Feminismus-Debatte: Als Vati über Mutti rollte - DER SPIEGEL
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Feminismus-Debatte Als Vati über Mutti rollte

Verführt Feminismus Frauen zur Kinderlosigkeit? Ignoriert er die nackten Tatsachen der Biologie? Ist er ungeil und männerfeindlich? Das "F-Wort", eine neue Essay-Sammlung, gibt Antworten. Reinhard Mohr erinnert sich wie es war, als Männergewalt plötzlich beim Gucken anfing.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Anfang war der Feminismus überhaupt nicht sexy.

Jedenfalls nicht für jene jungen Männer, die Mitte der siebziger Jahre gerade dabei waren, die ihnen von der Schöpfung zugedachte Geschlechterrolle halbwegs unfallfrei zu erforschen und am Ende aller Mühen bestimmungsgemäß auszufüllen.

Da haben wir's, Schwarz auf Weiß: Frauen verstehen sich auf Politik. Wie hier, bei einer Demonstration im Jahr 1968.

Da haben wir's, Schwarz auf Weiß: Frauen verstehen sich auf Politik. Wie hier, bei einer Demonstration im Jahr 1968.

Foto: DPA

Wie lerne ich eine Frau kennen? Woran merke ich, dass sie Interesse hat? Wie weit kann ich gehen? Muss ich vorher fragen? Hilft Clearasil wirklich gegen Pickel? Als damals 18-, 19- und 20-jährige Jünglinge sich solche und unzählige andere Fragen stellten, erschienen gerade die Klassiker der neuen deutschen Frauenbewegung - Verena Stefans "Häutungen" und Alice Schwarzers "Der kleine Unterschied und seine großen Folgen".

Auch wenn viele der spät pubertierenden Knaben in ihren schwarzen Lederjacken und breit ausgestellten Fransenjeans die Bücher zunächst gar nicht gelesen hatten, so begannen sie doch, ihre epochalen Folgen zu spüren. Wenigstens ein Stück weit, wie das damals hieß.

Irgendetwas veränderte sich. Immer mehr junge Frauen färbten sich die Haare rot und orientierten sich plötzlich an einem bemerkenswert eklektischen Modestil, von dem allerdings nur noch die "lila Latzhose" in Erinnerung blieb. Was ein bisschen ungerecht ist.

Wichtiger aber: Die ersten Frauengruppen entstanden, bei denen Männer absolutes Zutrittsverbot hatten: Sie mussten draußen bleiben. Unabhängige Frauenzeitschriften dies- und jenseits von Emma wurden gegründet, autonome "Frauenräume" in den Unis, "Frauencafés" in den Stadtteilen.

Und: Es wurde diskutiert. Nicht wie sonst überall über den US-Imperialismus, Ché Guevara und die Weltrevolution, sondern über das Verhältnis von Mann und Frau. Genauer: über das Herrschaftsverhältnis zwischen Mann und Frau.

Tatort Bett

Plötzlich tauchten ganz neue Worte und Wortkombinationen auf. Manchmal waren es auch alte, lange nicht benutzte Worte wie "Patriarchat". Ziemlich neu waren dagegen "Phallozentrismus", "repressive Penetration" und "klitoraler Orgasmus".

Auch "Chauvinismus" und "Machismo" sorgten für eine gewisse Unruhe in den linken Wohngemeinschaften und Uni-Seminaren, wo die marxistisch geschulten Dozenten den studierenden Fräuleins die Welt erklärten. Dazu kamen zeitgeistbedingte und milieutypische Begriffsbildungen wie "konkrete Vögel-Praxis" und "Schwanzficken".

Wenn an dieser Stelle unbedarfte Angehörige der "Generation Golf", die damals noch quäkend auf dem Wickeltisch lagen, fragen sollten, wie man es denn bitteschön sonst machen solle, offenbaren sie nur ihr unhistorisches Nutella- und Gummibärchen-Bewusstsein aus den weißen achtziger Jahren.

Denn das war es doch gerade: Was eben noch ganz normal war, wurde nun in Frage gestellt. Das gute alte F-Wort, hunderttausendmal in wehrlose Schulbänke geritzt, hatte, gerade von der spießerhaften Scham befreit, schon wieder seine Unschuld verloren.

