Essay Kapitalismus mit menschlichem Antlitz
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Der Mann im feinen Zwirn lacht und macht das Victory-Zeichen. Der Mann ihm gegenüber lacht zurück, beide Männer sind bester Laune. Sie wirken, als hätten sie gerade eine Gehaltserhöhung bekommen, die sie gleich wieder klug angelegt haben. Oder als wären sie eben in einem Prozess freigesprochen worden und könnten nun nach Hause gehen, zurück zu Frau, Kind, Hund und Hobbykeller. "We shall overcome some day!"
Dabei stehen Herr Ackermann und Herr Esser, zusammen mit vier weiteren Angeklagten, erst am Anfang eines Strafverfahrens, in dem geklärt werden soll, ob sie sich der "Untreue" schuldig gemacht haben, weil sie rund 111 Millionen Mark an Prämien verteilt bzw. kassiert haben sollen, als Mannesmann von Vodafone vor vier Jahren übernommen wurde. Allein Esser soll "nach monatelangem Einsatz bis zur totalen Erschöpfung" (Ackermann) 30 Millionen Mark als Belohnung bekommen haben Es riecht nach Selbstbedienung und Vetternwirtschaft, nach Geben und Nehmen, nach Hilfst Du mir, dann helf ich Dir.
So sieht er also aus, der Kapitalismus mit menschlichem Antlitz. Denn egal, ob die Angeklagten verurteilt oder freigesprochen werden, es sind keine Räuber und Raffgeier, die da angeklagt werden, sondern leitende Angestellte, die bis zum Umfallen arbeiten, sich dabei "vom Prinzip der Leistungsgerechtigkeit leiten lassen" (Ackermann) und nichts als Undank ernten. "Das ist das einzige Land, wo diejenigen, die erfolgreich sind und Werte schaffen, deswegen vor Gericht stehen."
Man muss diesen Satz zweimal lesen, um seine Dimension zu begreifen. Ackermann, Esser und die anderen stehen vor Gericht, weil sie erfolgreich waren und Werte geschaffen haben. Wären sie erfolglos geblieben und hätten Werte vernichtet, könnten sie heute, ohne von der Justiz belästigt zu werden, in der Karibik liegen und das Leben genießen.
Sie meinen es so, wie sie es sagen. Und nun regen sich alle auf, finden "die Arroganz der Mächtigen" unerträglich und die Verteidigungsstrategie an den Haaren herbei gezogen. Dabei übersehen sie, worum es wirklich geht. Es gibt keine anständigen Kapitalisten mehr, nur noch Sozialarbeiter in Armani-Anzügen, die sich für das Gemeinwohl opfern.
Der letzte wahre Kapitalist war Dagobert Duck, er war gierig und geizig, hat am liebsten in Geld gebadet und Profitmaximierung war sein Leben. Heute gilt er als die Karikatur eines Kapitalisten, tatsächlich war er dessen perfekte Inkarnation. Würde es jemand wagen, Ackermann oder Esser mit Dagobert Duck zu vergleichen, hätte er sofort eine Beleidigungsklage am Hals. Denn der Kapitalist von heute redet über alles, nur nicht über Geld. Und packt er sich bzw. seinen Buddies doch mal die Taschen voll, dann war dies "zulässig, angemessen und rechtlich sogar geboten". Ein Verzicht wäre nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch von Strafe bedroht.
Der Kapitalist von heute agiert so, wie Mutter Teresa agieren würde, wenn sie an der Spitze der Deutschen Bank stünde. Das Geschäft ist nicht mehr Ziel und Zweck, sondern nur noch Mittel zum Zweck - um Gutes zu tun. Natürlich zuerst sich selbst und den nächsten Freunden. Aber das ist so selbstverständlich, dass man darüber nicht reden muss. Ackermann und Esser sind keine Ausnahmen, deren Verhalten von der Höhe ihrer Bezüge bestimmt wird. Am Sockel der Einkommenspyramide gilt derselbe Verhaltenskodex wie an der Spitze.
Einerseits hat sich der Slogan "Geiz ist geil!" durchgesetzt, fahren die Leute Hunderte von Kilometern, um ein paar Euro beim Tanken oder Haareschneiden zu sparen, andererseits gilt es generell als unfein, übers Geld zu reden. Man kann jeden Freund auf einer Party fragen: "Wann hast du deiner Frau zuletzt einen Orgasmus appliziert?", ohne dass er die Anfrage als Zumutung empfinden würde. Nur wenn man von ihm wissen möchte, wie viel er verdient, verweist er auf sein Recht auf Aussageverweigerung.
Abgeordnete, die ein Vielfaches ihrer Diäten mit Nebenjobs verdienen, die sie nur bekommen haben, weil sie als Abgeordnete tätig sind, sehen keinen Interessenkonflikt am Werk, im Gegenteil, sie wollen nur ihre "Unabhängigkeit" finanziell absichern. Und im übrigen, sagen sie, sei es doch nur gut, wenn ein Abgeordneter "mitten im Leben" stehen und handeln würden. Inzwischen sagt jede Nutte, die im Nachtprogramm eines Lokalsenders interviewt wird, es komme ihr darauf an, soziale Unterschiede auszugleichen, weswegen sie von allen Kunden dieselbe Gebühr nehmen würde.
Es ist der alte deutsche Idealismus, der sich da artikuliert, die Verachtung für die "Händler" und die Bewunderung für die "Helden". Die einen treffen sich beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos, die anderen beim Weltsozialforum in Bombay. In Deutschland freilich möchte jeder Händler vor allem ein Held sein. Selbst wenn es jemand ist, der mit Leichen handelt, wie der Heidelberger Anatom Gunther von Hagens, geb. Gunther Liebchen.
Jahrelang hat er sich für die "Demokratisierung der Anatomie" eingesetzt, ist dabei reich, berühmt und berüchtigt geworden. Nachdem der SPIEGEL Art und Umfang seiner makabren Geschäfte aufgedeckt hat, stellte sich Liebchen hin und kehrte den Idealisten raus: "Durch mein Beispiel habe ich Diskussionen angeregt. Ich schaffe da ein neues Bewusstsein. Das ist Teil meiner politischen Mission." Er habe einen "Beitrag zum Fortschritt in China geschaffen" und "schon Vieles demokratisch bewirkt dort", außerdem habe er "weltweit 400 Arbeitsplätze" geschaffen. Nur über die Summen, die er bei der Umsetzung seiner Mission einnimmt, wollte von Hagens lieber nichts sagen.
Um sich selbst noch heldenmäßig zu toppen, erklärte er sich schließlich zum Opfer einer Intrige. "Mich beschleichen mitunter ostalgische Gefühle. Ich bin es aus der DDR gewohnt, bespitzelt zu werden." Nur das Victory-Zeichen, das hat er sich verkniffen.