Ellen Willis: Die Non-Prom Queen - DER SPIEGEL
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Zum zehnten Todestag von Ellen Willis Die Non-Prom Queen

Ohne Ellen Willis geht es nicht: Wer sich für Feminismus, Pop und linke Politik interessiert, für den lohnt es sich auch heute unbedingt und dringend, ihre Texte zu lesen.
Ellen Willis Mitte der Neunziger
Ellen Willis Mitte der Neunziger

Ellen Willis Mitte der Neunziger

Foto: Nona Willis Aronowitz
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Ellen Willis' Bruder 1975 beschließt, orthodoxer Rabbi in Israel zu werden, stürzt sie das in eine existenzielle Krise. Mitte der Siebziger ist Ellen Willis eine der wichtigsten Stimmen im US-amerikanischen Journalismus. Sie ist die erste Popkritikerin des "New Yorker" gewesen, schreibt für "Village Voice" und "Rolling Stone".

Sie hat mit Shulamith Firestone die radikale Frauengruppe Redstockings gegründet und sich der psychedelic experience der Hippies hingegeben. Doch keine ihrer identitätsstiftenden Erfahrungen, nicht ihr beruflicher Erfolg, nicht ihr Feminismus und nicht ihre spirituellen Erleuchtungen auf LSD, erscheinen ihr nun stichhaltig genug, um sie den neuen Überzeugungen ihres Bruders entgegenzusetzen. Am 22. März 1976 fliegt Ellen Willis zu ihrem Bruder Mike nach Jerusalem.

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Heute vor zehn Jahren ist Ellen Willis im Alter von 61 Jahren an Lungenkrebs gestorben. Zu schreiben, dass ihre Texte seitdem nichts an Aktualität eingebüßt haben, wirkt abgeschmackt; die Relevanz von jedem Toten und jeder Toten wird schließlich damit beschworen, dass ihr Wirken gewissermaßen zeitlos sei. Doch es geht einfach nicht ohne: Wer sich für Feminismus, Pop und linke Politik interessiert, für den lohnt es sich heute so unbedingt und dringend Ellen Willis' Texte zu lesen, wie schon zu ihren Lebzeiten.

Gleich ihr erster Artikel über Popmusik, ein Essay über Bob Dylan, bringt Willis 1968 den Job beim "New Yorker" ein. Noch während ihres Studiums am Barndard College in NYC hatte Willis geheiratet und war 1962 mit ihrem Mann nach Berkeley gezogen, um dort ein Graduiertenkolleg zu besuchen. Drei Jahre später trennt sie sich von ihrem Ehemann und geht zurück nach New York. Auf der Suche nach Arbeit bewirbt sie sich auf eine Stelle beim "Time"-Verlag, die nur für Männer ausgeschrieben ist. Sie bekommt die Stelle dennoch und arbeitet einige Zeit im Verlag, bevor sie sich als freie Journalistin versucht.

Als sie drei Jahre später beim "New Yorker" anfängt, ist der Erfolg fast umstandslos da. In ihrer Kolumne "Rock etc." schreibt Willis zwar über die Bands, über die alle schreiben: die Stones, die Beatles und The Who. Doch ihr Zugriff ist ein anderer. Auch in den mitreißendsten Momenten, sei es in Woodstock oder auf einem Elvis-Konzert, hat sie den Überblick, wer welche Rollen spielt - und wem überhaupt welche Rolle zugestanden wird.

Ellen Willis, Jahrgang 1941, wuchs in New Yorker Stadtteil Queens als Tochter eines Polizisten und einer Hausfrau auf. Sie studierte Literatur am Barnard College und in Berkeley, bevor sie 1965 ihre journalistische Karriere begann. Nach Stationen beim ¿New Yorker¿ und der ¿Village Voice¿ arbeitete sie ab Mitte der Siebzigerjahre als freie Autorin. In den Neunzigern gründete sie den Studiengang ¿Kulturjournalismus und Kritik¿ an der New York University, in dem sie bis zu ihrem Tod 2006 als Professorin tätig war. Von Willis¿ Texten sind drei Sammelbände erschienen, darunter ¿The Essential Ellen Willis¿, herausgegeben von ihrer Tochter Nona Willis Aronowitz, der 2014 den National Book Critics Circle Award gewann.

