Echo-Verleihung Wehmut, Demut, Größenwahn
Auferstanden aus Ruinen: So feiert sich die deutsche Musikindustrie oder das, was von ihr übrig blieb, alle Jahre wieder bei ihrer von RTL übertragenen Branchensause. Jemand wie Inka Bause, einstige DDR-Unterhaltungskünstlerin, die letztes Jahr ganz unerwartet mit der Kuppelshow "Bauer sucht Frau" für den Kölner Sender Quotenrekorde feierte, ist mithin genau die richtige Frau für diese Veranstaltung.
Bause klang gestern ganz melancholisch, als sie sich dem Publikum vorstellte: "Ich habe meine Karriere vor 23 Jahren in einem Land begonnen, das es nicht mehr gibt." Und doch stand das sozialistische Schlagersternchen, das fast verdorrte Mauerblümchen, das wiedererblühte Showgewächs nun auf der grell ausgeleuchteten Bühne des Internationalen Congress Centrums in Berlin, um die modernste aller Preiskategorien zu präsentieren: den "Hit des Jahres", ermittelt nicht nur aus Plattenverkäufen, sondern vor allem auch aus Downloads.
"Downloads" heißt ja das neue Glücksversprechen einer Branche, die immer weniger Datenträger über die Ladentheke gehen, aber immer mehr Musik im Internet sieht. Nur steht der Anstieg an kostenpflichtig heruntergeladenen Songs, wie der Weltphonographieverband gerade erst Ende Januar mitteilte, leider längst noch nicht im Verhältnis zum Sinkflug an klassisch abgesetzten Tonträger. Die Stimmung verzweifelter Fröhlichkeit sollte und durfte das bei der 17. Echo-Verleihung nicht trüben.
Shocking: Doppelpreis für Bummbumm-Ballade
Zumal Inka Bause den Echo für den nun auch digital ermittelten "Hit des Jahres" Freitagabend an einen weiteren Auferstandenen verleihen durfte: an DJ Ötzi mit "Ein Stern (der deinen Namen trägt)". Er hat sich nach langen Durchhaltekämpfen und -krämpfen wieder als genuiner Bestseller in Stellung und das Après-Ski-Partyvolk dieser Welt zur totalen Enthemmung gebracht. 55 Wochen war der singende Eierbecher insgesamt in den Charts, elf davon auf Platz eins. Den Preis in der Kategorie "Deutschsprachiger Schlager" räumte er darum später auch noch ab.
Die Dankesrede vom Ötzi, in der es um persönliche Krisen und späte Siege ging, klang ein bisschen nach beendetem Martyrium - was dem Text seiner hernach zur Aufführung gebrachten Bummbumm-Ballade besondere Bedeutung verlieh: Die Worte "Ich will leben, jetzt oder nie" passen ja nicht schlecht zur Echo-Verleihung, die einem erneuten Verkaufszahlensturz 2007 mit einer Mischung aus Agonie und aggressiver Fröhlichkeit trotzte.
Schräg wird es bei der Veranstaltung immer dann, wenn die geehrten Künstler ihren Plattenfirmen danken. Da schauen sie ins Auditorium und müssen sich versichern, ob die zuständigen Mitarbeiter überhaupt anwesend sind - oder längst schon entlassen. Immerhin wird im Musikgeschäft fröhlich fusioniert und geschlossen, verkleinert und rausgeschmissen.
Als etwa die Aggro-Elfe LaFee nach der Ehrung als "Künstlerin national" die EMI grüßte, die ihrer Meinung nach beste Plattenfirma der Welt, wurde Branchenkennern ganz blümerant zu Mute: Erst vor wenigen Wochen machte die Nachricht die Runde, dass neue Finanzinvestoren ein Drittel der Angestellten des angeschlagenen Traditionsunternehmens loswerden wollen.
Hurra, wir leben noch
HipHop-Hasardeur Bushido, der gleich in zwei Kategorien abräumte und zuvor das Label gewechselt hatte, machte auf gewohnt offene Art auf den Kahlschlag und die Bäumchenwechseldich-Spielchen im Business aufmerksam: "Wir sitzen jetzt da hinten bei der SonyBMG." Wo eigentlich auch die als "Gruppe national" geehrten Fantastischen Vier hingehörten. Doch statt sich bei dem unübersichtlichen Firmenkonglomerat zu bedanken, richteten sie ihre Grüße lieber an die Unterabteilung Columbia. Wieder ein Grund für Spezialisten, ein bisschen wehmütig zu werden: Ach, Columbia gibt es auch noch?
Bei all dem Sterben und Reanimieren im Musikgeschäft kann man schon mal den Überblick verlieren. Den Moderator mimte abermals einer, der diesen Überblick ganz bestimmt nicht hat: Oliver Geissen. Er recycelt sich ja kenntnisfrei für RTL in seiner "Ultimativen Chart Show" durch die Popjahrzehnte. Das vernebelt ein bisschen den Blick auf die Gegenwart, weshalb Geissen die krisengebeutelte Branche gestern mit ganz neuen Erkenntnissen verblüffen konnte: "2007 war ein extra-geiles Jahr."
So kündigte der Allwettermoderationsroboter jedenfalls ein Filmchen mit den Pop-Highlights des Jahres an. Im Schnelldurchlauf ging es vom musikalischen Protest gegen den G8-Gipfel zu den Auslandserfolgen von Tokio Hotel, dazu die Reunions des Jahres 2007 - Police, Eagles, Genesis. Es erklangen andächtige Fanfaren, wie sie sonst jene Szenen in Kriegsfilmen untermalen, die das Schlachtfeld am Morgen nach dem Kampf zeigen: Wer bäumt sich noch mal auf, wer kann noch stehen?
