E-Mail aus Hollywood: Ein Enzo, ein Wert - DER SPIEGEL
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E-Mail aus Hollywood Ein Enzo, ein Wert

Längst setzt der Automobilkonzern Ferrari in den USA mehr Luxuskarossen ab, als in seiner europäischen Heimat. Erfolgreiche Hollywood-Größen und Sportler-Stars schmücken sich mit den roten Rennern, die gleichzeitig als Wertanlage in unsicheren Zeiten dienen.
Von Helmut Sorge
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Über den Bildschirm im Büro des Ferrari-Chefs am Wilshire Boulevard laufen Bilder aus Bagdad mit der Unterzeile "Saddam - tot oder lebendig?" Giacomo Mattioli ist "betroffen" von den Bildern der Zerstörung, sein Geschäft freilich ist weder vom Krieg noch den Karambolagen eines Michael Schumachers beschädigt: "Wir leben auf einem anderen Planeten".

In diesen Tagen werden in Kalifornien die ersten Exemplare des neuen "Enzo-Ferrari Limited Edition", ausgeliefert. Der Preis: stolze 652.000 US-Dollar. Ein Sammler-Stück, so Mattioli, das "nicht viele Meilen" fahren, sondern in der Garage Vermögen vermehren soll. Mit anderen Worten: Ein "Enzo" ist Investment und sichere Geldanlage in unsicheren Zeiten wie diesen. Der 1966 gebaute "365-California", von dem nur 14 Stück hergestellt wurden, ist heute mehr als eine halbe Million Dollar wert.

Nur 399 "Enzo-Ferraris" hat das Werk in Modena weltweit gefertigt. Die komplette Auflage ist ausverkauft. Mattioli konnte für seine kalifornischen Kunden immerhin zwei Dutzend der insgesamt 80 in die USA transportierten Sonder-Expemplare sichern. Ursprünglich hatte sich Ferrari auf die Herstellung von nur 349 "Enzos" eingestellt, doch um die Empörung abgewiesener Kunden zu begrenzen, erweiterte das Werk die Produktion. Am Ende entschieden die Bosse in der italienischen Ferrari-Zentrale in Modena darüber, welcher Stammkunde letztlich mit einem "Enzo" beglückt werden sollte. Der Auslese-Prozess war "brutal", wie Mattioli meint: Der legendäre Ferrari-Gründer Enzo, dem zu Ehren das neue Modell benannt wurde, hatte den Kurs noch zu Lebzeiten vorgegeben. Mindestens "ein Wagen weniger als die Nachfrage" sollte gebaut werden.

Längst setzt Ferrari in den USA mehr Fahrzeuge ab, als in Italien selbst (400), insgesamt etwa 1000 Luxusschlitten pro Jahr. Der Ferrari-Club Amerika zählt inzwischen 4800 Mitglieder, was Giacomo Mattioli, dem seit fünf Jahren in Beverly Hills aktiven Ferrari-Verkäufer, nicht überrascht: Ferrari, meint er, sei "nicht nur ein wundervolles Produkt", sondern ein "big statement", der Ausdruck eines Lebensstils. Bei den Garden Parties in Bel Air, Beverly Hills, Pacific Palisades oder Malibu lassen die Ferrari-Besitzer schon mal - rein zufällig natürlich - die Garagentore geöffnet, damit die Gäste auch erkennen, welche Motorenkraft in der Villa parkt.

75 Meilen pro Stunde, rund 120 km/h, dürfen die Amerikaner über ihre Highways fahren, drei Gänge reichen bei diesem Tempo für Porsches oder Ferraris aus - der ausgefahrene vierte kann - Radarfalle sei Dank - schon zu Handschellen oder in den Knast führen. Der fünfte und der sechste, der die Ferraris erst auf 300 Stundenkilometer treibt? Ein Traum. Nicht Michael Schumacher ist es, der die Reichen Amerikaner zum Rasen verführt. Der deutsche Weltmeister und Ferrari-Pilot könnte in Disneyland mit der Achterbahn fahren oder am Strand von Santa Monica Federball spielen - allein die italienischen Kellner der "Locanda Portofino" oder "Giorgio's" würden ihn erkennen. Schumacher ist ein "nobody" in den USA.

Formel-1-Rennen werden allenfalls im Kabel-Fernsehen übertragen, zumal Amerikas Rennfans sich vor allem begeistern, wenn die Rennwagen, wie bei den "Indy 500" etwa 200-mal im Kreis fahren und dabei gelegentlich in die Mauer rasen: Crash ist "in". Beim Toyota Grand Prix im kalifornischen Long Beach, ließen die Veranstalter zwar jene Ferraris vorführen, in denen Niki Lauda und Giles Villeneuve vor Jahren in amerikanischen Formel-1-Rennen gestartet sind, auch haben die Italiener inzwischen ein halbes Dutzend Rennwagen vom Typ "360 GT" für die auf Langstreckenrennen wie Daytona oder Sebring spezialisierten Kunden entwickelt (Stückpreis: mindestens 400.000 Dollar). Tatsächlich aber ist ein Ferrari in den USA für die Machos, was für die Society-Ladies ein zwölfkarätiger weißer, oder dreikarätiger rosafarbener Diamant bedeutet - ein absolutes Luxusobjekt.

Scheidungsanwälte, Hollywood-Regisseure wie Michael Bay ("Pearl Harbor"), Komponisten wie Giorgio Moroder, Rapper wie Sean "Puffy" Combs, Schauspieler wie Nicolas Cage oder Sylvester Stallone und Goldie Hawn, aber auch die Basketball-Stars der "L.A. Lakers", Kobe Bryant, Robert Hory und Shaquille O'Neal sind Ferrari-Eigner. Der 2,15 Meter große O'Neal musste in seinen "456" den Vordersitz an jenen Platz schweißen lassen, an dem ansonsten die Notsitze installiert sind. In seinem "355" ließ der Sportler von einer Spezialfirma in der Nähe von L.A. die Treibstofftanks umsetzen, damit er seine Basketballer-Beine ausstrecken kann.

Porsches, Lamborghinis und Ferraris verursachen nicht den Neid jener, die im gewöhnlichen Buick oder Chrysler über die Highways schaukeln, eher träumen sie davon, den Reichen nachzueifern: Einmal im Ferrari-Cabriolet cruisen, wie Madonna in ihrem Videoclip "Material Girl", einmal Besitzer eines "400" sein, wie Tom Cruise in "Rain Man". In L.A. scheut sich kein Hollywoodmime mit seinem Bentley-Cabriolet, Porsche oder Ferraris seine Kids von der Schule abzuholen. Wer Geld hat, zeigt es auch. Ein Fernsehstar wie Jay Leno hat sogar am Flugplatz von Santa Monica eine Halle angemietet, um Dutzende seiner Oldtimer abstellen zu können.

Der örtliche Ferrari-Chef Mattioli staunt über die Nachfrage in diesen kriegerischen, traurigen, börsenflauen Tagen: "Einfach unglaublich" Jene Kunden, die an den Aktienmärkten Hunderte Millionen Dollar verloren haben, beklagen zwar ihre Verluste, auf ihren Ferrari verzichten sie aber ebenso wenig, wie auf ihren privaten Jet. Die Wartelisten für seine Ferraris sind lang, behauptet Mattioli, der 1995 aus seinem heimatlichen Modena in die USA umzog. Selbst für das nur 230.000 Dollar teure Modell "456" sei "Geduld erforderlich". Mattioli selbst fährt derzeit einen Maserati.

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