Plötzlich haftete dem urväterlichen Vorgang - Vati rollt über Mutti und Licht aus - auch etwas Gewalttätiges, Unangemessenes, Unfreies, ja Lustfeindliches an, jedenfalls, soweit es die Frau betraf.

Kurz: Es ging ans Eingemachte. Doch schon weit vor dem Tatort Bett, draußen auf den Straßen und Plätzen der Republik, begann die erste allgemeine Verunsicherung. Irgendwann um 1975 herum kam das Wort vom "fixierenden", das heißt abschätzend taxierenden männlichen Blick in Umlauf, der die Frauen zu bloßen "Objekten heterosexueller Begierde" degradiere. Zur beliebig verfügbaren Ware. Zum Wegwerfartikel nach gefälligem Gebrauch. Zum blonden Dummchen, das sonst nichts zu bieten hat. Schon gar nicht Intelligenz.

Die Männergewalt fing also schon beim bloßen Gucken an. Das war neu.

Ich erinnere mich ziemlich genau daran, weil mich die Diskussion über diesen Tatbestand, der zum Offizialdelikt erklärt wurde, sehr verunsichert hat. Ich machte mir nun ganz ausdrücklich klar, dass ich immer wieder hübsche Frauen anschaute, ihnen gelegentlich sogar nachblickte.

Bis dahin hatte ich mir nichts weiter dabei gedacht, abgesehen davon, dass ich immer diesen kleinen süßen stechenden Schmerz darüber verspürte, dieser und jener anmutigen Schönheit nichts Ebenbürtiges entgegensetzen zu können außer meiner von ihrem Anblick wie in Stein gebannten Verlegenheitsstarre.

Und wenn es auch heute niemand mehr glauben mag - tatsächlich wechselte ich damals immer wieder mal die Straßenseite, wenn ich schon von Ferne erkennen konnte, dass Gefahr im Verzuge war - eine attraktive Frau. Mein "fixierender", in Wahrheit eher unsteter Blick auf eine Frau, die mir gefiel, war mir nun selbst bedrohlich, ja unheimlich erschienen.

Aber warum eigentlich, und für wen?

Ich war kein Bordstein-Bonaparte!

Denn was immer man sonst behaupten mag - zu den knallharten "Anmachtypen" gehörte ich nicht gerade, zu jenen berufsmäßigen Latin-Lovers und Bordstein-Bonapartes, die auch Bierbauch und Kurzbeinigkeit nicht vom phylogenetisch verwurzelten Glauben abbringen konnten, keine Frau könne letztlich ihren magischen Blicken und Verführungskünsten widerstehen.

Ich war eher schüchtern als djangohaft, und keineswegs reduzierte ich blonde Frauen auf ihre äußere Erscheinung. Schon auf dem Kinderspielplatz hatte ich Freundinnen, mit denen man tolle Sandburgen bauen konnte. Die Gender-Mainstreaming-Experten von heute wären stolz auf mich gewesen.

Taktischer Nahkampf

Aber das war ja gerade das Erfolgsgeheimnis der Neuen Frauenbewegung - im Gegensatz zur "alten", bei der zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem die juristische, also eher formale Gleichstellung im Vordergrund stand: Sie ging in die Offensive und attackierte auch dort, wo der Gegner schwach war und auf dem falschen Fuß erwischt wurde. Sie übertrieb wie jede Revolte, entfaltete ihre eigene, recht kompakte Ideologie und entwickelte absurde Radikalismen wie jede Befreiungsbewegung, die am Ende der Kampfhandlungen doch wieder Frieden schließen muss mit der real existierenden Welt.

Die allerdings hatte sich da schon längst verändert.

Natürlich wurden erst einmal "die Männer", jedenfalls ihre ignorante Speerspitze beziehungsweise der dumpfe Bodensatz, zu strategischen Feinden erklärt. Der taktische Nahkampf gehörte dazu.

"Sexismus" war das Wort des historischen Augenblicks. Sexismus war der Rassismus im Umgang der Geschlechter, genauer: Ausdruck der männlichen Dominanz über die Frau.

