E-Mail aus Hollywood Krieg hat Konjunktur
In seiner elf-jährigen Karriere bei der US-Marineinfanterie ist Captain Matt Morgan, 30, nie unter feindliches Feuer geraten. Zwar ist er mit seiner Einheit auf einem Flugzeugträger im Arabischen Golf gekreuzt und hat, etwa im Wüstenstaat Kuweit, amphibische Landungen geübt. Doch Granateinschüsse, Bomben, MG-Beschuss, der Lärm des Todes, sind ihm erspart geblieben - zumindest bis zum Juli vergangenen Jahres. Da wurde Morgan für vier Monate in den Pazifik abkommandiert: auf zum Kampf gegen den japanischen Feind. Wenn auch nur in einem Hollywoodfilm, in dem natürlich die GIs siegen. Wer denn auch sonst.
Das Pentagon hat ihn und ein dutzend weiterer Offiziere der Navy, Air Force, der Küstenwache und der Army nach Hawaii geschickt, um über das von Hollywood konzipierte Image der Streitkräfte zu wachen. Mittels historischer Quellen hatte sich Morgan, der sich nicht als Zensor sondern als "Korrektor" versteht, für seinen Einsatz als Berater vorbereitet, sich Kriegsfilme angesehen und zwei Historiker des Marinecorps hinzugezogen.
Dass Militärs Drehbücher studieren, ist in Hollywood nicht ungewöhnlich. Denn sie entscheiden - gemeinsam mit den Vorgesetzen in Washington, Admirälen und Generälen darüber, ob die Filmprojekte unterstützt werden. Bekommt Regisseur John McTiernan für seine "Jagd auf Roter Oktober" mit Sean Connery in der Hauptrolle U-Boote für das sowjetisch-amerikanische Unterwasserduell zur Verfügung gestellt? Oder kann das halbe dutzend F-15 Kampfflugzeuge aufsteigen, das Regisseur Wolfgang Petersen für sein "Air Force One" - Drama benötigt? Petersen bekam die Jets für insgesamt 7839,39 Dollar vor die Kameras, die McTiernan-Crew zahlte pro Stunde 400 Dollar Miete für einen Flugzeugträger, Crew oder Piloten inklusive. Das Pentagon bucht die Filmarbeiten als Manöver ab.
Der Bogen "zwischen künstlerischer Freiheit", sagt Hauptmann Morgan, "und historischer Korrektheit ist äußerst weit gespannt." Und nur die Projekte, die das Militär im rechten Licht zeigen, werden unterstützt. "Jene, die das Militär als Soldaten des Teufels darstellen wollen", müssen ohne die Panzer des Pentagon kämpfen, meint Morgans Armee-Kollege Major Andy Ortega. Philip Strub, 54, der letztlich im Pentagon stellvertretend für den Verteidigungsminister darüber zu entscheiden hat, welche Projekte durch GI's, Gerät oder Stützpunkte unterstützt werden, erklärt das so: "Niemand kann von uns erwarten, dass wir uns in den eigenen Fuß schießen."Die Zusammenarbeit zwischen Filmemachern und Soldaten hat in Amerika Tradition - bereits 1927 unterstützte das damalige War Department, die Produktion des Stummfilmstreifens "Wings", einem Kriegswerk, das fortan zum Maßstab aller späteren Kriegsfilme wurde", wie der Historiker Lawrence Suid in seinem Buch "Guts and Glory" schreibt. Patriotismus und Profit marschierten im Gleichschritt mit Helden wie John Wayne durch die Hollywood-Geschichte, bis sich über die Glorie der Schatten von Vietnam legte. Das Pentagon, verunsichert nach dem entwürdigenden Rückzug, mochte an der Aufarbeitung der Geschichte über Vietnam, an Filmen wie "Die durch die Hölle gehen", "Apocalypse Now" oder "Platoon" nicht mitwirken. "Das war", so Strub, selbst Vietnam-Veteran, "einfach nicht möglich."
Inzwischen aber scheint der historische Abstand groß genug: Das Pentagon unterstützte soeben den Vietnam-Streifen "We Were Soldiers", die wahre Geschichte einer Schlacht im Oktober 1965, bei der 450 GIs von 2000 Soldaten der nordvietnamesischen Streitkräfte eingekesselt wurden. Nicht unweit der kalifornischen Küste ließen die Produzenten jene vietnamesische Landschaft nachpflanzen, in der sich die Schlacht entwickelte. William Homann, Sergeant First Class, achtete im kalifornischen Kriegsgebiet für das Pentagon darauf, dass die Statisten ihre Waffen vorschriftsmäßig in Stellung brachten und ihre Vorgesetzten militärisch korrekt grüßten. "So einiges", gesteht der Unteroffizier, "entgeht mir schon, aber hoffentlich nur Kleinigkeiten, die die Zuschauer nicht merken".
Auch die Medien steigen inzwischen auf den Kriegshype ein: "Der Krieg, der niemals stirbt" - betitelte der "San Francisco Chronicle" am vergangenen Sonntag einen Beitrag über den Weltkrieg-II-Aufmarsch. Eine "neue Faszination des Krieges" erkannte auch David Granger, Chefredakteur des Männer-Magazins "Esquire" und machte auf dem Titel seiner Septemberausgabe sogleich Werbung für ein 120 Millionen Dollar teures Kriegsprojekt, das zwei illustre Paten hat: Steven Spielberg und Tom Hanks. Sie haben die - wahre - Story der "Band of Brothers" produziert, die Geschichte einer Fallschirmjäger-Einheit von der Grundausbildung 1942 bis zum letzten Gefecht um die Bergfestung Hitlers. Die Serie, die das Pentagon lediglich beratend unterstützte, weil das Kriegsgerät aus dem 2. Weltkrieg längst im Museum steht, wurde auf einem ehemaligen britischen Luftwaffenstützpunkt gedreht. Vor der Premiere des zehnteiligen Werks am 9. September sendet der Kabelsender Turner Classic Movies, sozusagen als blutiges Hors d'oeuvre, nahezu 36 Stunden ohne Unterbrechung Kriegsfilme.
Lesen Sie im zweiten Teil: Wie Hollywood-Star Ben Affleck auf "GI" getrimmt wurde