Fan-Convention: "Scheiß auf Star Trek" - DER SPIEGEL
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Fan-Convention "Scheiß auf Star Trek"

Erstmals in der 40-jährigen Geschichte von "Star Trek" wurde eine Serie aus der Science-Fiction-Saga vorzeitig beendet. Den Fans, die sich am Wochenende zu Tausenden zur "FedCon" in Bonn versammelt haben, ist das egal: Sie feiern sich weiterhin selbst.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Rick Searfoss hat eine Mission. "Ich gehöre zu den rund 430 Menschen, die das Glück hatten, diesen Planeten verlassen zu dürfen. Es ist Teil meiner Mission, diese Erfahrung zu vermitteln." Wenige Orte auf der Erde könnten dafür besser geeignet sein als das Bonner Maritim Hotel am vergangenen Wochenende. 5000 teils bizarr verkleidete Gestalten haben dort die "Fedcon" besucht, die "Federation Convention", oder, für Unwissende: den Inhalt von Raumschiff Enterprise, hinabgebeamt ins Rheinland.

Searfoss, 48, ist ehemaliger Space-Shuttle-Kommandant und der bisher einzige Nasa-Astronaut, der jemals eine Star-Trek-Convention besucht hat. "Der Anblick der Erde aus dem Orbit hat sehr starke Gefühle in mir geweckt", sagt Searfoss. "Ich habe mich plötzlich zu Menschen anderer Kulturen hingezogen gefühlt." Und Science Fiction, meint der Astronaut, der bereits als Siebenjähriger einschlägige Klassiker "inhaliert" habe, könne einen Hauch dieses Gefühls vermitteln. "Jeder braucht einen Ort, an den er fliehen kann."

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"Star Trek"-Convention: Raumschiff Enterprise in Bonn

Foto: SPIEGEL ONLINE

Wem die reale Flucht ins All für immer verwehrt bleiben wird, kann immer noch zu einer "Fedcon" kommen. Folgerichtig sind die Gäste nicht nur in Star-Trek-Uniformen und wilde Klingonen-Outfits gehüllt, sondern tragen auch die Insignien aller möglichen Formen filmischen Eskapismus. Da zeigen Offiziere vom "Kampfstern Galactica" den Tarnkleidungsträgern aus "Stargate" stolz ihre Strahlenkanonen, Darth Vader und Prinzessin Leia lungern gemeinsam am Buffet, und selbst Vertreter völlig Science-freier Fiction fehlen nicht: Der "Herr der Ringe" hat allen Ernstes seine Ringgeister geschickt. Durchs Auenland der Hobbits dürfte ein Seufzer der Erleichterung gegangen sein.

Unglückszahl übersprungen

Offenbar um böse Geister abzuwehren, hatten die Organisatoren zum Etikettenschwindel gegriffen. Die "Fedcon XIV" war eigentlich erst das 13. Star-Trek-Treffen in Deutschland. Die 13 aber wurde flugs übersprungen, was eine gewisse Ironie enthält, denn die Unglückszahl hätte in diesem Jahr durchaus gepasst. Erstmals in der 40-jährigen Geschichte der Mutter aller Space-Soaps wurde eine "Star Trek"-Serie vorzeitig in die Wüste, pardon: in den Weltraum geschickt.

"Star Trek Enterprise" spielt noch vor den seligen Zeiten, als Captain Kirk und Mister Spock das Universum sicher machten. Mit Captain Archer bekamen die Fans nach all den vollendeten Diplomaten endlich wieder einen Kommandanten mit hartem Schwinger, mit T'Pol die Vulkanierin mit dem höchsten Sex-Appeal seit der Erfindung des Spitzohrs, mit "Trip" Tucker einen wie gewohnt wundertätigen Chefingenieur und mit Phlox einen höchst amüsanten Doktor, dessen Ethik sich keinem noch so finsteren Klingonen beugt.

