Feminismus-Debatte: Buttermutter und Rippenmädchen - DER SPIEGEL
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Feminismus-Debatte Buttermutter und Rippenmädchen

Macht sich im Model-Geschäft die Emanzipation dünn? Führt der Laufsteg zu mehr weiblichem Selbstbewusstsein oder zu einem neuen Machismo? In der Essay-Sammlung "Das F-Wort" erklärt Daniel Haas den Zusammenhang von Casting, Pornografie und Folter.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Hast du eine Mutter, dann hast du immer Butter." Auch wieder so eine Liedzeile von Helge Schneider, die eine ganze politische Debatte ad absurdum führt. Dabei stimmt der Satz womöglich sogar auf empirischer Ebene: Die Anwesenheit des weiblichen Elternteils fällt statistisch gesehen sicher in hohem Maße mit dem häuslichen Vorrat an Streichfett zusammen.


Die Werbung, diese mediale Spielwiese unserer modernen Folklore, weiß von diesem Zusammenhang. Sie inszeniert den Brotaufstrich grundsätzlich als Schmiermittel der familiären Harmonie, deren Galionsfigur eine sorgende Mutter ist. Überhaupt ist das Cremige von Nutella bis Nivea die Konsistenz von Weiblichkeit. Frausein als soziale Emulsion, die wohltuend in die Poren des Gesellschaftskörpers einzieht – und verschwindet.

Flüchtiges Mutterglück

Die Liquidierung der selbstständigen Frau in den Inszenierungen der Reklame hat etwas Gestriges, und Schneiders Song ist natürlich eine Parodie auf jene Tradition, die strikt zwischen Nähren und Ernähren trennt. Die Arbeitsmarktsituation verlangt nach einer steten Revision eingespielter Rollenmodelle. Welche Brötchen wird Mami schmieren, wenn Vati keinen Brötchengeber findet? Das Identitätskonzept von Eva Herman – Frauen als Mütter und heimisch-heimliche Unterstützerinnen des Mannes – kann auf diese Frage kaum eine Antwort geben.

Dabei überschneiden sich in Hermans Biografie selbst die Konfliktlinien der gegenwärtigen Geschlechterfrage: Einerseits hoch qualifizierte Journalistin und Buchautorin, andererseits Hausfrau und Mutter, steht sie für die postmoderne Frau im Feld progressiver und nostalgischer Vorstellungen. Ihre Bücher sind deshalb dialektische Märchen, die dort eine Synthese von Tradition und Innovation versuchen, wo die Realität das Aushalten der gesellschaftlichen Spannung verlangt.

Eventuell wird man sie später als eine der letzten großen Erzählerinnen der bürgerlichen Utopie in Anspruch nehmen: In ihrem Programm einer von Apfelkuchen durchdufteten Welt spiegelt sich der Hang der Deutschen zum Sonderweg in grundsätzliche Wertedebatten, wenn die Verhältnisse unerträglich zu werden drohen. Die christlich überbaute, konservative Mittelschicht tut sich nach wie vor schwer, den rigorosen Flexibilitätsgeboten der nachmodernen Welt auch ideologisch nachzukommen.

Real mag man schon so leben – die Kleinen früh in die Kita, beide berufstätig, und wenn nur einer, dann immer hart an der Leistungsgrenze –, ideell jedoch soll wenigstens die Idee einer Alternative erhalten bleiben.

Wem die Ikonografie des bourgeoisen Glücks, in der sich die Zeichen von Klasse und Geschlecht in tausendundeinem Jogurt-Spot konfliktfrei aneinander schmiegen, zu kulinarisch, zu geschmackvoll ist, der kann sich an die Ästhetik der Härte halten. Auch sie gehört zur Programmatik des aktuellen Fernsehens, und in der Casting-Show findet sie ihre angemessene Form.

Das Casting-Fernsehen zielt auf eine angenommene Unterschicht – sowohl als Gegenstand seiner Zurichtungen als auch als Publikum. Es verschränkt zivile Wünsche nach Partizipation mit asozialen Tendenzen zur Erniedrigung des Gegners, als den man den Nächsten im Spätkapitalismus fürchten gelernt hat. Und es präsentiert vor allem die Frau – als Protagonistin und Opfer, Heldin und Objekt.

Casting für den Pfad der Tugend

Seit "Popstars", der ersten Casting-Sendung im deutschsprachigen Raum (das Format kommt ursprünglich aus Neuseeland und wurde 2000 für den hiesigen Markt adaptiert), stehen Frauen im Zentrum dieses Spektakels. Zwar gibt es vom österreichischen "Starmania" bis zum amerikanischen "American Idol" immer auch männliche Berühmtheiten. Aber für die mediale Rundumverwertung sind Zickenkriege und Magersuchtsdramen immer noch am lukrativsten – die Selbstfindungsquerelen von Popjüngelchen wie Alexander Klaws oder Daniel Küblbock haben da vergleichsweise geringen Marktwert.

