"Faces"-Inszenierung Gut im Bett
"Nein, es gibt keine Platzkarten, Sie erhalten Ihre Bettnummer an der Garderobe!" Die freundliche Dame vom Theater meinte es ernst. Sicher die erste Premiere am Hamburger Schauspielhaus, die direkt in die Federn führte: Die Bühnenversion von John Cassavetes' Film "Faces" soll man liegend im Lotterbett erleben, neben einem oder einer Fremden, direkt auf der Bühne. Gemeinsam gekommene Pärchen wurden konsequent getrennt.
Düstere Erinnerungen an peinliche Partyspiele der siebziger Jahre wurden da wach. Gesellschaftlich verordnete Enthemmung drohte allenthalben, man hatte gefälligst so frei zu sein. Immerhin: "Faces" ist ein Film von 1968, es geht um kaputte Ehen, Sex, Seitensprünge, Gewalt, Heuchelei und Sehnsucht nach Liebe. Das klingt zeitlos, hat aber bei John Cassavetes semidokumentarischen Zeitbezug. Er erzählte seine Geschichte mit gnadenlosen Großaufnahmen, ruckeliger Kamera und genuschelten Dialogen. Noch vor seinen Meisterwerken "Gloria" und "A Woman Under The Influence" hatte Cassavetes ein Juwel geschaffen, hart, komisch, abstoßend wie das gemeine Leben. Etwas so cineastisch Gedachtes und Gemachtes fürs Theater einzurichten, erfordert Mut. Dabei konnte Regisseur Ivo van Hove, 47, allerdings auf ein paar Dinge zählen.
Da ist zunächst die Geschichte von Richard Forst, so prototypisch wie quälend: Er will seine Frau Maria verlassen, weil die Ehe am Ende ist und er nicht recht weiß, warum eigentlich. Also spielt er das alte Wechselspiel in Sachen Sex und findet dabei die vermeintlich aufregendere Prostituierte Jeannie Rapp, mit der er gar eine echte, neue Beziehung starten will. Aber auch seine Frau bricht mit ihren Freundinnen zu Abenteuern auf, schließlich haben wir '68, da heulten die Mädels sich nicht mehr in den Schlaf, sondern zogen selbst durch die Bars.
Die fast aufdringliche Intimität der Kamera, mit der Cassavetes seinerzeit die Zuschauern zu Voyeuren machte, versucht Regisseur van Hove mit Bühnenmitteln zu simulieren: Die Schauspieler tragen Headsets, ihre Mikrofone verstärken die Stimmen zu omnipräsenten Charakteren im Spielkontinuum, Musik und Geräusche akzentuieren überdeutlich die Handlung, während die Zuschauer selbst da liegen, wo alle dauernd hinwollen, im Bett. Ein Spiel mit dem Spiel, eine Umkehrung und Entgrenzung der Filmperspektive, ohne dabei die lineare, vorgegebene Handlung einer Nacht zu durchbrechen - man schaut entspannt zu, der Zuschauer hat's bequem und wird doch gleichzeitig Teil eines zugegebenermaßen "müden", Bildes: Wir liegen doch alle im gleichen Bett.
Das Ensemble hat in den zweieinhalb pausenlosen Stunden des Stückes gut zu tun: Fas Hin- und Her-Rennen zwischen den Lagern und Kissen treibt den Schweiß, ebenso wie die reißerisch choreographierte Diskussion zwischen Maria und ihren Freundinnen, die allesamt ihren Senf zum Ehekollaps beitragen. Ständig kreist die Flasche, nüchtern ist nie jemand. Maria lässt sich schließlich mit dem hübschen, aber etwas schlichten Freddie ein, der sie nach durchzechter Sex-Nacht immerhin netterweise vom Kreislaufkollaps errettet.
Richard erwischt bei seiner Jeannie einen sehr viel schlechteren Tag, denn sie hat Ärger mit den Freiern Jim und Joe, die nicht so genau wissen, ob sie Sex oder lieber Gewalt wollen, was natürlich in Prügel für Jeannie und anderen Handgemengen endet. Dazu maskuline Machtspiele in all ihrer Ödnis: Wer hat den besten Job, wer muss vor wem kuschen? Natürlich geraten die armen Männer, die sich so gleichen, aneinander und müssen sich in ihrem ganz eigenen Paarungsritual prügeln.
Da ist der Zuschauer natürlich immer hübsch mittenmang, die Akteure toben durch die Betten, kopulieren nach Gelegenheit, verspritzen den Whisky (keine Angst, alles Wasser) und legen sich auch mal erschöpft zum Publikum. Das ist stellenweise so platt wie es sich anhört, aber es macht Spaß und hat eine zirzensische Attraktion: Ohne Netz und doppelten Boden steht hier jeder für sich selbst, zum Greifen nah, ein Hauch von Schmiere war spürbar, aber echtes Theater hat immer eine Dosis davon. Das Ensemble absolvierte diesen schwierigsten Aspekt mit Bravour und vor allem ohne die Charaktere zu denunzieren.
Natürlich "spielt" Monique Schwitter die Jeannie Rapp (im Film Gena Rowlands) gekonnt. Aber sie trägt die Traurigkeit und Tragik der Figur auch zum Zuschauer. Und das sogar buchstäblich: Als sie gegen Schluss nahezu jedem im Publikum das Kissen aufklopft, durchlebt sie ihre Sehnsucht nach dem schlichten, ereignislosen Leben, vor dem Richard (sehr solide und überzeugend: Samuel Weiss) gerade geflohen ist.
Seine Frau Maria, wunderbar unaufdringlich dargestellt von Katja Danowski (die Köchin aus Leander Haussmanns Film "Herr Lehmann"), lebt im Lauf des Stücks auf und ab und scheitert auf ihre Art fast noch brutaler als Jeannie: Der junge Lover bietet halt Sex und sonst wenig, ihr Noch-Ehemann ist dagegen ein Gefühls- und Kommunikationskrüppel. Er hat nur Aggression ("Darauf steht ihr doch neuerdings!") im Angebot und findet bei seiner Rückkehr noch mehr Tristesse vor. "Ich hasse dich nicht. Ich empfinde nur nichts für dich. Du lässt mich leer", sagt Maria ihren Richard. Die große Leere und Unfähigkeit zur Liebe, bei Männern und Frauen.
Jan Versweyveld, der Ausstatter und Kostümbildner des "Faces"-Bilderbogens, imitierte die Film-Vorlage und drängte die Szenerie dankenswerterweise nicht allzu sehr in Richtung Aktualität. Die Musik ("Let's twist again!") spiegelte die Vorlieben der Fortysomethings jener Zeit wieder, die Scherze wurden (soweit möglich) aus dem Originalskript übernommen. In der Mode-Optik dominierte die männliche Sicht: Die "Verpackung" des Damen-Personals in identisch geschnittene, farblich variierende Seidenkleidchen brachte die Austauschbarkeit des Weiblichen für die Kerls auf den Punkt.
Das war griffig wie alles, was an diesem Abend vorüberrauschte: Ein Showcase für routinierte und engagierte Schauspieler, die rasante Vorführung der Atmosphäre der späten Sechziger, ein bisschen Disneyland für Medieninteressierte, niemals langweilig, aber vornehmlich handwerklich. Freundlicher Beifall für alle Beteiligten, wozu natürlich auch das Publikum gehörte: Alle waren gut im Bett.