Emmy-Verleihung Dandys, Chauvis, Muttis
"Ich fühle mich, als hätte ich der Mafia einen Haufen Geld gestohlen", zitierte der Fernsehsender CNN James Spader. Der Darsteller gewann den Emmy für die beste Hauptrolle in der Anwaltsserie "Boston Legal" einer der wenigen Hauptpreise, die nicht an die "Sopranos" gingen. Spaders Scherz brachte die Lage auf den Punkt: Die "Sopranos" haben sich von der Erfolgsserie zur TV-Institution gewandelt. Wenn der inflationäre Begriff Kult je angebracht war, dann hier.
Für Regie und Drehbuch wurden die New Yorker Mobster ausgezeichnet - eine erneute Bestätigung, dass man mit den Mitteln des Fernsehens Entwicklungsromane schreiben kann; televisionäre Epen, in die sich die sozialen, kulturellen und politischen Verhältnisse eines Landes ebenso einspeisen lassen wie popkulturelle Referenzen.
Vielleicht ist es genau dieser Mix aus Folklore und Realismus, Kritik und Gespür für die Möglichkeiten eines Genres, der amerikanische Serien weltweit so erfolgreich macht. "Boston Legal" zum Beispiel, eine Produktion des Starautoren David Kelly ("Ally McBeal"), spielt mit den Konventionen der Anwaltsserie, nutzt den Kontext für explizit politische Kritik und reanimiert nebenbei gleich eine ganze Riege alter Schauspielrecken von Candice Bergen bis William Shatner.
Schöner schillern
Spaders Rolle der Top-Anwalt Alan Shore ist ein Bravourstück der Charakterzeichnung. Zwischen Dandysmus und Sexismus schillert diese Figur seit mittlerweile vier Staffeln und verwirrt, amüsiert, überrascht und provoziert mit brillanten Monologen zu allen brisanten Themen der amerikanischen Gegenwart: von Religionsfreiheit über Waffenfanatismus bis zum Irak-Krieg.
Der zweite große Darstellerpreis ging an Sally Field: In der Familienserie "Brothers & Sisters" spielt sie die Matriarchin eines reichen Westküsten-Clans, der nach dem Tod des Vaters zu zerfallen droht. Obwohl eigentlich Ally-McBeal-Darstellerin Calista Flockhart das PR-Zugpferd der Serie ist, ist Field die überragende Aktrice.
Als wertkonservatives und zugleich liberal-unkonventionelles Muttertier kämpft sie gleich an mehreren Fronten gegen den Niedergang ihrer Sippe. Fields Darstellung ist komplex, ambivalent, kontrovers und beweist, das exzellente Schauspielerinnen jenseits der 40 in Hollywood vielleicht ausgespielt haben, in Serien aber ein neues, anspruchsvolles Zuhause finden.
Viel Spaß mit Selbstreflexion
Auch in der Comedy-Sparte zeigt sich die erzählerische und intellektuelle Qualität, die die amerikanischen Serien weit über den europäischen Durchschnitt hebt (von England vielleicht abgesehen, wo BBC und andere Sender ausgezeichnete Reihen herausgeben). "30 Rock" ist der Gewinner in der Königsdisziplin Komödie, was gleich in zweifacher Hinsicht erstaunlich ist: Zum einen bringt die Serie nur mäßige Quoten Chefautorin und Darstellerin Tina Fey bedankte sich selbstironisch bei den "Dutzenden und Dutzenden von Zuschauern".
Zum andern ist die Serie über den Produktionsbetrieb einer Sketchshow in hohem Maße selbstreflexiv: Es geht um die Intrigen und Konflikte hinter den Kulissen des TV-Betriebs, der sich in "30 Rock" als von Exzentrikern geführtes Tollhaus entpuppt. 20 Minuten lang ist eine Folge genügend Zeit für eine dichte rasante, mit Gags und kritischen Kommentaren gespickte Farce über das Mediengeschäft und seine Protagonisten.
Ob "30 Rock" hierzulande laufen wird? Und ob die deutschen TV-Sender je begreifen werden, dass man hochklassige Serien wie "Sopranos" oder "The Shield" nicht auf Late-Night-Schienen verramscht und dass das hiesige Publikum sehr wohl Erzählformen jenseits der Lindenstraßen-Dramaturgie zu schätzen weiß? Vielleicht muss man mit den Senderverantwortlichen mal ein ernstes Wörtchen reden. Eine Aufgabe für Tony Soprano. Der Mann weiß schließlich wie man sich durchsetzt, quotentechnisch und auch sonst.