E-Mail aus Hollywood: Surfin' USA - DER SPIEGEL
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E-Mail aus Hollywood Surfin' USA

Vor fast 100 Jahren brachte der Hawaiianer George Freeth die Kunst des Wellenreitens nach Kalifornien. Seit dem Boom der sechziger Jahre wurde Surfing zum Lifestyle und von der Unterhaltungsindustrie gnadenlos ausgeschlachtet. Während Hollywood die neueste Generation von Surfer-Filmen in die Kinos bringt, feiert eine kleine Ausstellung die wahre Kultur des Wassersports.
Von Helmut Sorge
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Möglich ist, dass jene, die ihn vom Ufer aus beobachteten, an eine Fata Morgana glaubten. Oder sie erinnerten sich an das Evangelium nach Matthäus, 14. Kapitel: "In der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: es ist ein Gespenst, und schrieen vor Furcht."


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Der Mann, der vor der kalifornischen Küste auf dem Wasser stand, war jedoch weder Jesus noch ein Geist. George Freeth war Surfer. Inzwischen ist er eine historische Figur. Mehr als 80 Jahre nach seinem Tod, schrieb kürzlich die "Los Angeles Times", wird er von Surfern und Lebensrettern weiterhin als "Gott verehrt". Ähnlich himmlisch hat ihn der Schriftsteller Jack London während eines Urlaubs auf Hawaii beschrieben: "ein junger Gott mit Sonnenbrand."

Der Autor war fasziniert von der Kunst, die Dynamik der Natur zu nutzen, die unbezähmbare, unendliche Kraft des Meeres. Fasziniert davon, allein mit den Elementen zu sein, gefangen, geschoben, provoziert von den bis zu 60 Tonnen schweren Wellen, die sich aufbäumen, als wollten sie den Surfer abwerfen wie ein Bronco den Rodeo-Reiter. Auch der Schriftsteller versuchte auf dem schnittigen Holz zu stehen, vergeblich, bis George Freeth, Sohn eines britischen Kapitäns und einer wohlbetuchten Insulanerin, aus den Fluten trat und London in die Geheimnisse des Surfens einweihte. Der Literat erblickte in seinem Lehrer einen "bronzefarbenen Engel", dessen "Fersen wie Flügel" waren. Seinem Surf-Heiligen schrieb London nach den erfolgreichen Lehrstunden bereitwillig Empfehlungsschreiben. Denn der Hawaiianer Freeth, damals 23, wollte das gelobte Land entdecken, die Küste jenseits seiner Pazifik-Insel.

Als sein Dampfer Kurs auf Amerika nahm, war der Abschied des Lokalmatadors der Zeitung "Pacific Commercial Adventurer" eine Schlagzeile wert: "Er will den Kaliforniern zeigen, was Surfen ist", jener Wassersport, der seinen Ursprung wahrscheinlich in Peru hat, oder vielleicht auf Indonesien, auf Samoa, und irgendwann, gleich einer Flaschenpost, Hawaii erreichte. Anthropologen verfassen zu diesem Thema noch heute ernsthafte Studien.

Nahezu ein Jahrhundert ist es her, seit Surf-Pionier Freeth erstmals vor den kalifornischen Küstensiedlungen Huntington und Venice seine Brett-Kunst demonstrierte und obendrein das Rettungsschwimmer-System modernisierte. Statt der Boote, die zur Rettung eines Ertrinkenden mühsam durch die Brandung geschoben werden mussten, setzte er auf die von ihm geschulten Meeresschwimmer, die einige Jahrzehnte später in der Strand-Soap "Baywatch" gehuldigt wurden.

Surfen, von Jack London im "Woman's Home Journal" einst als "königlicher Sport für die natürlichen Könige der Erde" beschrieben, ist auch dank Freeth längst zu einer Industrie erwachsen, die jedes Jahr knapp zehn Milliarden Dollar umsetzt. In der Brandung vor Laguna Beach, Malibu, La Jolla, vor Südafrika oder Hawaii, überall in der Welt, wo sich die Wellen auftürmen und dann an der Küste brechen, finden Millionen ihren Kick in der vom unendlichen Ozean symbolisierte Freiheit, dem Kampf gegen sich selbst und die im Wasser freigesetzte Energie.

Surfing ist nicht nur Sport, sondern Lifestyle und Kultur, eine Art natürliche Pop-Art aus Wasser, Farben, Licht, Bikini-Girls und der bunten Kleidung der Surfer: knielange "jams" oder "baggies", übergroße Badehosen. Dazu weißer Sand, rote Sonnenuntergänge auf blauem Ozean, Illusionen von der ewigen Jugend. "No tomorrow, dude", rufen sich die Surfer zu, nur keinen Stress. "Cool it man", heute ist unser Tag, die Wellen warten.


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So tummeln sie sich unbesorgt in den Fluten, frei nach Jack London, der seine Lebensphilosophie einmal so umriss: "Ich bin lieber Asche als Staub." Der Mensch soll "leben, nicht existieren". Die Beach Boys haben diesen Geist global veredelt, Surfing = Leben: "I got up this morning, turned on the radio, I was checkin' out the surfin' scene to see if I would go, and when the DJ tells me that surfin' is fine, that's when I know my baby and I will have a good time." Schlicht, aber klar. Anfang der Sechziger war Surfen das große Ding.

