Elisabeth Peyton: Die Aura der Entrückten - DER SPIEGEL
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Elisabeth Peyton Die Aura der Entrückten

Eigenwillige Porträtmalereien so genannter "Celebrities" von Lady Di bis Oasis haben Elisabeth Peyton bekannt gemacht. Ein neuer Bildzyklus der gefeierten New Yorker Künstlerin ist jetzt im Westfälischen Kunstverein in Münster zu sehen.
Von Sabine Danek
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"Tony" heißt diese Serie von Zeichnungen und Aquarellen, die den Freund der 35-Jährigen in den verschiedensten Lebenslagen zeigt. Tony im Bett, Tony vor dem Spiegel, Tony auf der Couch oder am Schreibtisch. Im Grunde banale Alltagsszenen - wäre da nicht diese einzigartige Empathie, die Peytons Arbeiten beherrscht. Sie interessiert allein das Gesicht eines Menschen, das sie seltsam blass, mit androgynen Zügen, kirschrotem Mund und melancholischem Blick malt. Es wirkt sinnlich und seltsam entrückt - als wäre es nicht ganz von dieser Welt. Mal zieht sie mit leuchtenden Buntstiften Haarsträhne für Haarsträhne nach, mal lässt sie die Aquarellfarbe auf der viel zu glatten Papieroberfläche zerlaufen - immer auf der Suche nach dem Wesen des Porträtierten.

Dabei ist es egal, ob es sich um Popstars, Prinzessinnen oder Freunde handelt. Aufgenommen in Peytons Porträtgalerie wird, wer sie berührt, wer Einfluss auf ihr Leben nimmt - ob sie ihn nun persönlich kennt, oder nur von MTV. "Sei es Piotr, der um die Ecke wohnt, oder Liam (Gallagher) auf dem Cover von 'The Face'... ich bin bei beiden gleich glücklich, sie zu sehen", sagt Peyton - und malt ihre Helden mit dem Blick einer Liebenden. Kurt Cobain, den sie im Titel vertraulich beim Vornamen nennt, zeigt sie mit gesenktem Haupt, Leonardo Di Caprio mit verträumtem stahlblauen Blick, Jarvis Cocker, den feingliedrigen Sänger der britischen Popband Pulp, legt sie den Kopf entspannt in die Armbeuge, während ihr Kumpel Craig sich in Popstar-Manier auf dem Sofa lümmelt.

Ganz Kind des medialen Zeitalters setzt sie ihre Motive aus Zeitschriftenphotos und Schnappschüssen zusammen. Doch während ihr viel zitiertes Vorbild Andy Warhol seine Stars, Sternchen und Weggefährten in seiner endlosen Reproduktion der Seelenlosigkeit preisgegeben hat, versucht Peyton, ihnen ihre längst verlorene Aura wiederzugeben, ihre Einzigartigkeit. Sie zieht ihre Helden in ihre private Sphäre, zeigt sie in größter Intimität und gibt sie dabei nie dem Voyeurismus preis. Mittlerweile häufen sich Legenden über gelangweilte Teenies, deren Herzen plötzlich höher schlagen, wenn sie im New Yorker Museum of Modern Art ein Gemälde ihres "Sex-Pistol"-Lieblings John Lydon sehen, über Schülerzeitungsredakteure, die sich um ein Interview mit der Künstlerin reißen und über Popstars, die ganz wild auf ihre Gemälde sind.

Vorwürfe, dass ihre Bilder so verklärend seien, wie das Showbusiness selbst, schmettert Peyton gelassen ab: "Wenn Liebe, Hingabe, Bewunderung und Hoffnung aus den Geschichten von anderen zu schöpfen nur etwas für Teenager ist, wie traurig und leer muss dann jeder über neunzehn sein?"

Elisabeth Peyton: "Tony". Westfälischer Kunstverein Münster; bis 25. August 2000