S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Kollaps der Synapsen
Wir demonstrieren. Wir bloggen und wir posten, wir nehmen teil, wir sind Teil. Wir haben das Gefühl, Teil der Welt zu sein und sie beeinflussen zu können. Wenn wir nur laut genug sind.
Das müsste, glaubt man der Glücksforschung, die Laune der Erdbevölkerung erheblich steigern. Sicher um fünf Dax-Punkte auf der Glücksskala, dieses Gefühl, Veränderungen bewirken zu können. Doch scheint es das Gegenteil zu bewirken und einer neuen Sucht ein Bett zu bereiten: der Erregung. Kurzfristig und heftig wallt sie auf, der wütende Mensch lässt Shitstorms auf Bundespräsidenten, syrische Präsidenten, Beschneider, Frauenministerinnen und Ehec-Gurken los. Er formiert sich zu Flashmobs und Occupy-Camps, zu Stuttgart 21 und vor dem Kanzleramt.
Zwei Tage, dann ist der Spuk vorbei und ein neues Problem in der Welt gefunden. Die kann einen aber auch verrückt machen. Die Welt mit all dem Elend und der Ungerechtigkeit, den Reichen, den Armen, den Konflikten, dem Klima, das wir zu verstehen versuchen. Und immer fliegen wir, bevor ein Gedanke zu Ende verfolgt werden kann, aus der Aufmerksamkeitskurve. Die Aufmerksamkeitsspanne ist so klein geworden, die Welt ein einziges Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.
Immer am Checken!
Wir sind überfordert. Verallgemeinerungen mögen wir nicht. Ich bin überfordert. Es regt mich so viel auf, und ich weiß um meine Machtlosigkeit. Zugleich wird das Leben anscheinend besser, die Neoliberalen reden vom Segen des Wachstums, von mehr Bildung und Nahrung und einer höheren Lebenserwartung. Der Geschmack wird besser, das Braune in der Politik verschwindet ja auch.
Aber warum wächst mein Verstand nicht? Warum wachsen meine Nerven nicht? Die werden immer dünner. Immer mehr und schneller müssen wir arbeiten, damit uns unsere Wohnung nicht unter dem Hintern weggentrifiziert wird. Allen geht es besser, aber warum fühlt es sich nicht so an? Warum werden die Menschen immer gereizter, die Straßen voller, das Leben hektischer? Wir leben in der besten aller Zeiten - und trotzdem sind alle immer müde, immer am Checken, immer am etwas Anreißen, Anteigen und überfordert.
Die globalisierte Welt überfordert mich, und ich glaube wie viele: Das kann doch keiner mehr verstehen. Und dann werde ich wütend, und dann schreibe ich eine Eingabe wegen des Kindergartens oder des Heims für Obdachlose, die sollen doch sehen, wo sie bleiben. Oder die Schröder, oder heißt sie jetzt schon wieder anders? Und der Flugverkehr! Ach, lassen Sie uns nicht darüber reden. Ich stellvertretend für wir, Sie verstehen schon.
Die überfordernde Globalisierung macht, dass man Menschen als verwandt begreift, denn jetzt sieht man sie, in Blogs und Videos. Und sie sehen nicht aus, als lebten sie in einer großartigen Zeit. Das Bewusstsein für die Ungerechtigkeit, die Leben nun mal ist, wächst - und damit das Gefühl der eigenen Nichtigkeit. Was immer ich auch weiß, es weiß jemand mehr und besser.
Und schon verlasse ich das eigentliche Problem und beginne abstrakt, den Vertreter irgendeiner Meinung zu irgendeinem Problem tief zu verachten. Kollaps der Synapsen. Dauerregen im Kopf. Alle scheinen so wütend geworden, so gestresst und gereizt, und man sollte uns alle wie Kinder zu Bett bringen, dass wir endlich einmal wieder schlafen können, unangetastet von den Problemen der Welt, die keiner von uns retten wird.