Härte ist das Stilprinzip dieser Shows vor allem deshalb, weil in ihnen nur vordergründig Fragen des Talents und künstlerischen Könnens verhandelt werden. Die Inszenierung zielt eigentlich auf den Körper, seine Schwächen und – darüber hinaus – seine Gestaltbarkeit. Ob die Soulsängerin und spätere Oscar-Preisträgerin Jennifer Hudson bei "American Idol" als zu dick abgewertet wurde oder Dieter Bohlen den Gesang der "Deutschland-sucht-den-Superstar"-Aspirantin Mehtap Bingölo als Flatulenzen diffamierte: Immer ist es die Physis, die zur Debatte steht.

Die Erniedrigungsszenarien, wie sie im "Dschungel-Camp" telematisch salonfähig wurden, sind hier lediglich in einen vermeintlich kreativen Rahmen eingespannt; der sublimatorische Firnis ist dabei dünner als jedes Topmodel. Fraß man im Urwald Würmer und Maden, schluckt man jetzt die Schmähungen eines sadistischen Produzenten.

Casting, Porno, Folter

So gesehen ist die Casting-Show eine breiter absetzbare Vorform der Pornografie und des Folter-Films, beides Inszenierungen körperlicher Belastbarkeit, die gerade äußerst in Mode sind. Wenn HipHop-Stars massenweise Porno-Videos drehen und in TV-Serien wie "Alias" und "24" Folter zum Standardrepertoire sozialer Praxis gehört, dann hat der Leib, trotz seiner zunehmenden Verflüchtigung im Zeitalter digitaler Medien, eben doch nicht ausgespielt. Im Gegenteil: Er ist nach wie vor die nicht ausgeweitete, sondern auf den eigenen unmittelbaren Erfahrungshorizont eingegrenzte Kampfzone, in der die Fragen von Identität, Klasse und Geschlecht anschaulich werden.

Konsequent also, dass seit letztem Jahr die Hochform der weiblichen Körperoptimierung als Casting-Show im Einsatz ist. Im Januar 2006 startete ProSieben die Sendung "Germany’s Next Top Model" – und landete einen Quotenhit. Das kulturelle Klima war günstiger denn je: Durch die Medien rauschten die Ab- und Lobgesänge auf eine Unterschicht, die, von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen, nurmehr ihren Körper gestaltet. Wer sich nicht mehr qua Berufstätigkeit ins soziale Leben einschreiben kann, beschriftet sich selber, so die Diagnose. Man setzt Zeichen mit Tattoos und Piercings, konturiert mit Bodybuilding wenn schon nicht seinen Alltag, so doch wenigstens seinen Leib.

Das Sixpack, die graphische Gestaltung der schrägen Bauchmuskeln zu einer steinharten, fettlosen Körperpartie, als Ziel individueller Selbstermächtigung: Die These war so einleuchtend wie die Ernennung Bohlens zum Oberschurken des Casting-Betriebs. Wer sich nichts anderes leisten kann, trägt eben seine Muskeln als Insignien eines korrekten Lebenswandels. Die attestieren ihm dann kapitalistische Kardinaltugenden wie Fleiß, Ausdauer und Belastbarkeit.

In der Laufsteg-Show mit Heidi Klum als Chef-Inspektorin wurden die physischen Bearbeitungsverfahren ihrer tristen Selbstbezüglichkeit entrissen. Der Körper sollte nicht mehr nur Produktivität simulieren, er sollte selber Akteur der Wertschöpfung sein. Dafür musste allerdings ein Milieu verbürgerlicht werden, dass lange als asozial und destruktiv galt.

Man erinnert sich: In den 80er und 90er Jahren hatten Models gefährliche Liebschaften mit Promis und riskante Affären mit Heroin. Eskapismus paarte sich mit Arroganz; legendär der Satz des Top-Models Linda Evangelista, für weniger als 10.000 Dollar steige sie erst gar nicht aus dem Bett. Dieser Attitüde machte Klums Casting-Show Beine, und zwar buchstäblich: Die Bewerberinnen absolvierten Catwalk-Drill und Fotoshooting-Attacken, harrten auf dem Exerzierplatz stundenlanger Schminksessions und Fototermine aus. 35 Mädchen wurden in der ersten Staffel geschleift und ausgemustert, bis am Ende die 18-jährige Lena Gercke zur Siegerin gekürt wurde.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Fernsehnation eine weitere Lektion in Sachen teutonischer Selbstdisziplin gelernt. "Wer hält es aus? Wie beißen die sich durch?" Um diese Fragen zog sich die Model-Mobilmachung immer wieder zusammen. Koketterie oder Faulheit waren nicht gefragt: "Du hast eine Null-Bock-Einstellung. Du brauchst aber eine Bock-Einstellung!", erklärte Klums Beauty-Coach einmal einer missmutigen Schönen.

