Ex-SPD-Vize bei Beckmann: Clement gibt den Märtyrer - DER SPIEGEL
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Ex-SPD-Vize bei Beckmann Clement gibt den Märtyrer

Wolfgang Clement ist nicht mehr Sozialdemokrat, aber er ist noch lange nicht fertig mit seiner alten Partei. Bei "Beckmann" droht er ihr mit weiterem Widerspruch gegen Programm und Personen. Ungewollt wird er einem anderen SPD-Flüchtling immer ähnlicher - Oskar Lafontaine.
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Berlin - Wolfgang Clement joggt jeden Morgen am Rhein entlang. Manchmal läuft er dabei rüber nach Rheinland-Pfalz. Dort ist es ihm nicht geheuer, das sei schließlich "das Gebiet von Kurt Beck". Deshalb dreht er dann bald um: "Schnell wieder raus, in Nordrhein-Westfalen ist es sicherer."

Auf Beck ist Clement nicht gut zu sprechen, denn der frühere SPD-Chef war dabei, als Clement öffentlich "entmannt" wurde. Konsequenterweise könnte Clement aber nirgendwo in Deutschland mehr joggen gehen, denn sein Groll erstreckt sich auf alle führenden Sozialdemokraten. Das wird am Montagabend in der ARD-Talkshow "Beckmann" deutlich.

Clement bekommt rote Flecken auf den Wangen, wenn er über seine alte Partei redet. Zwei Wochen ist es her, dass die SPD-Bundesschiedskommission ihm eine Rüge erteilte, weil er im Januar in den Medien von der Wahl der hessischen SPD abgeraten hatte. Daraufhin war Clement im Zorn aus der Partei ausgetreten, denn einer wie er lässt sich nicht den Mund verbieten. Prinzipiell nicht und von der SPD schon mal gar nicht. "Gelegentlich muss sein, was sein muss", sagt er bei "Beckmann".

Clements Anwalt und Freund Otto Schily hatte die Rüge nicht für ehrenrührig gehalten. Er war froh, dass zumindest der Parteiausschluss abgewendet werden konnte. Aber Clement konnte den Tadel nicht ertragen. Seine Frau habe seinen Austritt schon länger kommen sehen, sagt er. Seine Töchter hätten ihn bestärkt, denn sie hätten den Umgang mit ihrem Vater "lächerlich" gefunden. Ein Jahr lang habe er sich als charakterloser Lobbyist beschimpfen lassen müssen, sagt er, ohne dass mal jemand aus der Parteiführung auf den Gedanken gekommen wäre, ihm beizuspringen. Clements Antworten kommen wie aus der Pistole geschossen, er brodelt vor Empörung.

Opfersein liege nicht in seiner Natur, behauptet der 68-Jährige, doch präsentiert er sich ungeniert als Opfer einer Parteidiktatur, die keine Meinungsfreiheit ertragen kann. Es gibt Parallelen zum Auftritt der vier hessischen SPD-Abweichler, die sich vor einigen Wochen am gleichen Tisch über die unbarmherzige Partei ausgeweint hatten. Erste Regel der Legendenbildung im Fernsehen: Sich als Märtyrer einer gerechten Sache inszenieren. Schon Oskar Lafontaine mimte den Mann mit Prinzipien, der erst seine Ämter hinwarf und dann die Partei verließ.

Nicht er habe die Partei, sondern die Partei habe ihn verraten, pflegte Lafontaine zu sagen. Genauso argumentiert Clement. Wenn man Meinungsfreiheit nicht zulasse und es immer enger werde in einer Partei, dann lande sie eben bei zwanzig Prozent. Ob das wirklich die Erklärung für den Niedergang der SPD ist, darf bezweifelt werden. Aber Clement erlaubt diese Sichtweise, als "Sozialdemokrat ohne Parteibuch" in der Öffentlichkeit weiter mitzumischen. Wenn Parteien kein Diskussionsforum mehr seien, dann müsse man eben selbst tätig werden, sagt Clement.

