Elvis in Essen Jede Menge Nahrung
Essen - Die Rock 'n' Roll-Legende Elvis Presley wäre am 8. Januar 65 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass führte das Essener Grillo-Theater "Kochen mit Elvis", ein Stück des britischen Autors Lee Hall, am Samstag zum ersten Mal in deutscher Sprache auf. Die kleine Bühne im Studio 99 des Schauspielhauses verwandelt sich mal in eine Küche, mal ins Wohnzimmer einer dreiköpfigen englischen Familie. An Vaters Geburtstag steht die 14 Jahre alte, rundliche Jill in der Küche und kocht. Es gibt Kutteln, Okraschoten und Wurzelsalat. Das hat King Elvis gern gegessen, und Jills Vater war vor seinem Unfall, durch den er querschnittsgelähmt wurde, Elvis-Imitator.
Im begehbaren Schrank auf der Bühne hängen bunte Anzüge mit Glitzer und Pailletten - ganz so, wie der Rock'n'Roll-Sänger sie zu Lebzeiten trug. Jill pflegt den fett gewordenen und unbeweglichen Vater, der auch im Rollstuhl noch in weißer Elvis-Montur auftritt. Andreas Beck spielt die Rolle des Elvis-Imitators im Rollstuhl herzergreifend. Besonders beeindrucken kann er, wenn er die Behinderung und den Rollstuhl abschüttelt und Ohrwürmer wie "Burning Love", "Are You Lonesome Tonight" oder "The Wonder of You" schmettert.
In diese Idylle gerät der junge Stuart, gut aussehend und ein bisschen einfältig. Jill's Mutter bringt ihn eines Abends mit nach Hause, und kurz darauf zieht er in die Wohnung ein. Damit aber kommt das Mädchen, das sich immer eine intakte Familie gewünscht hat, nicht mehr klar. Sie verliebt sich in Stuart, der nach und nach Mutter, Tochter und auch den behinderten Vater sexuell befriedigt. Diese Szenen sind auf der Bühne zwar drastisch, aber nicht vulgär dargestellt. In der Rolle der alkoholkranken Mutter überzeugt Anuk Ens; dasselbe gilt für Marie-Therese Futterknecht als zu dick geratene und sich an Kochexzessen ergötzende Jill.
"Kochen mit Elvis" ist das erste Theaterstück des jungen britischen Autors Lee Hall. Seine Dialoge sind schnell, sein Humor ist schwarz. Frech und direkt hinterfragt der Autor die Schönheitsideale unserer Zeit, erzählt von den Schwierigkeiten erwachsen zu werden und von der Sehnsucht nach Liebe. In der Inszenierung von Kathrin Sievers wird zudem der große Mythos Elvis Presley noch einmal lebendig, ohne dabei allzu kitschig zu erscheinen. Herrlich sind die Szenen, in denen die junge Jill in einem Wok eine Gemüsesuppe mit Knoblauch-Croutons anrichtet oder wie sie sich über mehrere Portionen Schokoladenpudding hermacht.
Dennoch endet Jill nicht so, wie der King of Rock 'n' Roll. Der war am Ende seines Lebens ein Mann mit dicken Koteletten und wog fast dreieinhalb Zentner, als er ins Grab gelegt wurde. Jill verliert die Lust am exzessiven Kochen exotischer und komischer Gerichte, als sie sich das Mager-Modell Kate Moss vorstellt. Sie und ihre Mutter versöhnen sich am Ende, geben dem jungen Stuart einen Tritt und finden sich mit dem schweren Schicksal ihres behinderten Elvis-Imitators ab. Einziger Verlierer des knapp zweistündigen Bühnenstücks ist eine Schildkröte, die von der 14-Jährigen abgöttisch geliebt, aber aus Frust über den Liebhaber ihrer Mutter zu einer Pastete verarbeitet wird. Am Ende des Spektakels gab es starken Applaus für das Schauspiel-Quartett.
Rudolf Alexander