Beispielhaft dafür ist ihr späterer Essay zum Tode von Janis Joplin: Willis analysiert darin, wie die männlichen Rockstars der Hippie-Ära den ur-amerikanischen Mythos vom freien Individuum aufgriffen und sich zu eigen machten, ohne ihn jedoch auf Frauen zu erweitern. "Die männlich dominierte Gegenkultur definierte Freiheit für Frauen vor allem in sexuellen Begrifflichkeiten", schreibt Willis. "Das hatte zur Folge, dass Frauen der Idee der sexuellen Befreiung immensen symbolischen Stellenwert zuschrieben. (...) Seine Rebellion auf so begrenzte Weise auszuleben, kam aber gleichzeitig einer schmerzhaft deutlichen Unterwerfung gleich."

Sie ist Fan von Rock'n'Roll

Janis Joplin konnte diesem Paradox nicht entkommen, doch sie griff es von innen an, indem sie eine wahrhaft expansive Sexualität lebte. "Im Gegensatz zu anderen Sängerinnen, die sich so stark erotisch inszenieren", schreibt Willis über einen Konzertbesuch, "habe ich mich bei ihr nie gefühlt, als wäre ich aus Versehen in eine Orgie geplatzt, die sie mit dem männlichen Teil des Publikums veranstaltet. Wenn sie bei ihren Konzerten mit jemandem rummachte, dann immer gleich mit allen."

Für so eine emphatische Art der Inszenierung ist Willis bei aller analytischen Tiefenschärfe immer auch empfänglich. Sie ist Fan von Rock'n'Roll und von nichts so sehr wie von The Velvet Underground. Als der befreundete Kritiker Greil Marcus sie 1979 für einen Sammelband anfragt, welches Album sie auf eine einsame Insel mitnehmen würde, wählt sie "Velvet Underground", eine Anthologie aus den ersten drei VU-Alben, aus und begründet das in einem Essay, der nicht nur intellektuell brillant ist, sondern in dem sie auch ihre typische stilistische Zurückhaltung aufgibt.

Spinnertum (englisch: crankiness) sei die authentische Haltung der späten Siebziger, führt Willis in dem Text zunächst aus und ordnet dann die musikalischen Größen der Zeit in einer schwer übersetzbaren Kaskade ein: "Patti Smith, on the other Hand, is a transitional figure, half cranky messiah, half messianic crank. The rock-and-rollers who exemplify the current aesthetic do so with a wide variation in intensity: Johnny Rotten (maniacal crank) to Elvis Costello (passionate crank) to Nick Lowe or Talking Heads (cerebral cranks) to the Ramones (cranks of convenience) ( The Clash, one convolution ahead, is boldly anti- or postcrank - the first eighties band?)"

Im Verlauf der Siebziger schreibt Willis immer seltener über Musik und immer öfter über gesellschaftspolitische Themen. Doch dann reißt sie Punk noch einmal mit: "Am 7. November musste ich mir eingestehen, dass mich die Sex Pistols anmachten", fängt sie ihren Artikel "Beginning to See the Light" von 1977 an. Es ist ein programmatischer Text, denn in ihm begründet Willis, warum sie als Feministin auch Musik mit sexistischem Einschlag mögen kann: "Musik, die dreist und aggressiv offenlegte, was der Sänger begehrte, liebte, hasste - wie es guter Rock'n'Roll tat - brachte mich dazu, dasselbe zu tun. Selbst wenn die Inhalte frauenfeindlich, sexfeindlich, in gewisser Weise menschenfeindlich waren, bekräftigte mich die Form in meinem Kampf um Befreiung. Zaghafte Musik ließ mich im Gegenzug zaghaft fühlen, ganz unabhängig von ihrer politischen Agenda."

