E-Mail aus Hollywood: Karawane der Voyeure - DER SPIEGEL
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E-Mail aus Hollywood Karawane der Voyeure

Wer es in Hollywood zu etwas gebracht hat, wohnt in Beverly Hills. Prunkvolle Anwesen und der Reiz, einen echten Prominenten in seinem Vorgarten zu erwischen, treiben täglich Hunderte von Neugierigen in die Touristenbusse. In den hügeligen Straßen des Nobelviertels ist der Amerikanische Traum vom Erfolg noch evident.
Von Helmut Sorge
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wolken, die Regen andeuten, verdunkeln den Himmel über Hollywood - eine frühe Weihnachtsbescherung für das ausgetrocknete Volk. Eine Putzkolonne, die am frühen Morgen angerückt ist, um das am Hollywood Boulevard auf eine Werbefläche genagelte, überdimensionale Sternenbanner zu reinigen, lässt sich gleichwohl vom Einsatz nicht abbringen - auch diese Sterne sollen in den festlichen Tagen glänzen.

Supermann steht in seinem roten Dress bereits vor dem Chinese Theater und konkurriert mit Batman um die Gunst (und Dollars) der Touristen, die das Erinnerungsfoto mit den Film-Figuren vielleicht gerahmt auf die Ikea-Truhe im Eigenheim oder Wohnwagen aufstellen - irgendwo in der Provinz von Des Moines, Iowa, oder Little Rock, Arkansas. Elvis Presley, so scheint es, muss an diesem Tag sein Buntes waschen, womöglich ist er beim Berufsberater - zumindest fehlt die Elvis-Kopie. Aber was soll's, echt oder unecht, die Illusionen zählen, eine Stunde Spaß und Ablenkung vom Alltag.

Die Amerikaner betreiben den Personenkult mit ihren Stars fast wie einst die Rotchinesen mit Mao. Sie warten Stunde um Stunde vor den Oscar-Verleihung am roten Teppich, nur um einmal Arnold Schwarzenegger oder Brad Pitt in Fleisch und Blut zu sehen. Sie kreischen oder fallen in Ohnmacht, sobald Julia Roberts ihre langen Beine aus der schwarzen Limousine streckt. Tag für Tag rollen die Kleinbusse von "Casablanca", "Starline"-Tours oder "Hollywood Fantasy Tours" vom Hollywood Boulevard gen Beverly Hills oder Bel Air, die Passagiere ausgestattet mit Straßenkarten "to the movie stars homes", in denen über 1000 Adressen von Hollywood-Stars verzeichnet sind.

Im März 1999 bereits hat die Stadtverwaltung von Beverly Hills eine Verfügung erlassen wonach es "sightseeing vehicles" verboten ist, Fahrgäste in Wohngebieten aus- oder einsteigen zu lassen. Mit anderen Worten: Der Bus stoppt nicht, selbst dann nicht, wenn die Touristen vom Busfenster aus die vor der Villa des Popstars Janet Jackson geparkten Ferraris der Sängerin ausmachen, und schon gar nicht, wenn Peter "Columbo" Falk vor der Tür zu seinem Haus am Roxbury Drive die Faust ballt, wenn schon wieder ein Touristenbus vorbei rollt.

Es nervt, kein Zweifel, wenn Stunde um Stunde Pkws oder Touri-Busse die palmengesäumten Straßen blockieren, eine ewige Karawane der Voyeure. "In einer Phase meines Lebens", so Latino-Star Jennifer Lopez, "fühlte ich mich wie ein Panda im Zoo". Fans folgten ihr bis auf die Toilette für ein Autogramm: "Ich werde jetzt pinkeln, und vielleicht sollte ich mir erst die Hände waschen, bevor ich Ihren Kugelschreiber benutze", scherzte die Schauspielerin.

Tim ist ebenfalls ein Schauspieler. Vor einigen Wochen war er kurz in Szenen der Erfolgs-Serie "The West Wing" aufgetreten, für einige Minuten war er sogar in "Friends" im Bild. Immerhin ein Erfolg in dieser Stadt. Nur - die Gage reicht nicht. Also fährt Tim nebenbei für "Casablanca" einen der Touristenbusse. Nur sieben Prozent der Bewohner von Beverly Hills, erklärt er seinen Fahrgästen, sind tatsächlich im Filmbusiness beschäftigt. Jene 93.000 Schauspieler, die in der Gewerkschaft Screen Actor's Guild vereinigt sind, träumen oft nur davon, hinter jenen Hecken und Mauern zu residieren, an denen Tim seinen Bus entlang steuert.

Schon auf dem Sunset Boulevard informiert er die Orts-Fremden über die Stars, die an der 40 Kilometer langen Straße für Klatsch sorgen: Cameron Diaz und Leonardo DiCaprio, weiß er, haben in das Hip-Hotel "The Standard" investiert, der Auktionär Butterfield and Butterfield hat den Privatbesitz des wegen Mordes angeklagten Footballstars O.J. Simpson versteigert, Peter Fonda ist Eigner eines Western-Restaurants, sein Kollege Dan Aykroyd besitzt das "House of Blues". In diesem Diner dort hat Danny de Vito gedreht, und dort drüben, vor dem schwarzen Eckgebäude, ist River Phoenix gestorben. Der - angebliche - Besitzer des Clubs: Johnny Depp.

