Entsorgte Kunst: Aus dem Weg! - DER SPIEGEL
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Entsorgte Kunst Aus dem Weg!

In Kassel wurde gerade aus Versehen ein Kunstwerk demoliert - kein Einzelfall in der Documenta-Stadt. Immer wieder mal werden Installationen als Müll identifiziert - und weggeschmissen. Übrigens nicht nur in Hessen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Kassel wird so schnell kein Künstler mehr auf die Straße gehen. Dort hat die Stadtreinigung gerade ein Werk von Lotty Rosenfeld entsorgt. Die Chilenin hatte Fahrbahnmarkierungen mit weißen Klebestreifen in Kreuze verwandelt, die Ordnungskräfte erkannten darin lediglich eine Verkehrsgefährdung.

Es ist nicht das erste Mal, dass Kunst in der Documenta-Stadt aus dem Verkehr gezogen wurde. 2000 ließ man Gustav Langes elf Meter hohe und 32 Meter lange Skulptur "Treppe ins Nichts" ohne Genehmigung abreißen, immerhin ein Werk, das der Künstler für die Documenta 9 geschaffen hatte.

Auch Beuys öko-soziale Plastik "7000 Eichen" kam in Kassel erst mal auf keinen grünen Zweig. Von den 7000 Baum-Stein-Ensembles, die der deutsche Modernist 1987 der Stadt bescherte, fehlten 2000 196 Bäume. 77 Steine waren verschwunden, an 48 Standorten waren weder Stein noch Baum vorhanden.

Überhaupt ist Beuys eines der beliebtesten Opfer der Kunstentsorger: 1973 identifizierten Reinigungskräfte des SPD-Ortsvereins seine beklebte und beschmierte Badewanne als Sauerei, schrubbten sie sauber und nutzten sie nach einer Sommerparty zum Gläserspülen.

Beuys Künstlerkollege Gustav Metzger bekam ebenfalls den Ordnungssinn verantwortungsbewussten Fachpersonals zu spüren: Für eine Installation in der Londoner Tate platzierte der Künstler eine Plastiktüte vor einem Gemälde - ein Konzept, dass der Putzfrau buchstäblich nicht gelegen kam. Die Tüte landete im Abfall; Metzger musste eine zweite Fassung anfertigen.

Auch der britische Künstler Michael Landy wurde Opfer hygienischer Beflissenheit. Sein Stilleben Eimer mit Abfall wurde als solcher wahrgenommen und entsorgt. Landy kommentierte die Aktion mit Humor und verwandelte das Malheur später wieder in Kunst: Seine Installation "Screapheap Services" zeigte lebensgroße Putzleute, die Müll und Menschen beseitigen.

Die Kasseler übrigens können, falls allzu sehr beschämt, auf Düsseldorf verweisen: Dort verehrt man unter anderem Günther Uecker, der mit Kieselstein-Installationen bekannt wurde. 1996 ließen die Rheinländer den sogenannten Platz der Medien von Uecker mit Flusskieseln auskleiden. Nachteil des Werks: Es bildeten sich bei Regen unbequeme Pfützen. Die Stadtverwaltung beschied trocken die Asphaltierung des Platzes - und durfte am Ende 50.000 Euro für die Rekonstruktion bezahlen.

Fazit: Kunst ist Auslegungssache, der Rezipient bestimmt, was kreativ ist, was Klamauk, was Quatsch. Und wenn der Betrachter eine aufgeräumte Natur ist, zieht er schon mal was ab. Einen Klebestreifen zum Beispiel.

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