Rockmusik war ein entscheidender Faktor bei ihrer Genesung

Feministin, Rockfan, radikale Linke, Jüdin: In ihren Texten wechselt Willis immer wieder die Perspektive und thematisiert die oft widersprüchlichen Aspekte ihrer Identität. Am schonungslosesten tut sie das in ihrem 45-seitigen Essay "Next Year in Jerusalem", erschienen 1977 im "Rolling Stone". Darin erzählt sie, wie es soweit kommen konnte, dass die religiöse Erweckung ihres Bruders Mike sie so erschüttert. Sie beschreibt, wie sich das gesellschaftliche Klima in den Siebzigern gewandelt hat und wie verloren sie sich als kinderlose, geschiedene Frau Mitte 30 in dieser Zeit fühlt. "Und was ist überhaupt so heilig an den arkanen Gebräuchen meiner hyperurbanen Selbstständigenexistenz?"

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The Essential Ellen Willis

Willis, Ellen
Verlag: University of Minnesota Press
Seitenzahl: 513
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Sie lässt sich auf das Gespräch mit ihrem Bruder ein, vollzieht die Argumentation nach, die ihn dazu gebracht hat, sich dem orthodoxen Glauben zuzuwenden, verbringt sechs Wochen in Jerusalem, führt dort lange theologische Diskussionen, versucht, sich in den orthodoxen Alltag einzufinden - und fängt nach und nach an zu begreifen, welche Erfahrungen und historischen Konstellationen sie zu der Frau gemacht haben, die sie heute ist.

Wie ihr Skeptizismus vom Jüdischsein beeinflusst ist, ihr Feminismus sie aber davon abhält, den Glauben wirklich für sich anzunehmen. Wie sie schon einmal, während des Studiums, unter einer Depression litt und wie die Zeitenwende sie gerettet hat: "Es hätte alles auch ganz anders ausgehen können, hätte es nicht die Sechziger gegeben - und speziell Rock'n'Roll. Rockmusik war ein entscheidender Faktor bei meiner Genesung: Sie hatte die Kraft, mich zu bewegen, wenn so gut wie nichts mehr das noch konnte."

Es ist diese scheinbar mühelose Engführung von privaten und politischen Entwicklungen, die Willis noch heute als Autorin herausstechen lässt. Wenn sie persönliche Details in ihre Texte einflechtet, tut sie damit keinem Selbstdarstellungsdrang Genüge, sondern zeigt immer eine gesellschaftliche Perspektive auf, in der sie ein Detail verortet sehen will. Und wenn sie von intimen Traumata und Verletzungen schreibt, dann nicht, um heimlich um Sympathien zu buhlen. Ihre Schulzeit als "Non-Prom Queen", wie sie sich selbst bezeichnet, klingt schlichtweg unglücklich. Auch der Mythos vom hässlichen Entlein helfe da nicht weiter, schreibt Willis: "Er mag Erinnerungen an soziale Zurückweisung weniger schmerzhaft machen, aber er verfälscht die Erfahrung, entzieht sich ihrer Grausamkeit und Nutzlosigkeit."

Ihre Texte, ihre Haltung und ihr Verstand werden gebraucht

Damit hebt sich Willis nicht nur von der jüngsten Generation popfeministischer Autorinnen ab, die den Claim "There is no such things as too much information" für eine politische Agenda halten und Selfies als feministische Selbstbehauptung verstehen. Sie füllt auch in der Popkritik eine Lücke, die sich über die Jahrzehnte hinweg nicht geschlossen hat: Nach wie vor sind es vor allem männliche Kritiker, die die großen Popanalysen liefern.

In Bücherläden lässt sich das zurzeit besonders gut beobachten. In den Ecken mit den Musikbüchern wächst der Stapel mit Werken von Männern zu einzelnen Popären und -szenen, Jon Savage schreibt über das popkulturelle Wendejahr 1966, Jens Balzer über zeitgenössischen Pop, Simon Reynolds jüngst über Glamrock und dessen Erbe. Von Frauen häufen sich nur die Autobiografien von Rock-Musikerinnen. Nach Viv Albertine von den Slits und Kim Gordon von Sonic Youth hat jüngst Carrie Brownstein (Sleater-Kinney) ihre Memoiren veröffentlicht.

Ellen Willis ist auch fünfzig Jahre nach ihrem ersten Essay über Bob Dylan der missing link - zwischen Selbstentblößung und Abstraktion, zwischen emphatischer Zeitgenossenschaft und intellektueller Distanzierung. Ihre Texte, ihre Haltung und ihr Verstand werden gebraucht.