Die Herren, damals in gewissen Kreisen eher die revolutionären "Genossen", waren nicht mehr erwünscht. Sie sollten in sich gehen oder am besten gleich eine Männergruppe bilden. Das taten auch nicht wenige, doch die Hauptkampflinie verlief schließlich in den "Beziehungen" - in den Liebesverhältnissen, den Wohngemeinschaften, in der Universität, im Job.

Mitten durch Tisch und Bett.

Der Schock saß tief, jedenfalls bei denen, die sich überhaupt verunsichern ließen.

Es war die hohe Zeit der "Beziehungskiste" und der "Beziehungsdiskussionen". Sie verliefen nun nicht mehr nur auf der heterosexuell-romantischen Ebene von Liebesglück und Liebesleid, sondern auch, gleichsam politisiert und theoretisch hochgerüstet, auf der Ebene des neuen Geschlechterkampfes. Zwischen Sex und Sexismus lag oft nur ein Wimpernschlag, ein falsches Wort, eine blöde Geste, ein Missverständnis.

Was immer schon schwierig war, wurde nun kompliziert, geradezu vertrackt. Bis ins intime Detail. Da nahezu alles infrage gestellt wurde, galt dies natürlich auch für die Sexualität, für die "konkrete Vögelpraxis".

Wo Vati einst wortlos schnaufend seine eheliche Pflicht erfüllt hatte, wurde nun ausgiebig diskutiert. Über Zärtlichkeit und Penetration, Vorspiel und Nachspiel, Verhütung und Schwangerschaft.

Schnell bildeten sich zwei wesentliche männliche Reaktionsmuster heraus: der "Chauvi", zwar hier und da ein bisschen beeindruckt von der neuen Frauenpower und der Tatsache, dass sie, wie an der Frankfurter Goethe-Universität, sich gleich den ganzen AStA unter den rot gefärbten Nagel rissen und wie selbstverständlich Uni-Vollversammlungen leiteten, wo früher Krahl und Adorno über Mehrwerttheorie und Warenfetischismus stritten, aber letztlich doch standhaft im Widerstand gegen die lila Truppe mit den hohen Stimmchen.

Wenn es hart auf hart kam, waren und blieben sie Männer wie eh und je.

Der "Softie" dagegen, ein Kuschelarbeiter im Geschlechterkampf, "ließ sich ein" auf die feministische Herausforderung, wenn auch eher verunsichert, tastend, ja, auch "streichelnd" im Sinne der "neuen Zärtlichkeit", streitend und nachdenklich, kurz: durchaus offen und "selbstkritisch". Sein Problem jedoch bestand darin, dass er zwischen den Fronten stand, besser: auf der Bettkante saß, zwischen Flokati und Flanelldecke. Noch lange nicht der "neue Mann", wie ihn sich die Frauen wünschten, aber auch nicht mehr der typische Macho, der die Lederjacke überwarf und mit der Motoguzzi davonbrauste, wenn die Partnerin sich wieder mal über mangelnde Aufmerksamkeit (neue Frisur, neues Kleid) und fehlenden Willen zum täglichen Abwasch beschwerte.

Während der Chauvi also versuchte, die traditionelle Männerrolle weiter zu spielen, zeigte der Softie immerhin den guten Willen, über alles zu reden und sich zu ändern.

Auch ein Softie hat Grenzen

Von heute aus begreift man leichter die subtile historische Dialektik, die sich in den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts vollzog. Denn nach einiger Zeit stellten auch die verständnisvollsten und dialogbereitesten Softies fest, dass sie Grenzen des Verständnisses ziehen mussten, um ihre eigene, was sonst: männliche Identität zu wahren.

Hier und da hatten sie zudem stirnrunzelnd bemerkt, dass auch feministisch gesonnene Frauen ein durchaus begehrliches Auge auf die Lederjackentypen warfen, die sonst so verachteten Chauvis. Gerade durch ihr Festhalten an archetypischen Mustern aus dem Pleistozän der Menschheitsgeschichte strahlten sie offenbar etwas Fremdes, Urtümlich-Exotisches, Verführerisches aus.