Das blieb auch der Unterhaltungsindustrie nicht verborgen. Der Drehbuchschreiber Frederick Kohner, dessen Tochter Kathy den zahlreichen amourösen Verlockungen der Surfer-Szene nicht widerstehen konnte, schrieb ihre - fiktiven - Geschichten auf und vermarktete sie als Roman mit dem Titel "Gidget, the little girl with big ideas". Hollywood setzte Kohners oft schnulzigen Surfer-Storys in einer Vielzahl von Filmen um, und Gidget wurde zu einer Ikone der Pop-Kultur.

Vor dem "Gidget"-Boom, der 1961 mit "Gidget Goes Hawaiian" begann, hatten es lediglich zehn Surf- und Beach-Themen ins Kino geschafft. In den folgenden Jahren registrierten Film-Historiker mehr als 70 klamaukig-trashige Wasser-Werke wie "Beach Girls And The Monster", "How To Stuff A Wild Bikini" oder "Bikini Beach". "The Endless Summer", eine 1966 gedrehte, wirklichkeitsgetreue Dokumentation, stellte die Surfer einmal nicht als so genannte beach bums, als Sand-Clochards ohne Sinn und Verstand dar, sondern versuchte, mit eindrucksvollen Bildern athletischer Sportleistungen das Surfer-Image zu korrigieren. Vergebens. Bruce Browns Film war zwar ein Riesenerfolg, doch das positive Image währte nur einige Sommer. Längst herrschen wieder die von Hollywood geschnitzten Klischees, die "Baywatch" so erfolgreich machten und dieser Tage einmal mehr mehr bedient werden.

Dass sich seit den Tagen von "Gidget" kaum etwas geändert hat und der Surf-Trend keinewegs abgeflaut ist, zeigt der Film "Blue Crush", der in den USA demnächst Premiere feiert: Vier Surfer-Mädchen am Strand, Liebe und Verwirrungen, die damit verbunden sind. Ein farbiges, unbeschwertes Leben im Sand, finanziert unter anderem von Brian Grazer, einem der Produzenten des oscarprämierten Dramas "A Beautiful Mind". Selten, so meinen Experten, sei ein Surf-Film so vehement vermarktet worden wie "Blue Crush". Nie zuvor hat sich eine Surf-Bekleidungsfirma so ausgiebig im "product placement" engagiert wie Billabong. Denn auch Frauen - Hollywood ist der Trend nicht entgangen - steigen mehr und mehr selbst in die Fluten und surfen - schon wird der "Surf Look" zum letzten Modeschrei ausgerufen.


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Gleich ein halbes Dutzend Surf-Filme, etwa "Local Boys - Dream The Extreme" oder "Girl In The Curl" stehen derzeit kurz vor der Premiere. Selbst ein von Andy Warhol im Mai 1968 im kalifornischen La Jolla gedrehter Surf-Film mit dem Titel "San Diego Surf", wird dieser Tage wieder vorgeführt: Allerdings nicht im Kino, sondern im örtlichen Museum von Laguna an der kalifornischen Küste nahe Los Angeles. 22 Minuten Experimentalfilm gibt es zu sehen, ein unvollendetes Werk. Nur einen Monat nach den Dreharbeiten wurde der Popart-Papst angeschossen. Nach dem Todeskampf ist ihm offenbar der Spaß am Surfen vergangen.

Bolton Colburn, 1976 amerikanischer Amateur-Surfmeister und nun Museumsdirektor, hat den Warhol-Streifen zu einem zentralen Objekt seiner Ausstellung gemacht, die derzeit in Laguna die Surf-Fans anzieht: "Surf Culture - The Art History Of Surfing". Auf dem Schreibtisch des Direktors: eine Postkarte von 1961: Elvis Presley auf dem Surf-Brett, eine Studioaufnahme, die damals zu Werbezwecken verbreitet wurde. Im Untergeschoss taucht man in die Welt der Surf-Exponate ein: 23 lebensgroße Insulanerinnen wiegen sich im Wellen-Rhythmus, maschinell angetrieben. Sie sind mit Maschinenpistolen bewaffnet oder zupfen an der Ukelele.

Filmplakate (auch von "Endless Summer"), Werbebilder mit Surf-Motiven, etwa für "Camel"-Zigaretten. Plastikskulpturen, die die Reinheit des Meeres symbolisieren, bevor die Zivilisation das natürliche Reservoir vergiftete. Im Treppenhaus steht ein lackiertes Surfbrett mit einem Hakenkreuz - kein Nachlass aus der bösen Zeit, sondern ein Produkt der Firma "Pacific Systems Swastika Surfboards", daneben die Bretter so mancher Weltmeister.

In einem Raum, der wie ein Altar gestaltet ist, lagern Erinnerungen an das spirituelle Hawaii, die Heimat des Pioniers George Freeth. Der ist unweit des Strandes von Waikiki begraben. Ein einfacher Grabstein markiert die Stelle: "G.F. 1883-1919". Nicht die Wellen haben ihn erschlagen, sondern ein Influenza-Virus. 35 Jahre alt ist der Surfer geworden, ein Idol seiner Generation, ein Pioneer und Menschenretter. "Zeig mir einen Helden", hat F. Scott Fitzgerald einmal notiert, "und ich schreibe dir seine Tragödie."

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