Ethik-Theater Das Faustische im Stammzellen-Streit
"Es leuchtet! Seht! Nun lässt sich wirklich hoffen,
Dass, wenn wir aus vielen hundert Stoffen
Durch Mischung - denn auf Mischung kommt es an -
Den Menschenstoff gemächlich komponieren..."
(Wagner in Goethes "Faust")
Berlin - Mitten in der Biochemie-Vorlesung geht plötzlich das Licht aus. Geheimnisvolle Stimmen erklingen, dann wird es wieder hell, und wo eben noch ein Charité-Professor seine Studenten über Genomforschung und Vererbungslehre unterwies, tummeln sich ohne Vorankündigung Schauspieler.
Klicken Sie hier zu Teil 2: "Theaterdebatte im Hörsaal: Sind wir Sprachrohr der Evolution?"
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Die gezielte Betriebsstörung, die sie den sichtlich verunsicherten Studenten bieten, ist eine szenische Collage aus Goethes Faust. Das Stück beginnt mit einer Passage, die selten gespielt wird. Faust bekennt sich als Sohn eines Massenmörders. Sein Vater wollte die Menschheit von der Geißel Pest befreien, aber hat zahllose Patienten mit neuentwickelter Medizin in den Tod getrieben
"So haben wir ... weit schlimmer als die Pest getobt.
Ich habe selbst das Gift an Tausende gegeben:
Sie welkten hin, ich muss erleben,
dass man die frechen Mörder lobt."
"Bin ich ein Gott?", fragt sich Faust, "ich Ebenbild der Gottheit!", bevor sich der teuflische Mephistopheles des selbstzweifelnden Arztes bemächtigt, der später auf dem Seziertisch des Vorlesungssaals enden wird. Die Kulisse: Ein Menschenlabor, in dem ein Idealmensch aus Chemikalien gebraut werden soll - aber als Missgeburt endet.
Mehrfach wird die Aufführung von Filmprojektionen unterbrochen, die all das aufzeigen, wo sich Wissenschaft von kriegerischen Demagogen für das vermeintlich Gute verleiten und missbrauchen ließ. Am Ende vollzieht sich die Zellteilung auf der Leinwand, eine Anspielung auf die gegenwärtige Debatte: Wem gehört der Mensch - diese Frage wurmt Regisseur Christian Suhr, der sein mobiles Performance-Theater PAN vor rund einem Jahr gegründet hat.
Denkanstöße statt Lernpensum
"Das raubt doch nur Zeit, wo wir so viel pauken müssen", maulen einige der Medizinstudenten nach dem Überraschungsauftritt Fausts und verlassen den Saal, die andere Hälfte, rund 100 von 200, bleiben fasziniert zur anschließenden Diskussion. "Die Vorlesung heute ersetzt ein ganzes Seminar über Psychologie und Ethik", kommentiert eine Zuhörerin.
"Ich, Ebenbild der Gottheit - Goethes 'Faust' und der Schöpfungsdrang der Wissenschaft" ist die "Faust"-Variante des freien Berliner Theaterregisseurs Christian Suhr überschrieben. Die Premiere des Stückes hatten der Initiator, der Biochemiker Cornelius Frömmel und der Molekulargenetiker Detlev Ganten in kleinerem Rahmen im Dezember erlebt. Das Mitglied im Nationalen Ethikrat plädierte begeistert dafür, mit dieser Aufführung doch dorthin zu kommen, wo ihr Denkanstoß wichtig sei: Unter Medizinstudenten, die sonst freiwillig nicht zu solch einer Vorstellung kämen.
"Was raten Sie dem Bundestag?"
"Diese Truppe, das Berliner PAN-Theater, hat sich entschieden, in alter Tradition Theater auf dem Marktplatz anzubieten, unser Marktplatz ist der Hörsaal", führt Frömmel seine Studenten, denen er ins Gewissen redet: "Sie wollen Ärzte werden und Verantwortung übernehmen. Die tragen Sie aber auch als ein Teil dieser Gesellschaft, an deren Willensbildung Sie mitwirken sollten. Unsere Abgeordnete sollen nun eine Grundwerte-Entscheidung treffen: Pro oder contra Stammzellenimport. Was raten Sie dem Bundestag?"
Wie in der Rotunde des Reichstags darf abgestimmt werden. Aber nur wenige Hände gehen hoch, als nach den Befürwortern gefragt wird. Doch auch Stammzellenimport-Gegner gibt es nicht allzu viel mehr.
Die meisten enthalten sich, ähnlich verunsichert, wie zahlreiche Politiker im Parlament, die sich in dieser ethischen Grundsatzfrage nicht entscheiden können.
