E-Mail aus Hollywood Essen wie Gott in Amerika
Vor der weißen Bude stoppt eine schwarze Limousine. Die flackernde Neonwerbung wirft ihr Licht auf das Autodach. Der Chauffeur reiht sich ein in die Menschenmenge am Melrose Boulevard, Ecke La Brea. Es ist Mitternacht in Hollywood.
Die hintere, getönte Scheibe der Luxuskarosse senkt sich lautlos. Eine Blondine ruft dem Fahrer zu: "Ed, vergiss nicht: doppelte Portion rote Zwiebeln, Chili extra." Ed nickt und wartet, so wie Dutzende vor ihm. 20, 30 Minuten wird er anstehen müssen. Bei Pink's nämlich ist immer Betrieb, von morgens 9.30 Uhr bis zwei, drei Stunden nach Mitternacht. Nur in einer Stadt wie L.A., so scheint es, werden auch Wurstbuden zu Legenden, wohl auch weil Pink's Wurst seit 1939 an dieser Ecke gebraten, gekocht, vertilgt wird.
Hollywood-Snobs, jene die witzig sein wollen, schockieren ihre Schönen mit einer Dinner-Einladung bei Pink's - Plastikstühle, Plastikbecher, Plastikbesteck, alles leuchtet grell im Neonlicht. Auf der Speisekarte steht der 25 Zentimeter lange "Stretch Chili Dog" oder auch der "Chicago Polish Dog", einschließlich Senf, Zwiebeln, Tomaten, Salat, Meerrettich, und gegen einen Aufschlag von einem Dollar auch ein paar Streifen gebratenen Speck. Der "Poli Bacon Cheeseburger", eine Kombination aus Hamburger und "Hot Dog", angereichert mit einem üppigen Schlag Majonäse, Speck, Tomaten, Käse zählt zu den Spezialitäten.
Pink's ist zwar keine Stätte für auf Fitness- oder Yoga schwörende Mineralwasser-Apostel, doch die Wände der Wurstbude sind mit Fotos etlicher Stars geschmückt. Jerry Lewis hat auf sein Bild "Your Place Is The Best" (hier schmeckt's am besten) geschrieben. Von der Wand lachen auch Bill Cosby, Steve Martin, Quincy Jones, Eddie Murphy oder der Olympiaathlet Bruce Jenner, der auf einem Titel des Magazins "Sports Illustrated" die "Great Dogs" lobte. An dieser gottverlassenen Ecke, in der nach Mitternacht weder verlorene Katzen streunen noch Prostituierte ihre Röcke heben, geht's nicht um Chic und Schönheit, sondern einfach um die Wurst - und Buletten.
Pink's ist nicht nur eine "nostalgische Reise in die Vergangenheit", wie es die Besitzer formulieren. Der legendäre Schnellimbiss ist auch ein Symbol für die Essgewohnheiten der Nation, für ihren "Way of Life". Täglich, so notiert Eric Schlosser in seinem Bestseller "Fast Food Nation", isst rund ein Viertel der US-Bürger in einem "Fast Food Restaurant", wie Pink's, Burger King, McDonald's oder Pizza Hut. Vor drei Jahrzehnten, recherchierte der Autor, setzte die Fast Food Industrie gerade mal sechs Milliarden Dollar um, heute sind es rund 110 Milliarden. Im Klartext: Für Hamburger, Pizza oder Würstchen geben Amerikaner insgesamt mehr aus als für Filme, Bücher, Magazine, Zeitungen, Videos und CDs.
Doch die Fast Food Revolution bestimmt nicht nur die amerikanische Lebensart. Sie hat auch weltweit Amerikas kulinarisches Image kreiert: Verdammt bis in alle Ewigkeit gelten die US-Köche als Bulettenbrater, Pizza-Bäcker, Cola-Säufer. Die mit gekreuzten Topflöffeln und Sternen in edlen Gourmetführer geadelten Cuisiniers der Grande Nation, Frankreich natürlich, sehen in den amerikanischen Küchen-Kollegen allenfalls Typen, die hinter der Bezeichnung "Bouillabaise" eine französische Provinz vermuten. Folglich galten die USA als kulinarisches Entwicklungsland - belächelt von Maitres wie Alain Ducasse, Paul Bocuse oder Joël Robuchon.
1973 kochte der Österreicher Wolfgang Puck erstmals mit US-Kollegen in New York. Und wie er sich heute erinnert, "litten die an Minderwertigkeits-Problemen und waren reichlich verunsichert". Kein Wunder: Puck hatte trotz Hungerlohn bei einem südfranzösischen Edel-Koch die Lehrjahre durchstanden und später unter anderen im Pariser Maxim's die von seiner Mutter gelernten Soßen angerührt.
Drei Jahrzehnte später hat sich die Lage geändert. Puck sagt: "Die Amis müssen immer noch Mercedes oder Porsche importieren, weil sie den anderen technisch voraus sind." Die europäischen Köche könnten inzwischen jedoch zuhause bleiben. Sicher, McDonald's ist und bleibt eine amerikanische Institution, Kids ziehen noch immer Pizza und Pommes der Gänseleberpastete oder Seezunge à la Müllerin Art vor. Und selbst jüngere Hollywoodstars bestellen in Luxusrestaurants wie etwa der L'Orangerie in Hollywood eher ein vertrautes Steak als eine raffinierte kulinarische Feinheit. Allmählich aber "schwappt das Interesse an Gourmetspeisen auch auf die Mittelklasse über", sagt Hans Röckenwagner, der vor 17 Jahren (im "Le Perroquet" zu Chicago) erstmals mit Amis am Herd stand und heute in Santa Monica sein "Röckenwagner" führt.
Kochkurse, TV-Kochstudios und Zeitungen überschwemmen derzeit die USA mit guten Tipps für feines Braten, Grillen, Gratinieren. Anscheinend mit Erfolg. Die neuen amerikanischen Restaurants gehören zu den besten der Welt. Lesen Sie den zweiten Teil des E-Mail aus den Küchen Hollywoods.