Private Handybilder "Alles ist ersetzbar außer dem Bild von Opa Friedel"
Michel Spormann mit Großvater: "Eine ganz bedrückende Stimmung"
Foto: Michel SpormannMichel Spormann, 34, lebt in Hamburg und ist Verkaufsleiter in einem Musikvertrieb. Außerdem singt und schreibt er für die Band "Misses Next Match" . Auf seinem Telefon hat er 751 Fotos, die meisten davon sind Schnappschüsse. "An viele Momente erinnere ich mich jetzt erst wieder, wo ich hier mal durchguck", sagt Spormann. "Vor allem die von nachts."
SPIEGEL ONLINE: Herr Spormann, was ist Ihr Lieblingsbild?
Spormann: Auf jeden Fall auch ein Schnappschuss. Hier, das persönlichste Bild und vor allem das wichtigste auf meinem Handy.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie das mit Ihrem Großvater?
Spormann: Das ist mein Opa Friedel.
SPIEGEL ONLINE: Sie sehen süß zusammen aus.
Spormann: Er ist richtig flott angezogen. Da kann ich mit meiner Jogginghose einpacken.
SPIEGEL ONLINE: Die begutachtet er auf dem Bild, oder?
Spormann: Nein, das ist ihm nicht aufgefallen. In dem Moment fragt er mich gerade, wer mich angemalt hat. Ich weiß aber nicht mehr, was ich geantwortet habe. Das mit den Tattoos hat er jedenfalls nie verstanden.
SPIEGEL ONLINE: Warum bedeutet Ihnen das Foto so viel?
Spormann: Es soll gar keine wilde Hommage an ihn sein. Wir mochten uns sehr, hatten aber keine furchtbar tiefe Bindung. Das Bild zeigt nur das letzte Mal, als ich ihn lebend gesehen habe.
SPIEGEL ONLINE: Er ist danach gestorben?
Spormann: Nicht direkt nach dem Besuch, aber einige Wochen später. Opa Friedel ist immerhin 81 Jahre alt geworden. Wir sitzen da auch nicht bei ihm zu Hause, sondern im Aufenthaltsraum seines Altenheims. Es war richtig schönes Wetter an dem Tag, aber da drinnen herrschte eine ganz bedrückende Stimmung. Trotzdem habe ich mich gut dabei gefühlt, ihn zu besuchen.
Michel Spormann: "Opa Friedel ist immerhin 81 Jahre alt geworden"
Foto: Anne BackhausSPIEGEL ONLINE: Haben Sie das regelmäßig gemacht?
Spormann: Das kann man so nicht sagen. Vorher hatte ich ihn bestimmt drei bis vier Monate nicht gesehen. An diesem Sonntag war ich eigentlich bei meinen Eltern. Und dann hat mich mein Vater mitgenommen.
SPIEGEL ONLINE: Vermissen Sie Friedel?
Spormann: Schon, ja. Nicht aktiv jeden Tag, aber ich würde ihn gerne wieder besuchen. Es ist interessant. Wo ich jetzt so drüber nachdenke: Wirklich alle anderen Bilder in meinem Telefon sind ersetzbar außer dem Bild von Opa Friedel. Es ist sogar das einzige Foto, das ich auf meinem Computer gesichert habe.
SPIEGEL ONLINE: Was ist die schönste Erinnerung an Ihren Opa?
Spormann: Ich habe viele gute Erinnerungen an ihn. Er kannte zum Beispiel viele wertvolle Bauernweisheiten, die er unermüdlich rausgehauen hat. Geschichten hat er auch gerne erzählt, leider bekomme ich die aber nicht mehr richtig zusammen.
SPIEGEL ONLINE: Nicht mal eine?
Spormann: Es gibt eine Geschichte, die mochte er besonders, von einem Mann, der ohne Geld in eine Kneipe ging. Ich glaube, er hat auf dem Weg sogar noch ein Pferd vom Feld gestohlen. Jedenfalls wettet der Mann in der Bar, dass er und noch einer zusammen einen Eimer Bier leeren könnten. Keiner glaubt ihm, aber er bekommt den Eimer Bier hingestellt. Der Mann trinkt und trinkt, bis er nicht mehr kann - dann gibt er den Rest dem Pferd.
SPIEGEL ONLINE: Und die Moral von der Geschichte?
Spormann: Erreicht den Hof mit Müh und Not, der Knabe lebt, das Pferd war tot.
SPIEGEL ONLINE: Oha.
Spormann: Wenn mir noch eine bessere einfällt, melde ich mich bei Ihnen.
Anne Backhaus, Jahrgang 1982, bekam die Idee für "Eins aus tausend", als sich auf ihrem Handy 3574 Fotos angesammelt hatten und sie aus Speichermangel löschen musste. Das ging viel leichter als befürchtet. Backhaus lebt in Hamburg, im Anschluss an ihr Volontariat bei SPIEGEL ONLINE arbeitete sie als Video-Reporterin für die Redaktion. Heute reist sie als Autorin und Filmemacherin um die ganze Welt. Von den Menschen, die sie unterwegs trifft, finden sich einige mit ihrer Foto-Geschichte hier wieder.