An der Grenze zwischen Beverly Hills und West-Hollywood hat sich "Hornburg" etabliert, der erfolgreichste Jaguar-Händler Amerikas. Kein Wunder, denn 80 Prozent der Anwesen in Beverly Hills, weiß Tim zu berichten, verfügen über einen Pool und durchschnittlich mindestens vier bis sechs Gärtner für die Rasenmaniküre. Da reicht es auch noch für eine britische Luxuskarosse. Vor einem Eck-Grundstück zeigt der Fahrer auf einen ehemaligen Frank-Sinatra-Besitz, den nun ein Produzent bewohnt. Sein Grundstück ist - wie jedes Jahr - mit Tausenden von bunten Glühbirnen, Dutzenden von Weihnachtsbäumen und Schlitten weihnachtlich dekoriert - die wöchentliche Stromrechnung ist sicher höher als das, was Tim verdient. Aber in seinen Ausführungen ist kein Neid, kein zynischer Ton zu spüren. Dort drüben, erklärt er, dieses unbebaute, mit einer Plane verdeckte Grundstück sei soeben für 10 Millionen Dollar verkauft worden; zwei Sätze weiter spricht er vom Minimalstundenlohn der US-Arbeiter: 6,75 Dollar.

Für US-Bürger, so scheint es, ist der Rolls Royce Corniche, der bei Britney Spears in Bel Air auf dem Grundstück steht, ein Symbol des Erfolgs, die Erfüllung des amerikanischen Traums. Die Eltern, die für den Unterricht ihrer Kinder an der Harvard-Westlake School im Jahr rund 20 000 Dollar bezahlen müssen, werden nicht als Kapitalisten verketzert, die sich am Elend der Anderen bereichern, es gilt vielmehr, ihnen nachzueifern, und sei es über den Umweg eines Roulette-Tischs in Las Vegas.

Letztlich ist den Touristen auch egal, ob das Haus, das Tour-Guide Tim als Eigentum von Elton John benennt, auch tatsächlich von ihm bewohnt wird (der Brite mietet sich lieber im "Beverly Hills Hotel" ein). Allein der Gedanke, John Travolta könnte in seiner Flugzeugführer-Uniform (unter anderem besitzt er eine Boeing 707) vor die Tür treten, lässt den Fahrpreis in Höhe von stolzen 42 Dollar wie Kleingeld erscheinen.

Auch Box-Champion Mike Tyson wohnt in jener edlen Nachbarschaft, in der George Clooney soeben die letzten Korrekturen an seinem neuen Haus beaufsichtigt. Am Roxbury Drive, Hausnummer 917, lebte Marilyn Monroe mit ihrem Baseballstar Joe DiMaggio in einem verträumten Klinkerhaus. Elvis Presley wohnte hier, als er 1956 "Love Me Tender" zum Bestseller sang. Auf dem Whittier Drive, erklärt der unermüdliche Guide, residiert der Kunstsammler und Schauspieler Steve Martin, der im März erneut die Oscars moderiert. Im Haus gegenüber lebt - normalerweise - Zsa Zsa Gabor. Im Moment, so Tim, liege sie jedoch noch im Krankenhaus und leide an den Folgen eines Autounfalls auf dem Sunset Boulevard.

Rocksänger Mick Jagger hat sich in dieser Gegend eine feine, gelbfarbene Villa zugelegt, nicht weit entfernt von illustren Kollegen wie Miss Lopez, die (derzeit mit Ben Affleck liiert) am Monovale Drive ein schlossähnliches Anwesen bezog, oder Rod Stewart, der als Hobby in Santa Monica eine Kneipe namens "King's Heart" besitzen soll. Soul-Diva Whitney Houston vermietet ihr Anwesen häufig an Werbefilmer, vor allem für Auto-Spots, behauptet Tim.

Der Bus fährt weiter durch Beverly Hills. Ein Schwimmbad zieht sich über Hunderte von Metern über ein Grundstück - das Gelände scheint verfallen, das Tor ist verriegelt. Welcher Star würde mit so viel Verwahrlosung sein Image riskieren? Es ist das Anwesen von Johnny Weissmüller, 1984 gestorben, der Ur-Tarzan, ein Schwimmgenie seiner Zeit. Seit Jahren ist das Grundstück an der Saint Pierre Road offenbar verlassen. Ob Erbschaftsstreit oder Steuerschulden? Keiner weiß es, noch nicht einmal der scheinbar allwissende Fahrer Tim. Barbra Streisand hat solche Probleme nicht. Sie hat die Gegend, in der auch Leonardo DiCaprio ein Anwesen erwarb, inzwischen verlassen. 14 Millionen Dollar war ihr Grundstück dem Käufer wert. Die fünf Streisand-Häuser auf dem Besitz, hat er allerdings abreißen lassen.

An diesem Tag, an dem Tim einem Mr. Hiu aus Zentralchina, einer Kanadierin und einer Japanerin deutlich zu machen versuchte, warum der Traum von Hollywood weiterlebt, obwohl rund ein Viertel der Bürger dieser Stadt sich wegen finanzieller Probleme keine Autoversicherung leisten kann und rund 100.000 Obdachlose geschätzt werden, stand kein Star vor der Hecke und winkte den lieben Leuten aus der Fremde zu. Tim freilich blieb optimistisch: "Laufen Sie während der Oscar-Woche durch die Einkaufsstraßen von Beverly Hills, und Sie werden unglaublich viele Stars entdecken". Keine Frage: In Hollywood, in Beverly Hills, ist jeder ein Star, der träumen kann, und jeder Star ein Traum.

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