EM-Talk bei Maischberger Pocher vor, noch ein Tor!
Ob Günter Netzer zugeschaut hat? Immerhin hatte sich Talkerin Sandra Maischberger für ihre letzte Sendung vor der Sommerpause etwas Besonderes einfallen lassen. "Fußball ist unser Leben", hieß das Thema. Das hörte sich ein paar Tage vor der Europameisterschaft trotz der bedeutungsschweren Wortwahl nach locker-launiger Plauderei an, mit offenem Visier und völlig ohne taktische Zwänge, wie es so schön in der Fußballersprache heißt. Endlich mal keine ernste Diskussion über Genfood, Justizirrtümer oder Ärztepfusch.
Heraus kam dann trotz der guten Voraussetzungen nur ödes verbales Mittelfeldgeplänkel ohne Zug zum Tor. Wäre die Sendung ein Fußballspiel gewesen, dann eins unter der Leitung von Ex-Bundestrainer Erich Ribbeck, etwa das 0:3 gegen eine portugiesische B-Auswahl in der Vorrunde der EM 2000. Wobei Maischberger nun nicht die Ribbeck unter den Moderatoren ist. Sie gab zwar zu, "noch nie 75 Minuten am Stück" über Fußball diskutiert zu haben, aber eine Mischung aus einem Schuss Ahnungslosigkeit und einer großen Portion Neugier ist gerade in ihrem Job allemal besser, als wenn sich zuviel Routine einschleicht.
Lag es also am Kader für die Sendung? Gut, die Nominierung von Moderator Waldemar Hartmann und des ehemaligen Bundesliga-Managers Reiner Calmund dürfte einige Diskussionen im Publikum ausgelöst haben. Das ist etwa so, als hätte Bundestrainer Joachim Löw noch einmal Lothar Matthäus und Christian Wörns für die EM in Österreich und der Schweiz reaktiviert. Weißbier-Waldi und Calli machen zwar den einen oder anderen schalen Scherz zuviel, unsympathisch sind sie aber dennoch nicht. Zumal sie gestern auch noch im Partnerlook "braune Tracht mit grünen Kragen" aufliefen.
Zwischen beiden saß Oliver Pocher, und der zuletzt irgendwo zwischen größter Nervensäge und TV-Heiland angesiedelte Komiker präsentierte sich ein paar Tage nach seinem Eine-Million-Euro-Coup bei Günther Jauchs Promi-"Wer-wird-Millionär" weiterhin in Top-Form. Nimm ihn noch mit zur EM, möchte man Löw zurufen, Spaßbremsen gibt es ja im deutschen Kader genug. Doch dank seiner famosen Kritik am DFB-Tross wird's wohl nichts mit einer Nachnominierung. Am schlimmsten finde er immer diese Interviews von Oliver Bierhoff, "in denen vom Koch bis zum Mannschaftsbus alle in den höchsten Tönen gelobt werden", so Pocher. "Man soll auch mal das sagen dürfen, was man denkt."
Doch selbst der blendend aufgelegte bekennende Hannover-96-Fan konnte die Sendung nicht vor dem Aus in der Vorrunde retten. Das lag an der Redaktionstaktik, die so modern wirkte wie ein Libero mit zwei Manndeckern. Einspielfilme von der singenden Nationalelf 1974 oder von Völlers Wutrede beim Interview mit Waldemar Hartmann vor fünf Jahren? Analyse irgendwelcher Fußballersprüche oder von Umfragen, in denen Männer behaupten, die EM sei ihnen wichtiger als der Sex mit der eigenen Frau? Alles zu ausgelutscht und zu oft gesehen und gehört, um wirklich zu überraschen.
Klebebildchen für's Panini-Album
In diese Kategorie gehörten auch die Ausschnitte des entscheidenden Tors bei der "Schmach von Cordoba", als Deutschland bei der WM 1978 ein 2:3 gegen Österreich kassierte und ausschied. Klar, dass vor der kommenden EM auch ein Österreicher und ein Schweizer in der Runde nicht fehlen durften. Karikaturist Gerhard Haderer durfte die österreichischen Farben vertreten und gleichzeitig darlegen, warum sich sein Land bei den Titelkämpfen im eigenen Land unterbuttern lassen wird: Er kam fast nie zu Wort.
Der Schweizer legte hingegen diesen Schuss Überheblichkeit an den Tag, der dafür sorgen wird, dass die Eidgenossen bei der EM nicht so stark sein werden, wie sie es selbst erwarten. Kann auch daran gelegen haben, dass es sich beim Schweizer um Jörg Kachelmann handelte, den Wetteransager, der irgendwann und irgendwie auch in den TV-Unterhaltungssektor gewechselt ist und nun glaubt, es sei lustig, wenn er im Fernsehen von einem handgeschriebenen Zettel einen Aufruf an die Zuschauer startet, ihm seine noch fehlenden Klebebildchen für sein Panini-Album zuzuschicken. Ist es aber nicht.
Wer sich tatsächlich in die zweite Halbzeit der Plauderrunde hinübergerettet hatte, durfte sich noch eine Diskussion über Schwule im Fußball ansehen. Er kenne viele Schwule, sagte Calmund, die seien "kreativ, witzig, mit denen kann man ganz normal umgehen". Ja, Calli, so kann man sich auch schnell ins Fettnäpfchen setzen. Wer auf irgendeinen neuen Aspekt zu diesem durchgekauten Thema gehofft hatte: Namen wurden nicht genannt.
Als Zuschauer hätte man sich gewünscht, das ARD-Duo Gerhard Delling und Günter Netzer hätte die Sendung nach dem Abspann noch seziert wie sonst die Spiele der deutschen Nationalelf. Was Netzer wohl gesagt hätte? "Ich bin fassungslos!", hätte er wohl verbal blutgegrätscht.
Doch der Blick muss im Fußball immer auf das nächste Spiel gerichtet sein. In ein paar Tagen beginnt die EM. Dann redet keiner mehr über die Maischberger-Runde.