Facundo Cabral: Heiliger Lateinamerikas
Erinnerungen an Facundo Cabral "Gott hat mich ruiniert"
Vor fünf Jahren erzählte mir Facundo Cabral, er habe neulich eine Frau auf der Straße getroffen, die ihn erschrocken anstarrte. "Sie sind noch am Leben?", rief sie überrascht. "Ich hätte gedacht, sie wären schon längst tot. Sie sehen ja verdammt schlecht aus!"
Der tatsächliche Tod des Sängers am vergangenen Sonntag in Guatemala muss bei vielen hier in Argentinien eine ähnliche Reaktion ausgelöst haben, auch wenn Cabral dieses Jahr eine Art Mini-Comeback mit einigen Konzerten in der Hauptstadt feiern durfte - gerade an dem Ort, wo am Dienstag die Totenwache gehalten wurde. Er wurde 74 Jahre alt, ungefähr, denn seine Mutter wusste nicht genau, wann er geboren wurde, und hat ihn erst mit sechs oder sieben Jahren bei den Behörden angemeldet. Allerdings als Rodolfo, denn der Name Facundo (ein berühmter argentinischer Caudillo des 19. Jahrhundert) war damals verboten.
Sänger des demokratischen Frühlings
Cabral war eine jener Persönlichkeiten der Kultur, die man mit einer sehr klar umgrenzten Epoche in Verbindung bringt, in diesem Fall dem demokratischen Frühling in Argentinien Anfang der achtziger Jahre. Schon damals scherzte er, durch den Fall der Diktatur sei er zu einem arbeitslosen Protest-Sänger geworden. Seine rezitatorischen Massen-Konzerte, festgehalten auf den guten alten Kassetten, begleiteten die Wiederentdeckung der politischen Freiheit der Dreißig- bis Vierzig-Jährigen von damals, und die frühe Erziehung der Dreißig- bis Vierzig-Jährigen von heute. Sein vielfach übersetzter Hit "No soy de aquí, ni soy de allá" ("Ich bin weder von hier noch von dort") oder auch der nicht minder bekannte Song "Vuele bajo" ("Flieg niedrig") machten den humor- und gleichsam gefühlvollen Liedermacher zum Klassiker in ganz Lateinamerika. "Meine Mutter sagte, ich bin nur umhergezogen, nur um singen zu dürfen, dass ich tatsächlich weder von hier noch von dort bin."
Wie es dazu kam, ist Legende, wie eigentlich alles in seinem abenteuerlichen Leben, einschließlich dieses unwahrscheinlichen Finales. Von ihrem Ehemann verlassen, zog Facundos Mutter immer weiter Richtung Süden um. Zu Essen gab es nur manchmal, eine Schule besuchte er nie. Er sah mehrere seiner sieben Geschwister sterben. Trotz seines Namens ("Der Beredte") wollte er als Kind nicht sprechen. "Die Ärzte meinten, ich sei geisteskrank", erzählte mir der wohl gesprächigste Mann, den man sich vorstellen kann.
1946 hörte er, dass Präsident Perón den Armen Arbeit geben würde, verließ unbemerkt sein Haus und durchquerte alleine halb Patagonien auf der Suche nach dem General. Das Merkwürdige daran: Er fand ihn. Ausgerechnet in seiner Geburtsstadt La Plata wurde er während einer Parade zu Perón geführt. "Endlich jemand, der um Arbeit statt um Almosen betet", meinte Evita an dessen Seite. "Da begann mein öffentliches Leben, und seitdem ist es öffentlich geblieben", erzählte Facundo viele Jahre später.
Großmutters anarchistische Tiraden
Seine Mutter bekam durch die Begegnung mit dem Präsidenten eine Stelle als Aufseherin in einer Schule, auch Facundo selbst ging arbeiten. Seine Streitlust und sein Hang zur Flasche brachten ihn aber immer wieder in Schwierigkeiten und sogar ins Gefängnis. Aus diesem Teufelskreis holte ihn schließlich ein Jesuit, der ihn in eine kuriose Einzelzelle steckte: die Bibliothek. Der Pater brachte er ihm das Lesen und Schreiben bei. Zurück auf dem Land, lernte er von den Gauchos Gitarre spielen, und noch etwas: Hier entdeckte er die Anziehungskraft seiner Reden beim Publikum. Sein Lieblingsthema: anarchistische Tiraden, die er von seiner Großmutter übernommen hatte, einer Anhängerin des französischen Soziologen Pierre-Joseph Proudhon.
