E-Mail aus Hollywood: Die Artefakte des Homo Scriptorus - DER SPIEGEL
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E-Mail aus Hollywood Die Artefakte des Homo Scriptorus

Der wahre Schriftsteller-Purist schreibt seine Werke auf einer Schreibmaschine. Auch Bestseller-Autor Paul Auster schwört voller Zuneigung auf seinen Oldtimer der Marke Olympia. Zusammen mit dem Maler Sam Messer hat er ein schmales Bändchen herausgegeben, das den Fetisch Schreibmaschine in Text und Bild würdigt.
Von Helmut Sorge
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine Schreibmaschine. Nicht elektrisch, mechanisch. Gestern Fortschritt, morgen Museumsstück, jetzt Kunst-Werk. Sam Messer hat sie mit Ölfarbe auf Leinwand gemalt. Wie besessen war er von dem Sujet - bis zu 30.000 Dollar ist sie inzwischen wert. Symbole sind die Gemälde, die in seinem ockerfarbenen Häuschen im kalifornischen Santa Monica wie in einem Atelier die Wände schmücken - Erinnerungen an das Geklapper in Großraumbüros, an die 1808 von einem Italiener gebastelte erste Maschine, nostalgische Gedanken an Erfinder wie den Österreicher Peter Mittelhofer, dessen 1864 konzipiertes Gerät sogar auf einer Briefmarke seines Landes geehrt wurde. Nostalgische Gedanken an die Historie der Schreibmaschinen-Welt: Hersteller wie Fitch oder Sholes & Gliden, Sphinx und Crandall, Olivetti oder Remington, die Deutschen Schade, Adler, Hammonia oder die Kosmopolit, die von einem Nähmaschinenfabrikanten in Hamburg hergestellt wurde und "Schärfe, Schönheit und Gleichmäßigkeit der Schrift" versprach.

Was verbindet uns nicht alles mit diesem Ding, mal abgesehen von Rückenschmerzen? Die Klingel, die das Ende der Zeilen signalisierte, das Kopierpapier, das blaue Flecke hinterließ, schwarze Finger vom Farbband. Und den Frust der Tippsen. Ja, so hießen die Damen, bei denen sich die Nackenmuskeln verhärteten und die Hornhaut auf den Fingerkuppen Büroqualen andeuteten. Tippsen! Diskriminierend dieses Wort. Doch politisch korrekt hat die Gesellschaft längst umformuliert. Die Schwarzen wurden zu Afro-Amerikanern, die Putzfrauen zu Raumpflegerinnen, die Tippsen - endlich - zu Schreibkräften, Sekretärinnen oder Vorzimmerdamen. Nur die Löhne blieben natürlich unverändert. Und das Gerät? Blieb das Gerät. Tippfehler wurden mit Tippex korrigiert. Das Farbband klemmte, Buchstaben fielen aus der Fassung, x schlug nach A, während y und D längst verloren waren, irgendwo im Papierkorb zwischen Apfelsinenschale und Reisekatalog.

Die Schreibmaschine bescherte uns unvergessene Szenen: Der uniformierte Polizist im Hollywoodfilm schlägt im Zwei-Finger-System in die Tasten, mit jedem Buchstaben rückt der Beschuldigte dem Gitter-Dasein näher. Unterschreiben. Abführen. Oder auf dem Bezirksamt, in der Einwanderungsbehörden, beim Finanzamt, weltweit: Beamte, so grau im Gesicht wie die Wand hinter ihnen. Der Frust, der sich im Gesicht verhaftet hat, wird durch die Neonlampen noch deutlicher, doch die Tasten der Schreibmaschinen absorbieren - gleich Blitzableitern - den Unmut der Staatsdiener. Die Maschine quält nur den Menschen, der vor ihr hockt, und lässt jenen ob seiner Macht frohlocken, der eifrig in die Tasten haut: Er weiß den Staat hinter, die garantierte Rente vor sich.

