E-Mail aus Hollywood Der Geheimcode der Navajo-Indianer
Der alte Indianer vom Stamm der Navajo, Carl Gorman, wohnhaft in Window Rock im US-Bundesstaat Arizona, ahnte, warum sein weißer Kamerad stets in seiner Nähe blieb - er sollte die Rothaut erschießen, falls der Feind die Stellung überrannte. Kein Verdacht, keine Alpträume, sondern Wirklichkeit. Auch Gorman hatte Pillen dabei, Gift um sich zu umzubringen, eine Pistole, um sich sein Leben und sein Geheimnis aus dem Hirn zu schießen.
Der Feind, das waren die Japaner, gegen die Marineinfanteristen wie Gorman von 1942 bis 1945 im Pazifik kämpften. Von Iwo Jima, Guadalcanal bis Okinawa - drei Jahre des Grauens. Historische Gefechte, an denen die Navajo-Indianer, die im Winter 1863/64 von der US-Kavallerie unter Kit Carson gnadenlos dezimiert wurden, erheblichen Anteil hatten. Dan Rather, einer der populärsten Nachrichten-Moderatoren Amerikas, bezeichnete die Rolle der Navajo-Indianer so: "Ohne sie hätten wir uns den American way of life womöglich nicht bewahren können".
Möglicherweise ist das übertrieben, Tatsache aber ist: Die Indianer waren in "eine der größten Geheimaktionen des Zweiten Weltkriegs" ("Arizona Republic") involviert. Sie landeten mit den Eliteeinheiten, den "Marines" auf den umkämpften Pazifik-Inseln, oft wurden sie hinter den feindlichen Linien abgesetzt. Doch sie schossen selten - ihre Aufgabe war es, den Funkkontakt zwischen Truppe und Befehlshabern zu halten. Die Japaner hatten im Pazifik oft kein Problem damit, verschlüsselte Botschaften zu knacken. Bis 1942 Philip Johnston, der 22 Jahre lang mit seinem Vater, einem Missionar, in einem Navajo-Reservat gelebt hatte, die zündende Idee kam. Er entwickelte einen Code, der aus der Navajo-Sprache abgeleitet war. Denn die "Code Talkers", wie die Sondereinheit der 420 Indianer im Pentagon genannt wurde, kommunizierten in einer Sprache, für die kein Alphabet, keine schriftliche Form existierte. Außerhalb des sich über 25.000 Quadratmeilen erstreckenden Navajo-Reservats, das sich über Teile der Bundesstaaten New Mexico, Arizona und Utah erstreckt, beherrschten gerade mal zwei Dutzend Weiße die Indianersprache.
Der Code erschien einem Kriegsberichterstatter "wie eine Mischung aus dem Gesang eines tibetanischen Mönchs und dem Geräusch einer auslaufenden Warmwasserflasche". In diesem Sing-Sang erfuhren die Kommandeure amerikanischer Truppenverbände von einem historischen Triumph: "Dibeh, Shi-Da, Dah-Nes-Tsa, Tkin, Shush, Wol-La Chee, Moasi, Lin, Yeh-Hes - die Japaner hatten sich zurückgezogen, über Iwo Jima flatterte das amerikanische Sternenbanner, "Ne-he-mah", unsere Mutter (Amerika) war dem Sieg näher gerückt, und in Europa mussten sich die Soldaten der "Besh-be-cha-he" (Eiserner Hut), Deutschlands, auf die Niederlage einstellen.
Beobachtungsflugzeuge wurden zur Eule, Ne-ahs-jah, das Schlachtschiff zum Wal, also Lo-tso, und aus Bomben wurden Eier, A-ye-shi. Be-al-doh-tso-lani, bedeutete "viele große Kanonen", das Gefecht: "Da-ah-hi-jih-ganh".
Seit das Pentagon 1968 den Top-Secret-Erlass über die "Code Talker" aufgehoben hatte, haben mehrere Autoren in Büchern die Geschichte der "ungefeierten Helden des Zweiten Weltkrieges" (Deanne Durrett) aufgerollt und sie als "Geheimwaffe" (Doris Paul) zelebriert. Der japanische Fotograf Kenji Kawano gab einen Bildband heraus ("Warriors").
Im November nun wird Hollywood in dem 100 Millionen Dollar teuren Film "Windtalkers" die Navajo-Geschichte verherrlichen - in den Hauptrollen Nicolas Cage ("Family Man"), der einen der Aufpasser eines "Code Talkers" spielt, und Adam Beach ("Smoke Signals"), ein Indianer vom Stamm der Ojibwa Nation, der einen Navajo verkörpert. Das Problem: Der Weiße und die Rothaut werden im Hollywood-Märchen zu Freunden. Was tun, wenn nun die Japaner den Geheimnisträger kidnappen? Als Drehort für den Pazifik-Krieg wählte Regisseur John Woo ("Mission Impossible II") die Hawaii-Insel Oahu. Die Darsteller wurden von Veteranen der Marineinfanterie in einer Kaserne eine Woche lang im Schnell-Kurs militärisch gedrillt. Kurzhaarschnitt inklusive.
Vier der "Code Talkers" der ersten Stunden (von insgesamt 29) kamen am Donnerstag vergangener Woche in Washington zu verspäteten Ehren - ihnen wurde die "Goldenen Kongressmedaille" überreicht, eine der höchsten Auszeichnungen der Nation. Und die "MGM"- Marketingexperten nutzten die Gunst der patriotischen Stunde: Sie baten die Indianer und Hauptdarsteller zu einem Galaempfang in die "Library of Congress" und zelebrierten das Heldentum der Navajo, die seit über hundert Jahren - wie hunderttausende Mitglieder anderer Stämme auch - ein bescheidenes Dasein im Reservat fristen.
Die japanischen Militärs gestanden nach der Kapitulation ihre Verzweiflung ob des Kauderwelschs, die ihre Dechiffrierer nie entschlüsseln konnten, nicht ein Wort. Als die Amerikaner zu Friedenszeiten dem japanischen Geheimdienstchefs, Seizo Arisue, ihr Geheimnis verrieten, reagierte der erleichtert: "Danke. Das ist ein Rätsel, das ich nie gelöst hätte."