E-Mail aus Hollywood: Ratten vor der Villa - DER SPIEGEL
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E-Mail aus Hollywood Ratten vor der Villa

Die Angst geht um in Hollywood. Nach den Milzbrand-Briefbomben fühlen sich auch die Stars nicht mehr sicher. Dabei leiden viele der Prominenten seit Jahren unter so genannten Stalkern - liebeskranken oder gewaltsüchtigen Verfolgern.
Von Helmut Sorge
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Brief schien so harmlos wie so viele, die von der Poststelle der "American Media" in Boca Raton in Florida sortiert wurden, adressiert an "Jennifer Lopez c/o "Sun".

Der Text las sich wie der "eines Gestörten, der einen Liebesbrief an einen Filmstar schreibt", erinnert sich "Sun"-Mitarbeiterin Carla Chadwick, "wir haben darüber gelacht". Inzwischen ist den 1000 Angestellten des Medienkonzerns, der fünf Klatschpostillen verlegt, darunter den "National Inquirer", das Lachen vergangen: Fünf Mitarbeiter der Poststelle haben sich mit Milzbrand-Bakterien infiziert, ein Bildredakteur ist tot.

War der Absender womöglich ein gestörter Lopez-Fan oder doch - wie das FBI befürchtet - ein Komplize Bin Ladens, der den Umschlag mit einem Davidstern und einer Waschpulver-ähnlichen Substanz füllte? Bislang ist der Täter unbekannt. "Die Angst nimmt zu", schreibt die "New York Times" - auch in Hollywood.

Die News von der Lopez-Post hat einen "empfindlichen Nerv getroffen", sagt eine für mehrere Hollywood-Größen zuständige PR-Agentin. Die Stars fürchten die so genannten "stalker" (Pirschjäger), die in ihr Leben einzudringen versuchen. Sie legen ihnen rote Rosen oder tote Ratten vor die Villen-Einfahrten, hocken im Restaurant am Tisch nebenan, grinsen oder glotzen einfach solange, bis den Stars - verständlicherweise - der Appetit vergeht. Nun sorgen sich die Prominenten wegen der Milzbrand-Attacken noch mehr, ihre Briefe zu öffnen.

Nach jedem Verbrechen, über das "die Medien groß berichten", so schreibt der ehemalige Polizist Robert Snow in seinem Buch "Stopping a Stalker", fühlen sich die "copy cats", die Nachahmer, motiviert. Dann wiederholen sich solche Taten sehr schnell.

Stalker sind ein amerikanisches Phänomen: Geschätzt wird, dass rund eine Million US-Bürger, in der Mehrheit Frauen, jährlich mit Psycho-Terror verfolgt werden. Stalker sind verlassene Männer oder missachtete Verehrerinnen, verliebte Professoren, die ihre Studentinnen in den Ferien beschatten, der Kroate, der Tennisstar Martina Hingis weltweit nachstellte, oder ein US-Astronaut, der seine ehemalige Geliebte belästigte. Sogar der Erzbischof von New York wurde Stalking-Opfer. Er musste sich gegen die Hingabe einer Verehrerin juristisch wehren.

Stalking "ist wie eine Droge", erklärt Gavin de Becker, ein Sicherheitsexperte, der vor allem in L.A. arbeitet. Diese Sucht treibt so manchen Gestörten in den Schatten des Ruhms, in die Nähe der Stars: Walter Chapman erschoss den Beatle John Lennon, weil er selber berühmt werden wollte. Von der Liebe der Schauspielerin Jodie Foster träumte John Hinckley, der seit seiner Pistolenschüsse auf den damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan in einer Heilanstalt versorgt wird. Mit dem Attentat, so seine Vorstellung, könnte er sie beeindrucken.

Whitney Houston, Brad Pitt oder Michael Jackson, Nicole Kidman und Gwyneth Paltrow gerieten in die Schlagzeilen, weil sie versuchten, gerichtlich gegen Psycho-Terroristen vorzugehen. Letztlich aber, weiß Jay Lavely, ein Entertainment-Anwalt, sind von den Medien verbreiteten Prozessgeschichten "nur die Spitze des Eisberges". "Wie nie zuvor", resümierte das "Los Angeles Magazine" bereits im vergangenen Jahr, sei Hollywood von Stalkern befallen".

Rund fünf Millionen US-Bürger, so lauten Schätzungen, sind Psychopathen. Da unter Ronald Reagan viele psychiatrische Kliniken geschlossen wurden, irren die Verwirrten durch Amerika, und so mancher endet in Hollywood. Dort arbeiten sie die Klatschpostillen durch und suchen nach Hinweisen, wo ihre Liebe zu finden ist: Bei wem lässt sie sich die Haare färben, in welchen Salon die Fußnägel bemalen?