Paul Auster hat bisher zehn Romane auf seiner Reiseschreibmaschine getippt. Wahrscheinliches Baujahr: 1962. Nachdem seine alte "Hermes" auf einer Reise zerdrückt worden war, verkaufte ihm ein Studienfreund anno 1974 für 40 Dollar die aktuelle Olympia, "made in Germany". Sie hat den Bestsellerautor um die Welt begleitet. Er hat auf ihr Drehbücher geschrieben, etwa für den Film "Smoke", und jenen "New York Times"-Artikel anlässlich der Attentate vom 11. September, den das eigentlich liberale Blatt wegen kritischer Worte zu George W. Bush zunächst nicht drucken wollte. Jede Zeile seines jüngsten Bestsellers "Das Buch der Illusionen" hat er auf der treuen Olympia getippt. Längst ist die Maschine für den Schriftsteller zu einem lebendigen Wesen geworden, das Stimmungen und Wünsche erkennen lässt. Sie zeigt ihren Zorn und ihr Glück und, der Autor würde es schören, ganz versteckt in ihrem grauen, metallenen Leib "ist ein Herzschlag zu vernehmen".

Nach mehr als einem Vierteljahrhundert Zweisamkeit, acht Stunden täglichem Kontakt, sind derartige Verklärungen durchaus verständlich. Nicht Auster freilich hat der Maschine Seele und Leben eingehaucht, sondern Freund Messer. Der hat sich in das Ding vernarrt, es skizziert und schließlich gemalt, schwarz, weiß und bunt. Gemeinsam haben Autor und Maler nun ein 71 Seiten umfassendes Buch produziert, "The Story of my Typewriter", in der die Olympia Hauptdarstellerin ist - fast so schön wie Marlene Dietrich oder Julia Roberts, nur maschineller.

Die Story ist eigentlich banal, gleichwohl nahezu ein Drama: Zwei oder drei Jahre ist es her, dass Auster bei Leon, seinem Schreibwarenhändler in Brooklyn, für seine Olympia Farbbänder nachkaufen wollte, 50 Stück auf einmal. Leon telefonierte und telefonierte bis in die hintersten Winkel des Mittelwesten-Staates Kansas. Doch seine Recherche-Ergebnisse bedrückten den Schriftsteller: Farbbänder für den Maschinen-Oldtimer waren schwerer zu finden als weiße Trüffel. Was tun? Keine Farbbänder, kein Auster mehr? An einen Computer will sich der Intellektuelle nicht wagen, weil er die Geschichten von Kollegen kennt, die sich auf ihrem Computer verirrten, die falschen Tasten drückten und in Bruchteilen von Sekunden ihre Manuskripte löschten.

Auster, 55, ist bereit, sich von Freunden als "Feind des Fortschritt" qualifizieren zu lassen, als Fossil in der digitalen Welt. Der Autor spürte nämlich plötzlich für seine Olympia "eine gewisse Zuneigung", nicht zuletzt, weil sie zu einer "endangered species" geworden war, einer vom Aussterben bedrohten Art, "eine der letzten überlebenden Artefakte des Homo Scriptorus", wie Auster in seinem Schreibmaschinen-Werk notierte. "Ob ich wollte oder nicht, mir wurde klar, dass wir", die Schreibmaschine und er, "dieselbe Vergangenheit haben" und dass es auch in Zukunft nicht anders sein würde - Mensch und Maschine vereint, bis dass die Farbbänder sie scheiden.