Die Bock-Einstellung war natürlich nicht nur in Model-Kreisen, sondern landesweit gefragt. Die Zeit nach Rot-Grün versprach, pragmatisch und nüchtern, wirtschaftlich prekär und sozial brisant zu werden. Eine Konsolidierung des Arbeitsmarktes war Anfang 2006 noch nicht in Sicht, umso erbaulicher war es zu sehen, wie im Fernsehen Modeln zum offiziellen Ausbildungsberuf umfunktioniert wurde. Man konnte zuschauen, wie junge Menschen in die Lehre gingen, wie Zukunft erarbeitet wurde, nicht wie damals, während des New Economy Booms mit der suspekten Flüchtigkeit digitaler Technologien, sondern im Schweiße des Angesichts.

Zudem nahm die Utopie einer Solidargemeinschaft Gestalt an, in der sich Konkurrenz mit Loyalität, Wettbewerb mit Empathie vertrug. "Die mögen sich ja alle!", zitierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung einen überraschten Fotografen. Was hatte der Mann erwartet? Jedenfalls kaum eine Model-Kolchose, die das Produktionssoll an Schauwerten mit vorbildlicher Hingabe erfüllt.

Klums große Koalition

Der Schulterschluss von kollektiver und kompetitiver Gesinnung kam letztlich durch Heidi Klum zustande; sie bewährte sich exzellent als emblematische Figur dieser neuen großen Koalition von Pädagogik und Effizienz. Wie sie mit einem ausgeprägten Familiensinn und einer Mischung aus Humor und Strenge die jungen Frauen gleich Töchtern für die Selbstvermarktung drillte, das ließ sich sehen – natürlich auch, ja vielleicht sogar vor allem für Männer. Sie konnten die Veranstaltung wahlweise als televisionäres Herrenmagazin oder als Soziogramm mit Schlüsselloch-Appeal goutieren.

So kultivierte der Modelbetrieb, eigentlich der natürliche unnatürliche Feind der Familie, deren Tugenden: Verbindlichkeit, Rücksicht, Vertrauen in Autoritäten standen ebenso auf dem Lehrplan wie Laufsteg-Präsenz oder Flirten mit der Kamera. Das familiäre Kollektiv, das Herman & Co. beschwören, um der demografischen Katastrophe zu entgehen, hier wurde es mit den Mitteln des Showgeschäfts nachgestellt.

Binnen weniger Wochen wurde Heidi Klum zur Ursula von der Leyen der Modelszene und die Casting-Show zum postfeministischen Zirkus. Emanzipation, Gleichberechtigung, Selbstbestimmung – die Errungenschaften der ersten und zweiten Frauenbewegung? Alte Klamotten, archiviert in der ideologischen Mottenkiste. Fürs aktuelle Outfit kombiniert Frau marktgängige Sexyness mit autoritärem Charakter, sichert sich vorm freien Fall in die moralische Korruption aber mit wertkonservativen Gewissheiten.

Umso stärker musste diesen Imagewechsel der Vorwurf treffen, man schädige hier die gerade im geburtenschwachen Deutschland wertvolle Ressource Frau. Kurz nach Beginn der ersten Staffel geisterte eine Figur durch den deutschen Blätterwald, so schrecklich und bedauernswert, dass sie aus einem Theaterstück von Bertolt Brecht oder Franz Xaver Kroetz hätte sein können: das "Rippenmädchen" (Berliner B.Z.). Dabei handelte es sich nicht um eine morphiumsüchtige Kinderprostituierte, die von der Hinrichtung verfressener Bürger träumte; auch nicht um eine geschändete Bauerntochter, die den Mistgabelmord an ihren Peinigern plante. Das Rippenmädchen hieß Céline, war Musikstudentin und gescheiterte Top-Model-Kombattantin.

Nach zwei Wochen musste die 22-Jährige das Model-Camp verlassen und wurde sofort zum Star eines Kulturkampfs. Denn während Heidi Klum, wie sich die "B.Z." mokierte, in McDonald’s-Werbespots Hamburger verdrückte, musste Céline "heimlich ein bisschen Obst" kaufen und wurde von ihren Mitstreiterinnen bedrängt: "Da stürzten sie sich auf mich, wollten wissen, woher ich das habe."