Eigentlich, sollte man meinen, konnte bei so vielen Reminiszenzen an die Originalserie nichts mehr schief gehen. Tat es aber. Selbst die Trekkie-Losung WWKD ("What Would Kirk Do?") half den Machern von "Star Trek Enterprise" am Ende nicht mehr weiter: Im März kündigte Paramount die Einstellung der Serie nach nur vier Staffeln an. Die drei Vorgänger-Serien - "The Next Generation", "Deep Space Nine" und "Voyager" hatten es auf volle sieben Staffeln gebracht. Nur die originale "Star Trek"-Serie war mit drei "Seasons" noch kürzer ausgefallen als ihr jüngster Ableger.

Aus dem Stand gründeten Fans die Initiative "Save Enterprise"  und riefen Ihresgleichen auf, mit Spenden eine fünfte Staffel der Serie zu ermöglichen. Und das Geld floss in Strömen. Drei Einzelpersonen gaben nach Angaben der Initiative gar drei Millionen Dollar her, um auch weiterhin mit neuen Geschichten aus den unendlichen Weiten versorgt zu werden.

Selbtszerfleischung des Fan-Lagers

Dann aber geschah das Undenkbare: Die Initiative scheiterte nicht etwa nur an hartherzigen Managern des Paramount-Filmverleihs, sondern auch an den Fans selbst. Dass irgendwelche Privatleute Spenden in solcher Höhe sammelten, weckte selbst im Trekkie-Universum ganz irdische Animositäten, wo sonst schnöde menschliche Schwächen wie Raffgier, Misstrauen und Materialismus nur in Gestalt widerwärtiger spitzzahniger Zwerge namens Ferengi ihr hässliches Haupt heben.

Die Verdächtigungen und Anfeindungen brachten "Save-Enterprise"-Gründer Tim Brazeal Mitte April dazu, den Sammelstopp und die Rückgabe aller Spenden zu verkünden . "Die meisten unserer Mitglieder stehen für das, worum es in 'Star Trek' geht", schrieb Brazeal auf der Webseite der Initiative. "Einigkeit, Frieden und Zusammenarbeit für eine gemeinsame Sache." Trotz "unglaublicher Hindernisse" habe man für die Rettung der TV-Serie gearbeitet. "Ehrlich gesagt", so Brazeal, habe er Paramount für den Gegner gehalten. "Ich hätte mir nie erträumt, dass wir in dieser Schlacht auch gegen Fans kämpfen müssten." Das sei nicht, worum es in "Star Trek" gehe - eben Frieden, Zusammenarbeit und so weiter.

Nun hat das große Wundenlecken eingesetzt. Eugene Roddenberry, Sohn des 1991 verstorbenen "Star Trek"-Erfinders Gene Roddenberry, kam mit dem ganzen Gewicht seines großen Namens nach Bonn. Seine Botschaft: Was ist schon eine TV-Serie? Doch nur ein Sandkorn im großen Star-Trek-Universum. Als er vom "Enterprise"-Ende erfuhr, sei sein erster Gedanke gewesen: "Die haben eine schlechte Show gemacht und verdienen es nicht anders." Nur die bald arbeitslose Crew habe sein Mitleid erregt.

"Mein Vater hat die Rechte an Star Trek in den frühen achtziger Jahren an Paramount verkauft", sagt Roddenberry im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Seitdem hat die Familie sowieso nichts mehr zu sagen." Allerdings sei er immer noch ein Roddenberry, was offenbar ähnlich wie bei Astronaut Searfoss eine Mission beinhaltet. Der 31-Jährige arbeitet derzeit an einer Dokumentation mit dem Titel "Trek Nation", die - anders als die Doku namens "Trekkies" - laut Roddenberry nicht zum Begaffen der "extremen Fans" einladen, sondern zeigen soll, worum es in "Star Trek" wirklich geht.

"Frieden und Hoffnung für die Menschheit", das sei der "Roddenberry-Teil" von Star Trek. "Scheiß auf Star Trek", sagt der Filmemacher. "Ich mache Roddenberry."

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