Die Trennung von der Olympia wäre für den Schriftsteller Verrat gewesen. Undenkbar sogar der Gedanke, auf eine elektrische Schreibmaschine umzusteigen. Seine Phantasie, seine Geistesströme verbunden mit einem Elektrizitätswerk, oder schlimmer noch, mit einem Atomreaktor? Unmöglich. Oder sollte er den Weg zurückgehen, von der Maschine zum Füllfederhalter, über den Kugelschreiber zum Bleistift und letztlich so schreiben wie sein Kollege in Brooklyn, Norman Mailer, mit der Hand? Andere ehrenwerte Autoren wie Bond-Erfinder Ian Fleming setzten ihre Gedanken auf einer Royal um. Ernest Hemingway nutzte eine Underwood-Maschine, Mark Twain arbeitete mit einer Sholes & Gliden, Tennessee Williams schrieb auf einer Olivetti Studio 44, auch Charles Bukowski arbeitete an einer Schreibmaschine - wie konnte sich Auster im Schatten solcher Grandeur von seiner Olympia verabschieden?

In diesem Dilemma begegnete er Sam Messer, Malerei-Professor an der elitären Yale-Universität, der vom Äußeren einem Typen entspricht, der, wie das Magazin "L.A. Weekly" glaubt, "in das Berlin der zwanziger Jahre gepasst hätte": rasierter Schädel, schwarzer Brillenrahmen. Ein nachdenklicher, aber fröhlich-freundlicher Krawattengegner. Seit acht Jahren fliegt der Familienvater (verheiratet, eine Tochter, wie Auster) Woche um Woche aus Kalifornien zum Unterricht an das College an der Ostküste - auf eigene Kosten. Der Schriftsteller erzählte ihm von seiner Maschine und fortan malte Messer nur noch Austers Olympia, weil es ihn fasziniert, wie ein Autor ohne Schreibmaschine vereinsamt. Wie ein Chirurg ohne Skalpell ein Nichts ist und ein Kochlöffel die Identität des Kochs bestimmt. Mit Auster konnte sich der Künstler auch politisch identifizieren, sie vereint die Ablehnung des derzeitigen US-Präsidenten, der für Messer so "schrecklich ist, dass daneben sogar der trottelige Ronald Reagan wie ein kluger Kerl erscheint". Einig sind sie sich auch in der Überzeugung, dass Amerika "an Künstlern eher desinteressiert ist", es sei denn, sie werden zu Medienstars wie Warhol. Oder sie sind Hollywood-Schauspieler.

Künstler sind für die Mehrheit der US-Bürger nicht Kreative, die mit ihrem Werk provozieren und anregen wollen, sondern jene, die keine Socken tragen und Friseure in den Bankrott treiben. Einen Günter Grass würde die Mehrheit der Amerikaner wahrscheinlich als deutschen Kardinal im Vatikan identifizieren, wie so mancher Deutsche wahrscheinlich Henry James mit Henry Fonda verwechseln würde. Messer hat trotz des kulturellen Desinteresses seiner Landsleute seit zwei Jahrzehnten ausschließlich vom Verkauf seiner Bilder gelebt. Renommierte Museen wie das Metropolitan Museum of Art in New York haben seine Bilder erworben. Der Hollywood-Star Ben Stiller hat ihn damit beauftragt seine Eltern zu porträtieren, das Filmstudio 20th Century Fox ließ von Messer zwei gigantische Wandmalereien herstellen - die Anzahlung für sein Haus in Santa Monica.

Bereits als Kind hat Messer gemalt und davon geträumt "wie Jackson Pollock zu werden". Über Jahre freilich musste er sich in seiner Heimatstadt New York als Bilder-Rahmer durchschlagen; in den achtziger Jahren zählte er zur neo-expressionistischen Bewegung in New York. Heute malt Sam Messer was ihm gefällt, wird inspiriert durch Menschen oder Objekte, die ihn ansprechen.

In seinem Haus in Brooklyn hat Paul Auster nun auch zwei Messer-Werke aufgehängt. Sie zeigen Olympia, die Schreibmaschine. Die Gemälde scheinen ihm Glück zu bringen, denn einige der seltenen Farbbänder für die geliebte Maschine ließen sich schließlich doch noch auftreiben.

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