Private Handybilder Großer Walwirbel, kleiner Rick
Walwirbel: "Ich konnte gar nicht aufhören, das Ding anzusehen"
Foto: Rick Kavanian
Rick Kavanian, 44, ist Komiker und Schauspieler. Er wurde durch die Comedy-Show "Bullyparade" bekannt. Derzeit ist er als Agent in der Kino-Komödie "Spy" zu hören und mit seinem Programm "Offroad" auf Tour. "Ich bin viel allein unterwegs und sehe mir deshalb oft Familienfotos auf meinem Telefon an", sagt Kavanian. "Es stört mich aber, dass alle ständig alles dokumentieren und posten müssen. Bilder verlieren so an Besonderheit und sind nur noch Ablenkung." Kavanian hat 583 Fotos auf seinem Handy.
SPIEGEL ONLINE: Herr Kavanian, was hält der Mann auf Ihrem Lieblingsbild in den Händen?
Kavanian: Das ist der Wirbel eines Grauwals.
SPIEGEL ONLINE: Der ist ja unglaublich groß. Das ist ein einziger Rückenwirbel?
Kavanian: Genau das hat mich so fasziniert. Irre, oder? Ich konnte gar nicht aufhören, das Ding anzusehen.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie den Wirbel in die Hände genommen?
Kavanian: Ja, gefühlt ist der zwei bis drei Kilo schwer.
SPIEGEL ONLINE: Wo war das?
Kavanian: Ich habe im vergangenen Jahr mit meiner Frau zwei Wochen Urlaub in Los Angeles gemacht. Wir unternahmen oft Tagesausflüge, unter anderem nach Dana Point, einer Stadt im Orange County. Dort bieten sie Bootsausflüge für Whale Watching an und wir haben einen mitgemacht.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Wale gesehen?
Kavanian: Leider nicht, deshalb hat uns der Begleiter wohl den Wirbel gezeigt. Er wollte uns wenigstens irgendwas bieten. Dabei war die Tour auch so toll. Auf dem Boot sind meist 40 Leute, aber wir hatten Glück und waren an diesem Tag nur zu viert an Bord. In dem einen Rumpf war ein Glasboden. Man konnte hineinkriechen und auf dem Bauch liegend ins Meer schauen. Ein wenig war das, wie selbst durch das Wasser zu fliegen. Ich habe viele Delfine gesehen, sehr nah.
SPIEGEL ONLINE: Sie sehen direkt etwas melancholisch aus.
Kavanian: Dieses Blau dort hatte etwas Magisches für mich. Ich habe aber generell eine hohe Affinität zu Wasser. Am Meer zu sein, ist für mich unendlich beruhigend. Ich kann den ganzen Tag einfach nur aufs Wasser sehen, atmen und die Entspannung in meinem Körper spüren.
SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie dann vielleicht besser ein Foto vom Meer ausgewählt?
Kavanian: Daran habe ich tatsächlich gedacht, aber dieses Bild ist mir so wichtig, weil es mich daran erinnert, nichts zu ernst zu nehmen.
SPIEGEL ONLINE: Sie meinen Alltagsprobleme? Oder Kritiker?
Kavanian: Und was noch so dazugehört. Wenn ich auf diesen riesigen Wirbel sehe, fühle ich mich sehr klein. Und das tut mir gut. Ich habe gerne meine Ruhe und bin eigentlich zu wenig egoman für meinen Job. Deshalb fühle ich mich auch in Los Angeles oder New York so wohl.
SPIEGEL ONLINE: Weil Sie da keiner erkennt?
Kavanian: Mehr weil Sprache, Aussehen und Herkunft da als Kriterien nicht so wichtig sind. Eigentlich sind alle erst mal gleich. Zumindest habe ich das immer so empfunden. Zuhause in München laufe ich meist ohne Brille rum, da erkennt mich auch nie jemand. Dafür werde ich aber schon mal als 'irgend so ein Araber' betitelt.
SPIEGEL ONLINE: Im Ernst?
Kavanian: Ja. Verrückt, wie schwer sich die Leute das Leben machen.
SPIEGEL ONLINE: Das Showgeschäft ist sicher auch keine reine Entspannung.
Kavanian: Auf keinen Fall, aber das habe ich mir erstens ausgesucht und mag es zweitens die meiste Zeit sehr gerne. Trotzdem: Gleichzeitig schwimmen halt draußen im Meer diese riesigen Tiere in einer völlig anderen Welt, mitten in unserer. Was wir so treiben, scheint dagegen gar nicht mehr wichtig.
Anne Backhaus, Jahrgang 1982, bekam die Idee für "Eins aus tausend", als sich auf ihrem Handy 3574 Fotos angesammelt hatten und sie aus Speichermangel löschen musste. Das ging viel leichter als befürchtet. Backhaus lebt in Hamburg, im Anschluss an ihr Volontariat bei SPIEGEL ONLINE arbeitete sie als Video-Reporterin für die Redaktion. Heute reist sie als Autorin und Filmemacherin um die ganze Welt. Von den Menschen, die sie unterwegs trifft, finden sich einige mit ihrer Foto-Geschichte hier wieder.