Die politische Leidenschaft ist noch nicht erloschen, das ist bei "Beckmann" zu spüren. Er zeigt sich "schockiert" über die Phantasielosigkeit der Krisenmanagerin Angela Merkel und der anderen Europäer angesichts der Rezession. Er sagt: "Wir müssen klotzen", mindestens 30 Milliarden Euro für Bildung und Infrastruktur, und zwar schnell. Die SPD-Linke dürfte erfreut vernehmen, dass ihr Erzfeind Clement ausnahmsweise mal auf ihrer Seite ist.

Clements Entmannung: "Es hat nicht wehgetan"

Doch wirkt Clement inzwischen so verbohrt, ohne Fähigkeit zum Kompromiss, dass man ihm die Eignung zur Politik absprechen möchte. Er ist nicht einmal in der Lage, eigene Fehler zu erkennen. Musste der Zeitungskommentar gegen die Genossin Ypsilanti eine Woche vor der Landtagswahl wirklich sein, fragt Beckmann. Als Journalist habe er jahrelang jeden Tag solche Kommentare geschrieben, entgegnet Clement. Das sei "völlig normal".

Aber er werde doch nun schon seit längerem nicht mehr als Journalist wahrgenommen, sondern als führender Sozialdemokrat, wendet Beckmann vorsichtig ein. "Wichtig ist, was ich bin", schießt Clement zurück. "Ich bin gelernter Journalist." Überhaupt überlasse man viel zu viel den Ländern, das sei auch ein Problem der SPD.

Es ist ihm kein Wort der Selbstkritik zu entlocken, dem Wolfgang Clement. Nur eines bereut der Ex-Sozialdemokrat aufrichtig: Dass er nach seinem Austritt geklagt hat, er sollte unter Mitwirkung von Müntefering "entmannt" werden. "Es hat nicht wehgetan", sagt er erst scherzend und dann: "Das Sprachbild war nicht gelungen".

Es war offensichtlich vor allem deshalb nicht gelungen, weil es die Legende vom Kämpfer für die Meinungsfreiheit zum Einsturz brachte. Das Wort entlarvte auf einen Schlag, dass es bei der Causa Clement weniger um eine politische Frage ging als vielmehr um eine psychologisch-persönliche. Der Vorwurf der Entmannung brachte auch verbleibende Sympathisanten Clements in der Partei dazu, sich kopfschüttelnd abzuwenden.

"Müntefering kann lange warten"

Dass Trotz eine nicht unwesentliche Rolle bei Clements Austritt gespielt hat, macht bei "Beckmann" ein kurzer Dialog mit der Journalistin Wibke Bruhns deutlich. Die frühere ZDF-Moderatorin versucht, Clement bei der Berufsehre zu packen. Er sei doch Profi, sagt sie, da habe er sich doch nicht ernsthaft wundern können, dass sein Zeitungskommentar Konsequenzen nach sich ziehen würde? "Dann hat es eben Konsequenzen", schmollt Clement.

So bald will er jedenfalls nicht zurückkehren. Müntefering hatte gesagt, Clement könne jederzeit wieder anklopfen, wenn die Altersweisheit ihn erreiche. Auf die Frage, wie lange Müntefering warten müsse, sagt Clement: "Sehr lange".

Müntefering kann drei Kreuze machen, dass er ihn zunächst los ist. Selbst wenn Clement die Rüge akzeptiert hätte, wäre der nächste Eklat nur eine Frage der Zeit gewesen. Denn Clement glaubt an das Prinzip der Einmischung – je ungelegener, desto besser. "Sie machen Ihre Sendungen doch auch, wenn es spannend ist", erklärt er dem verdutzten Moderator, der ihm einen unglücklichen Sinn fürs Timing unterstellt.

In der Rolle des Außenstehenden ist Clements Zerstörungspotential begrenzt. Doch unangenehm dürfte er bleiben, denn er will es den Genossen so richtig einbläuen: "Die SPD muss sich daran gewöhnen, dass sie nicht allein ist auf der Welt".