Der Schriftsteller Peter Schneider ("Lenz") beschrieb damals diese schräge Gemengelage als ziemlich undankbare Aufgabenteilung: Nach unglücklich verlaufenen Affären mit den harten Kerls wurden die liebeskranken Frauen von den sensiblen Softies getröstet, was wiederum zu Schmähungen seitens der Chauvis führte, dies sei eine "ganz linke Masche", "fiese Anmache" durch die Hintertür.

Doch Schneider stellte die Frage nach der "Emanzipation des Mannes" zu Recht: "Wie aber sollen die Männer lernen, ihre Verletzbarkeit auszudrücken, wenn auch noch der Kampf gegen den von Männern erfundenen Kapitalismus von ihnen ›unnachgiebige Härte‹ verlangt?"

Dass der unnachgiebige Kampf gegen das Kapital heute nur noch von einer kleinen Minderheit betrieben wird, macht die Frage nicht obsolet. Immer noch und zu Recht werden von Männern divergierende, ja, teils widersprüchliche Eigenschaften verlangt.

Nicht zufällig wurden flusenpullibewehrte Stoffel-Softies in den neunziger Jahren zu bevorzugten Objekten von Comedy und Kabarett - genau in dem Augenblick übrigens, da immer mehr Frauen Comedy und Kabarett machten.

Wie Schneider gehörte auch ich (ohne Flusenpulli) zeitweise zu diesen tragikomischen Frauenverstehern, und ich erinnere mich noch, dass es mir irgendwann zu dämmern begann: Beziehungsdiskussionen, Selbstkritik und argumentative Vernunft, so wichtig sie sind, bestimmen das Leben nicht alleine. Schon gar nicht das Verhältnis zwischen Männern und Frauen, das jahrelang unter dem verkrampft pseudosoziologischen Begriff der "Verkehrsformen" abgehandelt wurde.

Und so begannen in den achtziger Jahren die Mühen der Ebene, die Entfaltung der Dialektik der Emanzipation. Die jahre- und jahrzehntelangen unzähligen kleinen und großen Auseinandersetzungen hatten, ganz im Hegelschen Sinne, etwas Vorwärtstreibendes, zugleich Synthetisierendes und Integrierendes. Ungefähr parallel zur Parlamentarisierung der Grünen wurde auch der pragmatische Feminismus gesellschaftsfähig, mit und ohne "Gender Mainstreaming".

Selbst den hartnäckigsten Chauvis dämmerte inzwischen, dass sie ein historisches Auslaufmodell waren, Höhlenmenschen aus einer anderen Menschheitsepoche - was nichts daran ändert, dass die Dämmerung bei einigen dieser hier und da sogar nachwachsenden Spezies zum Dauerzustand geworden ist.

Das Freiheits-Prinzip

Inzwischen aber waren die Frauen buchstäblich überall. Im Fernsehen und in den Verlagen, in Forschungseinrichtungen und Anwaltskanzleien, in Werbeagenturen und in der Politik. Auch wenn es dauerte - spätestens in den neunziger Jahren hatte sich eine neue Normalität etabliert, die auf vielen unterschiedlichen Wegen zustande kam.

Zusammen mit dem, was Soziologen die "Individualisierung der Lebensstile" und die Auflösung alter Klassenstrukturen nennen, ergab sich eine historisch einmalige Situation: Immer mehr Menschen, Männer wie Frauen, konnten ihr Leben selbst bestimmen - soweit das auf Erden möglich ist.

Sie genossen eine bislang unbekannte existentielle Wahlfreiheit, wozu auch der wachsende Wohlstand beitrug. Eine neue Souveränität, die aufs Engste mit jenem Freiheitsbegriff der europäischen Aufklärung verbunden ist, der Freiheit als Freiheit von Zwang, Abhängigkeit und jeder Art von Unterwerfung versteht.