Vorgezogene Bundestagsdebatte
Nach der Abstimmung soll begründet werden, warum sich die Einzelnen wofür entschieden haben. Man kann doch nicht, um Menschen zu helfen, anderen Menschen Schaden zufügen, auch wenn es nur Embryonen sind, sagt ein Student. "Ich säge doch schließlich nicht einem Menschen einen Arm ab, um ihn jemand anderem zu geben".
"Wie viel Mensch ist ein Embryo - darüber muss sich die Gesellschaft verständigen, diese Debatte müsste jetzt viel intensiver laufen", ärgert sich Professor Frömmel. "Sind wir nicht Sprachrohr der Evolution, die wir selber beschleunigen könnten?", fragen ihn Studierende. Gegenposition des Professors: "Ich glaube nicht, dass die Evolution ein Ziel hat, sie spielt so vor sich hin". Die genetische Vielfalt sei es, die der Art das Weiterleben sichert, nicht die künstliche genetische Verengung.
Nächste Frage: Läuft uns, wenn Deutschland bremst, nicht der Forschungs-Fortschritt in anderen Ländern davon? "Wieso," fragt der Professor, "Wir sagen doch auch nicht: Wenn ich nicht diese Bank überfalle, werden das andere tun". Sich jetzt von einzelnen Wissenschaftlern unter Zeitdruck setzen zu lassen, sei falsch. Die Selbstverständigung der Gesellschaft über ihre wichtigsten Werte sei noch nicht soweit.
"Die absolute Gesundheit gibt es ohnehin nicht, denn die Umweltfaktoren und die Erziehung tragen genauso zur Entwicklung des Menschen bei", meint Frömmel. Wäre es aber dann nicht sinnvoller, klagt eine Studentin, Forschungsgelder lieber dafür zu verwenden, Aids-Medizin und andere Medikamente künftig billiger zu machen um Menschen viel konkreter in Ländern wie Afrika zu helfen? Führen wir gegenwärtig nicht eine Luxusdiskussion über Medizin, die sich nur die Reichsten leisten könnten? Droht eine Zwei-Klassen-Medizin?
Die Debatte beeindruckt. Und Frömmel gibt sich sicher, dass jene hundert Studenten, die fast vier Stunden bis zum Schluss ausharren, "diese Vorlesung auch in zehn Jahren nicht vergessen - und sich daran erinnern, wenn sie als Ärzte wahrscheinlich wesentlich weitreichendere Entscheidungen treffen müssen als der Bundestag morgen."
In diesem Sinne kommentiert auch ein Studierender, als er den Hörsaal verlässt. Ohne die grandiose Theaterintervention wäre diese Debatte nicht so gelaufen:
"Können die nicht mit dem Faust auch im Bundestag auf den Tisch hauen, das wär' doch was?"...
Sich Faust vorzunehmen, beschloss der 37-jährige Regisseur Christian Suhr, als ihn 2000 die in seinen Augen "substanzlose" Megafaustinszenierung Peter Steins frustrierte und die Stammzellen-Debatte allmählich begann. Seine Theatergruppe PAN entstand, nachdem ihn eine Anstellung am Brandenburger Stadttheater keinen Freiraum mehr bot. Statt Gegenwartstheater waren dort eher Operetten gefragt.
Sein ausdrucksvolles Theaterlabor PAN übersetzt Suhr mit "performing arts network", Ziel sei "eine mobile Plattform für junges europäisches Theater". Dazu bereitet er gegenwärtig eine Koproduktion von Dantons Tod mit zwei französischen und polnischen Bühnen vor, die sich die drei Leitmotive der französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als Akte untereinander aufteilen. Erst zur Premiere wird zusammengesetzt. Als Sitz des Theaterlabors ist der Berliner Künstlerhof Buch geplant.
Laborversuch in der Haftanstalt
Die jüngste PAN-Inszenierung imponierte vor wenigen Wochen in der Haftanstalt der Stadt Brandenburg. Dort inszenierte Suhr das Stück "Dreck" des Österreichers Robert Schneider über einen entwurzelten und isolierten arabischen Rosenverkäufer namens Sad - traurig.
"Ich bin Ausländer, ich bin ein Stück Scheiße" warb das Werbeplakat in der Haftanstalt in der vor allem zu lebenslänglich Verurteilte einsitzen, darunter sowohl Rechtsradikale als auch Ausländer.
Beide Gruppen fühlten sich zunächst provoziert, aber verfolgten dann relativ gebannt die beklemmende Ein-Mann-Inszenierung mit dem polnischen Schauspieler Maciej Lysakowski als Sad.
Durch Suhr motiviert, denken die Häftlinge nun darüber nach, mit ihm dort ein eigenes Stück zu entwickeln. Angedachtes Thema: Die dort erlebte Isolation und Entwurzelung und die immer wieder bedrückende Begegnung mit dem Thema Selbstmord. Suhrs Arbeitstitel passt auch zur Stammzellen-Debatte: "Zellteilung"...