Wie er, unter den Künstlernamen "Indio Gasparino", zu seinem ersten Konzert und danach zu seiner ersten Platte kam, ist nicht minder dem Zufall geschuldet. Zufällig trat er mit dem Folklore-Sänger Cafrune in Madrid auf, als in Argentinien die Diktatur aufkam und ihn ins Exil zwang; zufällig traf er später Ray Bradbury und Borges und Mutter Teresa und sogar seinen eigenen Vater, als er schon fast fünfzig Jahre alt war. Bei seinen autobiographischen Anekdoten, immer wieder ein bisschen anders erzählt, gilt das spanische Sprichwort: Glauben oder Platzen. Das Publikum entschied sich offenbar für das Glauben, und so wurde er mit vielen Platten und Büchern (die genaue Zahl kannte wahrscheinlich nicht einmal er selbst genau) einer der produktivsten Künstler seiner Art - falls es überhaupt einen Zweiten seiner Art geben sollte.
Seine Anhänger waren weniger Fans als echte Gläubige, er pflegte sich deshalb "der heidnischste aller Prediger" zu nennen. Mystisch verehrt wurde er schon immer, was sich allerdings noch verstärkte, als er 1978 bei einem Flugzeugsabsturz in den USA seine schwangere Frau verlor. "Gott hat mich ruiniert", erzählte er mir. "Wäre ich intelligent, so würde ich das Thema nicht erwähnen in einem Land, wo man Gott mit der Kirche gleichsetzt." In der Tat hatten der konstante Bezug auf Gott und seine nach Selbsthilfe riechenden Bücher seinen Ruhm als bissiger Gesellschaftskritiker nicht gerade befördert. Dafür wurde sein Gefolge in ganz Lateinamerika um so treuer, regelmäßig tourte er durch den Subkontinent. "Ich bin ein Sänger der Minoritäten, aber wenn man die alle zusammentut, werden sie zu einer Menge", sagte er.
Lebensabend im Hotelzimmer
Seit einigen Jahren hatte sich Facundo, der 1996 von den Vereinten Nationen zum "Weltbotschafter des Friedens" ernannt worden war, in Buenos Aires niedergelassen. Seinem Wanderleben treu geblieben nahm er sich keine Wohnung, sondern residierte in einem Hotelzimmer. Dort verbrachte er die Zwischenstopps seiner Reisen, über welche er um die 600 Hefte geschrieben haben soll.
Als er mich empfing, war er schon fast blind und konnte kaum noch gehen. Er trug genau dieselben Klamotten, die er auch bei seinen Konzerten trug und die man auf den Fotos von seiner Leiche erkennen kann: blaue Jeans, braune Lederjacke, Spazierstock.
"Ich nähere mich meinem Ende und möchte so sterben, wie ich gelebt habe: in einem Hotelzimmer und zwischen Büchern", sagte er mir damals. Es ist anders gekommen, und doch nicht ganz anders, denn er ist tatsächlich dort gestorben, wo er gelebt hat: irgendwo, auf dem Weg von einem Ort zum anderen. Der Tod traf ihn auf der Fahrt Richtung Flughafen zwischen zwei Konzerten, an einem ganz normalen Tag also. Nur waren ihm diesmal seine mehr oder weniger zufälligen Bekanntschaften zum Verhängnis geworden: die Kugeln, die ihn töteten, galten offenbar dem Unternehmer, der ihn angeheuert hatte.
Mittlerweile wurden mehrere Killer gefasst, der Fall sei damit angeblich gelöst. Und trotzdem hört sich die Geschichte seines Todes irreal an, als wäre sie auch nur eine jener Anekdoten, die keiner besser als Facundo selbst hätte erzählen können. Allerdings die erste, die man ihm nicht geglaubt haben möchte.