen jener Tage vor: Wo etwa hört der legitime Kampf ums Überleben auf, den die Zivilisten führen, und kippt in einen selbstgefälligen Opportunismus? Und wie kann es sein, dass der Kommandant aus dem wunderbar freien Amerika im Grunde seines Herzens ein übler Rassist ist, der die frisch geschlossene Ehe annulieren lassen will, weil die Schwägerin mit einem Schwarzen knutscht?

Die drei Schwestern schlagen sich burschikos durch Widersprüche dieser Art; Storz beobachtet sie bei aller Bissigkeit mit einer gewissen Zärtlichkeit. Vor allem die in Andeutungen erzählte Lovestory des ältesten Sonnenbergs-Mädchen zum jüdischen Schwarzmarkthändler, den Stefan Kurt als abgeklärten Bogart-Typen gibt, offenbart die Qualität des Films: Das Monströse kommt in der vermeintlich leichten Unterhaltung zum Vorschein, das Unversöhnliche tritt hinter der flotten Geste hervor. Die Stunde Null, hier ist sie eine lächerliche Illusion.


"Drei Schwestern made in Germany", 20.40 Uhr, Arte

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