Die Gleichberechtigung von Frau und Mann, im Grundgesetz von 1949 längst festgeschrieben, wurde allmählich, Stück für Stück Realität. Natürlich konnten nur TräumerInnen (!) glauben, das Ziel, wie immer man es exakt definieren und sein Erreichen "messen" könnte, sei zum Greifen nahe. Noch heute, im Sommer 2007, muss man Frauen in den Top-Positionen der Wirtschaft mit der Lupe suchen. Gerade in der Medien- und Verlagsbranche, in der besonders viele Frauen arbeiten, gibt es fast keine Vorstandsvorsitzende, Chefredakteurin oder Verlagsgeschäftsführerin.

Evas Post-Postfeminismus

Dennoch existiert ein zuverlässiger Gradmesser jener Geschlechterfreiheit, die ja auch eine Freiheit vom Geschlecht und seinen Rollen- und Funktionszuschreibungen ist und inzwischen kaum noch mit dem klassisch modernen Begriff der "Emanzipation" belegt wird. Der Erfolg zeigt sich untrüglich an den offenkundigen Konflikten, die jetzt auf der nächsthöheren Ebene ausgetragen werden - am Streit darüber, wie nun mit der gar nicht mehr so neuen Freiheit umgegangen wird, welche Kompromisse gemacht werden müssen und welche nicht, ja, ob es nicht längst "zu viel" Freiheit gäbe.

In diesem Sinne - und an diesem Punkt - ist Eva Hermans polemische Erbauungsschrift für die Apfelkuchen backende Hausfrau, "Das Eva-Prinzip" (2006), eine echte Wegmarke, ein Meilenstein der erreichten Fortschritte im Geschlechterk(r)ampf.

Wenn eine ausgewiesene Fernsehkarrierefrau, die sich neben "Tagesschau" und Talkshow noch mehrere (Ehe-)Männer, vorgeblich selbst verfasste Bücher und einen Sohn leisten konnte, "Halt! Zurück marsch marsch!" ruft, dann sind wir schon im Bereich des Posthistoire - dann ist das Gröbste geschafft, dann gibt es gerade kein Zurück mehr. Generationen von Frauen vor ihren abgeschabten Waschbrettern am rauschenden Bach hätten sich angesichts der traumhaften Biographie von Schwester Eva die Augen gerieben.

Wer sich so viel süßsauren Zynismus leisten kann, ist schon ziemlich frei. Wer mit derart impertinenter Doppelmoral Millionen verdient und fröhlich weitermacht, als sei nichts geschehen, der, pardon: die führt ein sehr selbstbestimmtes Leben, was immer man sonst über Charakter und Intelligenz dieser späten Cheerleaderin des Patriarchats sagen will.

Ironie der Geschichte: Es ist vor allem der Glaube an die schöpfungsbedingte Ordnung des Lebens, der sie mit dem Mittelalter verbindet.

Damals mochten die Menschen noch so sehr unter Armut und Unterdrückung leiden, aber sie glaubten an eine von Gott bestimmte Welt, in der sie ihren Platz zugewiesen bekamen. Nur ganz wenige waren von jenem tiefen Zweifel an Sinn und Rechtmäßigkeit der irdischen Ordnung angekränkelt, der heute zum Alltagsbewusstsein gehört.

Vielleicht hat die Hamburger Jeanne d'Arc mit der umgebundenen Kittelschürze auch deshalb die Grundlektion der Moderne nicht begriffen: dass Emanzipation ihren Preis hat. Manchmal ist sie sogar ziemlich anstrengend und verläuft keineswegs konfliktfrei. Zuweilen macht sie sogar einsam und traurig. Aber das ist schon wieder Philosophie. Zu viel verlangt.

Vom Glück in den Zwischenräumen

Aber es ist ja wahr: Frauenbewegung und Feminismus haben immer wieder neue Zweifel an der irdischen Ordnung gesät, waren anstrengend und voller "nervender" Konflikte. Doch wie alle Projekte der Moderne haben sie zugleich neue Chancen eröffnet. Denn eines ist klar: Erst, wenn alle Beteiligten de facto über die annähernd gleichen Möglichkeiten verfügen, kann sich eine Vielfalt autonomer Lebensentwürfe überhaupt entwickeln.