Mit dem Rippenmädchen trat das Schreckgespenst der subversiven Verschwendung auf den Plan. Junge Frauen als Hungerkünstlerinnen: In Deutschland, wo Mütter so dringend gebraucht werden, ein Affront. Dies war ja die große Provokation, die das Supermodel Kate Moss ihren Auftraggebern zugemutet hatte: dass sie die kostbarste aller Waren, ihren Körper, der Tauschlogik entzog und eine hochwertige Ressource mittels Kokain der Selbstauslöschung preisgab.

Wer sich derart unkalkuliert verausgabte und damit drohte, einen Aktivposten der Modeindustrie zu zerstören, konnte nicht ungestraft davon kommen: Burberry und H&M kündigten erst einmal laufende Werbeverträge, die Presse sprach von einem Skandal. Skandalös war letztlich zwar nur die Bigotterie, mit der man eine Suchtkranke vorführte – bei Klum und ihren Adepten muss die Message jedoch angekommen sein. Wie sonst ließe sich der Offene Brief erklären, der als ganzseitige Anzeige in drei großen Tageszeitungen veröffentlicht wurde? Da erklärten die Klum-Frauen, dass es ihnen gut gehe, die Geschichten hätten "nichts mit dem zu tun, was wir erleben". Niemand müsse hungern, "im Gegenteil: Die Buffets sind superlecker."

Nicht ein, gleich mehrere Buffets standen also bereit, die angehenden Starmodelle zu nähren, von Mager- und Drogensucht keine Spur. Der "Heroin Chic", deren Ikone Moss in den 90er Jahren war; die Bad-Girl-Pose, die Presse und Modeunternehmen verdammten, um noch besser an ihr zu verdienen: Sie waren das Feindbild, dem es vollmundig zu widersprechen galt.

Während die katastrophale Kate in einer Vogue-Ausgabe Filmbilder aus Jean Cocteaus "Die Schöne und das Biest" über ihren Körper flimmern ließ und sich damit als Projektionsfläche für das Monströse der Populärkultur inszenierte, erklärte die Klum-Liga: "Wir lachen, lernen und laufen – und kommen unserem großen Ziel Tag für Tag einen Schritt näher." Das klang wie ein Slogan der FDJ aus den 50er Jahren, nur dass die Utopie diesmal nicht Kommunismus, sondern perfektes Marketing hieß.

Catwalk zwischen An- und Enteignung

Heidi Klum hat mittlerweile eine zweite "Top Model"-Staffel hinter sich gebracht. Man kann sich das Projekt als Endlos-Serie vorstellen, eine Lindenstraße der Mannequin-Leiden und -Freuden. Profitieren würden alle: der Sender, der um die Show einen einträglichen Mix aus Kosmetikspots platzieren kann; die Agenturszene, die, abhängig von den Launen der Top-Designer und Fotografen, zunehmend die Übersicht verliert und hier schon mal den amtlich getesteten Nachschub vorgeführt bekommt. Und die Männer können ein von patriarchalisch-chauvinistischen Restbeständen durchsetztes schlechtes Gewissen abfedern: Wenn Frauen derart selbstbewusst die eigene Zurichtung betreiben, wird ein wenig Süffisanz, Lüsternheit, ja Herablassung wohl noch erlaubt sein.

Catwalk zwischen An- und Enteignung

Es liegt eine große Gefahr im Spiel mit repressiven Strukturen; die Grenze zwischen Aneignung und Enteignung verläuft undeutlich, auch zwischen den Geschlechtern. Das war schon bei den postfeministischen Girlies so: Ihre sexuelle Direktheit ahmte den Gestus des machistischen Mannes nach, demontierte dessen Herrschaftsanspruch durch ein Spiel mit Unterwerfung und Aggressivität. Doch aus dekonstruktiv wurde primitiv: Jede Rapperin bezeichnet sich heute selbst als "bitch", als Schlampe; das F-Wort (und damit ist nicht Feminismus gemeint) gehört zum Basis-Vokabular.

Letztlich sind alle diese medialen Szenarien nicht außerhalb der Produktionsverhältnisse zu denken, und die werden nach wie vor weitgehend von Männern bestimmt. Ob der weibliche Blick eine andere, weniger oder gar nicht pornografische Ästhetik zustande brächte, sei dahingestellt. Pornografisch meint hier die Verkoppelung von Lust und Belastung, Begehren und Demütigung; die Casting-Show fügt diese Konstellation in eine sozial verträgliche, sogar erbauliche Erzählung ein. Sie handelt von Konkurrenz und Gemeinschaft, Enttäuschung und Erfolg, und solange Models Mütter spielen, wird dieses Programm laufen wie geschmiert.