Das sind im internationalen Popgeschäft eben die Oldies, die auch ohne neues Album auf Mega-Tourneen gehen und so jenes große Geld verdienen, das durch Plattenverkäufe sowieso kaum zu machen ist.
Diese großen internationalen Altstars fehlten allerdings bei der Echo-Verleihung fast komplett. Dafür holte man für einen Sonderpreis den alten Steher Dieter Thomas Heck auf die Bühne. Er beschrieb noch einmal seinen Kampf für die deutsche Sprache und wandte sich traurig an den mit gleich zwei Echos bedachten Grönemeyer. Heck an Herbert: "Ich habe dir mein Herz gegeben, aber du wolltest meine Liebe nicht" - der Deutschrock-Überlebende hatte sich stets geweigert, in der "Hitparade" aufzutreten.
Britney-Parodie mit haariger Wampe
Wahrscheinlich war diese Abgrenzung für Grönemeyer eine sehr gesunde Sache. Denn wohin dogmatisches Beharren auf teutonisches Liedgut führen kann, zeigte am Freitag Ralph Siegel in seiner Laudatio auf Heck, als er abermals das alte wirre Feindbild der "englischen Globalisierung" aufleben ließ - Dinosaurier unter sich.
Aber so ist das eben beim großen deutschen Musikpreis, den so wichtig keiner mehr nimmt: Seit Pop und Schlager in offenherzig zelebrierter Feindschaft nebeneinander leben, seit keine Plattenfirma mehr gegen die andere hetzt, weil man ja sowieso immer kurz vor der Verschmelzung steht, ist hier fast alles erlaubt.
Man regt sich über nichts mehr auf - nicht über den beißenden Spott, mit dem Comedian Michael Mittermeier anfangs die Nominierten piesackte. Natürlich ebensowenig über die Britney-Verunglimpfung von Oliver Pocher, der die derangierte Pop-Queen samt Tanz in Nylon-Tracht imitierte. Man muss Pocher nicht mögen, um seine eklige Ranschmeiße an den Popbetrieb zu schätzen. Denn noch besser als seine Travestieshow mit haariger Wampe war seine Kumpelei mit Bushido geraten: Den begleitete Pocher ungefragt bei der Preisübergabe auf die Bühne und ahmte dabei die Mimik und die Kanak-Sprache von Bushidos Bouncern nach. Haarscharf schlidderte der schamlose Hannoveraner an jener Tracht Prügel vorbei, die ihm die Fernsehnation schon so lange von Herzen gönnt.
Richtig durchgedreht ist an diesem gedrosselt euphorischen Abend aber eigentlich nur einer: Rolf Zuckowski, der nun auch schon über 60 ist und für sein Lebenswerk geehrt wurde. Nach dem Motto "...und ganz doll mich" feierte sich der Kinderliedmogul mit markigen Worten als Kämpfer für das gute Lied und eine bessere Welt. Er werde sich nicht verbiegen lassen, verkündete er feierlich dem Auditorium - als arbeite er im politischen Widerstand.
Bizarr und vielleicht doch bezeichnend für den Zustand der deutschen Musik: Während sich all die jungen Menschen auf der Branchenparty in Demut und Wehmut übten, zeigte ausgerechnet der putzige Pädagoge Zuckowski einen Hauch von poptauglichem Größenwahn.
Echo 2008: Die Gewinner
| Kategorie | Künstler |
|---|---|
| Künstler National Rock/Pop | Herbert Grönemeyer |
| Künstlerin National Rock/Pop | LaFee |
| Künstler International Rock/Pop | James Blunt |
| Künstlerin International Rock/Pop | Nelly Furtado |
| Gruppe National Rock/Pop | Die Fantastischen Vier |
| Gruppe International Rock/Pop | Linkin Park |
| Künstler Deutschsprachiger Schlager | DJ Ötzi |
| Künstler/Künstlerin/Gruppe Volkstümliche Musik | Kastelruther Spatzen |
| Künstler National HipHop/R | Bushido |
| Künstler International HipHop/R | 50 Cent |
| Gruppe National Rock Alternative | Die Ärzte |
| Gruppe International Rock/Alternative | Nightwish |
| Album des Jahres | Herbert Grönemeyer - "12" |
| Hit des Jahres | DJ Ötzi Nik P. - "Ein Stern (der deinen Namenträgt)" |
| Jazzproduktion des Jahres | Till Brönner - "The Christmas Album" |
| Erfolgreichster Newcomer National | Mark Medlock |
| Erfolgreichster Newcomer International | Mika |
| Erfolgreichste Musik-DVD-Produktion National | Böhse Onkelz -"Vaya con tioz" |
| Bester Live-Act National | Bushido |
| Bestes Video National | Tokio Hotel - "Spring nicht" |
| Produzent National | Andreas Herbig (für Ville Vallo Natalia Avelon,Ich + Ich, Sasha, Culcha Candela) |
| Lebenswerk | Rolf Zuckowski |
| Sonderpreis für herausragende Verdienste um die deutschsprachige Musik | Dieter Thomas Heck |
| Medienpartner des Jahres | Radio Fritz, Rundfunk Berlin-Brandenburg(RBB) |
| Handelspartner des Jahres | jpc-schallplatten Versandhandelsgesellschaft mbH |