Die haben wir nun. Mehr, als manchen lieb ist. Soziologen nennen es die "Options- oder Ich-Gesellschaft". Eine multiple Selbstverwirklichungskultur mit beschränkter Haftung, beinah grenzenlose Kombinationsmöglichkeiten mit Widerhaken.

Singles, Paare und Passanten, Langzeit-Beziehungen, die sich über die Jahre schleppen und Kurzzeit-Affären, die in raschem Tempo aufeinander folgen; Paare mit und ohne Kinder, sogenannte Patchwork-Familien, in denen Sprösslinge aus mehreren verflossenen Beziehungen zusammentreffen; hartnäckige Junggesellen und verzweifelte Single-Frauen, alleinerziehende Mütter und alleinstehende Väter, alte Eroberer und junge Abenteurerinnen, Schwule, die Babys aufziehen, und Lesben, die Kinder adoptieren - und immer wieder die schier unzerstörbare romantische Hoffnung auf das große kleine Glück, auf die Traumbucht unter Palmen, die früher "der Hafen der Ehe" genannt wurde.

Gewiss: Es wird, anders als in den wilden siebziger Jahren, auch wieder fleißig geheiratet, aber die Scheidungsrate bleibt konstant hoch, während die Geburtenrate dank unserer gestiegenen Lebenserwartung auf niedrigem Niveau verharrt.

Bemerkenswert ist, wie deutlich sich das individuelle Glücksstreben, also das, was in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung als pursuit of happiness ausdrücklich niedergeschrieben wurde, neben den existentiellen Bedürfnissen von Sicherheit und Geborgenheit zu dem Pfeiler einer weltlichen Lebensutopie entwickelt hat, an der Männer wie Frauen, trotz aller transzendenten Enttäuschungen und demografischen Horrorszenarien, festhalten wollen.

Wie "sexy" dieses massenhafte individuelle Glücksstreben ist, muss am Ende jeder und jede für sich selbst beurteilen. Bei mir jedenfalls hat sich die feministische Zumutung, die mich vor dreißig Jahren durchaus noch irritiert und verunsichert hat, in ein, wie es aussieht, lebenslanges Laboratorium verwandelt, dessen Ergebnisse ich, versteht sich, natürlich ganz alleine ausbaden muss. Keine Statistik hilft mir dabei.

Dafür darf ich die glücklichen Momente auch selbst genießen.

Gerade in den Irrungen und Wirrungen von Geschlechterkampf und Beziehungsleben blitzt das Glück, wo es sich zeigen will, mit Vorliebe in den Zwischenräumen auf, im Ungeplanten, Unerwarteten und Unvorhergesehenen - also in den unübersehbar vielen Nebenwirkungen jener großartigen Freiheit, das eigene Leben führen zu können und nicht ein anderes, fremd bestimmtes, womöglich erzwungenes.

Unter diesem Blickwinkel ist es immer noch und wieder ein Abenteuer - fast so wie damals vor über drei Jahrzehnten, als ich noch die Straßenseite wechselte, wenn mir eine schöne Frau entgegenkam.

Dass all dies eine unendliche Geschichte ist, versteht sich von selbst.

Und die Diskussionen werden selbstverständlich niemals aufhören.

In ihrem zweiseitigen Editorial formulierte die vermutlich ziemlich junge Redaktion der traditionsreichen Frankfurter Studentenzeitschrift "diskus" im Dezember 2005 zum Thema Sexualität und Beziehungen - Überschrift: "Sex sells - Beziehung sucks" - ein paar Sätze, die gar nicht so viel anders klingen als vergleichbar abstrakte, tendenziell zirkuläre Gedanken vor dreißig Jahren:

"Einerseits ist es unklug, vorschnell feministische und queere Theorien in eins zu setzen, andererseits bedeutet queer dem Anspruch nach gerade die Untrennbarkeit der Kritik an Heterosexualität, Zweigeschlechtlichkeit und Patriarchat ... Noch einmal ist deutlich geworden, dass das Verhältnis von feministischen Queeren, queeren Feministinnen, nicht feministischen Queeren, nicht queeren Feministinnen zuweilen recht diffizil ist."

Da ist was dran.