Nicht alle diese Stalker sind geistig gestört, eine Vielzahl freilich, so diagnostizierten Psychiater, leiden unter "erotomania" oder "Clerambault's Syndrom" - Menschen, die sich Liebschaften einbilden: Plötzlich beziehen die Verehrer das Lächeln der angehimmelten Miss Paltrow auf sich, oder sind sich sicher, dass die Liebeshymne von Jennifer Lopez eine heimliche Botschaft an sie enthält.

Prominente Stalking-Opfer: Madonna, Letterman und Spielberg

Vor Stalking scheint keiner der Superstars - weder Männer noch Frauen - gefeit: Acht Jahre lang setzte Margaret Ray Talkshow-Master David Letterman nach. Er fand sie auf dem Tennisplatz seiner Villa in New Canaan (Connecticut); sie fuhr mit seinem Porsche davon; dann behauptete sie, Letterman sei der Vater ihres Kindes. Auch Madonna bekam umgebetenen Besuch: Mehrfach drang der vorbestrafte Robert Hoskins auf ihr Grundstück vor. Beim letzten Versuch trafen ihn drei Kugeln eines Madonna-Leibwächters. Gleichwohl ließ Hoskins nicht ab. Entweder sie heirate ihn oder er schneide ihr die Kehle "von Ohr zu Ohr durch", drohte er.

Der Mega-Star weigerte sich zunächst, vor Gericht auszusagen, weil sie nicht persönlich mit dem Stalker konfrontiert werden wollte. Nach einer richterlichen Vorladung erzählte Madonna dann doch im Zeugenstand von ihren Alpträumen, etwa jenem, wie Hopkins die Treppen zu ihrem Büro hinaufschleicht. "Wie sind Sie in mein Haus gekommen", will sie da wissen. "Ich habe mich versteckt und nun ist es an der Zeit nach oben zu kommen". Als "unerträglich" empfand Madonna, mit ihrem Peiniger während der Verhandlung in einem Raum zu sitzen. "Mir dreht sich der Magen um". Während die Verfolgte aussagte, sang Hoskins leise ein Lied. Dann wurde er zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Auch die Villa von Regisseur Steven Spielberg in Pacific Palisades scheint nicht sicher: Mehrfach versuchte der vorbestrafte Jonathan Norman dort einzudringen. Er wollte, so die Staatsanwaltschaft, Spielberg überwältigen, fesseln und vergewaltigen. Spielberg plädierte vor Gericht für eine harte Strafe: "Die Vorstellung, dass dieser Mann eine weitere Chance erhält und wieder auf die Straße kommt, macht mir mehr Angst, als ich beschreiben kann." Norman muss mindestens 25 Jahre sitzen.

Die Furcht vor Stalkern ist berechtigt: Ein aus einer Heilanstalt geflohener Geisteskranker, Michael Perry, verliebte sich in die Sängerin Olivia Newton-John und zog nach L.A., um auf Tuchfühlung zu kommen. Nach vielen erfolglosen Versuchen resignierte er schließlich, kehrte in seine Heimatstadt zurück und erschoss seine Eltern, und drei weitere Familienmitglieder. Derzeit wartet er auf seine Hinrichtung.

"Stalking" wurde vor den US-Gerichten über Jahrzehnte eher als Kavaliersdelikt abgetan, als Belästigung. Erst als der 19-jährige Robert Bardo 1989 in Los Angeles die Schauspielerin Rebecca Schaeffer ermordete, wurden die Gesetze geändert. Kalifornien verabschiedete 1990 ein "Anti-Stalker"-Gesetz, das für die anderen US-Staaten zum Modell wurde. Zudem gründete die L.A.-Polizei eine "Threat Management Unit", bestehend aus einem Dutzend Kripoleuten, die gemeinsam mit Psychiatern Stalker von ihrem Verfolgungstaten abbringen sollen.

Doch das reicht den Stars nicht: Angelina Jolie wird neuerdings zum Rendezvous von einem Leibwächter begleitet. Auch Arnold Schwarzenegger hatte beim Zigarrenabend in seinem Restaurant "Schatzi's" zwei Bodyguards am Tisch stehen. Und als Tina Brown, die Chefredakteurin der Klatsch-Postille "Talk", bei einer Modenschau Multimilliardär Donald Trump in Begleitung eines Leibwächter traf, lächelte sie: "Donald, gegen wen soll dich der denn schützen?" "Die Irren," antwortete er. "Ich war einmal in einer Bar und da kommt ein Kerl rüber und will mir die Schnauze einhauen." In solchen Situationen, so Trump, braucht man "keinen intelligenten Typen wie deinen Ehemann, ich benötige Keith". Und wie hat Leibwächter Keith auf den Stalker reagiert? "Der hat ihm das Handgelenk wie einen Zweig zerbrochen."

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