Fernseh-Jahresrückblicke: Elender Glanz - DER SPIEGEL
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Fernseh-Jahresrückblicke Elender Glanz

So behaglich ist der Niedergang: Johannes B. Kerner und Günther Jauch bilanzierten die vergangenen zwölf Monate mit Prekariatspoppern und beseelten Wracks - beide Jahresrückblicke setzten 2008 lustvoll als Krisenjahr in Szene. Sogar essentielle Probleme wurden auf Rührstückformat runtergefahren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Oberflächlich betrachtet war 2008 ein sehr schönes und sehr gerechtes Jahr. Die Finanzkrise ließ alle Menschen zu in Armut vereinten Brüdern und Schwestern werden. Ein kleiner fülliger Engländer sang die Hymne der Herzen. Zuvor öffentlich eher stiefmütterlich behandelte Sexualspielarten wurden dank eines Bestseller-Romans einer TV-Moderatorin auf einmal zum Gesprächsthema bei Betriebsfesten und Bowlingabenden. So jedenfalls lautet die Grunderkenntnis, die am Sonntagabend derjenige erlangen musste, der zwischen den Jahresrückblicken von ZDF und RTL hin und her schaltete.

Klar, es wurden auch die üblichen Spitzensportler und Hochleistungsunterhalter aufgefahren. Passend zur allerorten beschworenen Krise aber richtete man das Augenmerk vor allem auf die stolzen Verlierer, beseelten Wracks und hässlichen Charismatiker: Das Leben, hier wie dort wurde es wie ein dreieinhalbstündiger Telekom-Spot zelebriert.

Vor allem bei RTL fühlte man sich, als sei man in eine überlange Werbesendung des Fernsprechanbieters geraten. Und das lag nicht nur daran, dass Günther Jauch sich für seinen Rückblick schon frühzeitig den Auftritt des einstigen Handyverkäufers Paul Potts sichern konnte, der durch seine Operndarbietung bei einer britischen Castingshow zum Star wurde und dessen Erfolgsgeschichte schließlich durch einen einminütigen Telekom-Spot immer und immer wieder in die deutschen Wohnzimmer gesendet worden war.

Bei RTL versuchte man nach Potts Auftritt gleich noch einen Aufguss dieses wunderbaren Medienmärchens, indem man den jüngst gekürten Gewinner der hauseigenen Castingshow "Supertalent" ähnlich tränentreibend in Szene setzte – hatte der Hartz-IV-Empfänger und Straßenmusikant Michael Hirte doch mit einer Mundharmonikaversion von "Ave Maria" die Herzen der Zuschauer erobert.

Jauch konzentrierte sich bei seinen Gesprächen dann allerdings weniger aufs mögliche Talent der beiden geladenen Prekariatspopper, sondern auf ihre körperlichen Makel. Paul Potts fragte er neugierig, weshalb er sich denn inzwischen bloß sein markantes Gebiss habe richten lassen. Und als hätte ihm der Texter von Birgit Schrowange seine Anmoderation geschrieben, kündigte er anschließend den Fußgängerzonenvirtuosen Hirte mit den Worten an: "Behindert, arbeitslos und verlassen von der Frau hat sich Michael Hirte an das Letzte geklammert, was er hatte: seine Mundharmonika."

Das ist vielleicht das Markanteste am Krisenjahr 2008: Selbst Starporträts klingen auf einmal wie Elendsreportagen.

Im ZDF hatte sich Kollege Johannes B. Kerner entsprechend ein paar Vertreter der "Generation Lehman Brothers" ins Studio geholt. Geprellte Anleger breiteten ihre Leidensgeschichte aus – und beschrieben ihre Wehrhaftigkeit gegen die kapitalistischen Abzocker. Eine der Krisenverliererinnen auf Kerners Couch rief zur Demo gegen das aus ihrer Sicht betrügerische Bankhaus auf. Man wolle dort gemeinsam umgedichtete Adventslieder singen.

Noch im revolutionären Aufbegehren machte sich also eine eigentümliche Harmoniesucht breit. Aber so funktioniert sie nun mal, die Konflikt- und Krisenbewältigung in den großen Jahresrückblicks-Shows: Die größten Feindschaften werden hier einfach weggeflötet.

Und die Behandlung essentieller sozialer Probleme wird auf Rührstückformat heruntergefahren. Doch kann man sich zum Anwalt für Menschenrechte aufspielen, wenn man nur am emotionalen Mehrwert für das Publikum vor den Fernsehschirmen interessiert ist? Geradezu zynisch wirkte es da, als Kerner die zehnjährige Nujood Ali aus dem Jemen aushorchte, die vor Gericht die Scheidung von einem Mann erstritt, mit dem sie von ihrem Vater zwangsverheiratet worden war. Heiter wischte Kerner immanente Missbrauchsvorwürfe vom Tisch und trällerte, dass man über den Vollzug der Ehe ja hier nun nicht reden wolle. Das hätte auch die Wohlfühlatmosphäre des Abends trüben können.

Gleichgewicht der Promi-Visagen

Der Druck auf die Rückblicksorganisatoren ist nun mal hoch. Schließlich verbirgt sich hinter diesem Fernsehformat, das vor allem von ZDF ("Menschen 2008") und RTL ("2008! Menschen, Bilder, Emotionen") gepflegt wird, ein knallharter Verdrängungswettbewerb. Heuer kam es gar zu einer echten Kampfprogrammierung, als das Zweite vor einigen Wochen bekanntgab, man werde am selben Tag und zur selben Uhrzeit wie die Konkurrenz an den Start gehen.

Das deutsche Jahresrückblicksgeschäft funktioniert ja inzwischen ein bisschen wie das amerikanische Anwaltsgewerbe, wo pfiffige Juristen gleich an den Bahren frisch überfahrener Menschen ihre Klienten werben. Die zuständigen Mitarbeiter von ZDF und RTL buhlen jedenfalls schon das ganze Jahr über um prominente Unfallopfer und publicity-trächtige Sportler.

Im günstigsten Falle herrscht dann eine Art Gleichgewicht in Sachen Promi-Gesichter. Wenn Kerner Bastian Schweinsteiger und Jens Lehmann bei sich sitzen hat, trumpft Jauch eben mit Philipp Lahm und (über Live-Schaltung nach England) Michael Ballack auf. Und Ausgewogenheit gibt es natürlich auch beim Auflauf der Olympioniken: Blut, Tränen und späte Verbrüderung, wo man am Sonntagabend hinschaute.

Als Ausgleich zum harmonischen Sportlerdefilée werden auf beiden Sendern auch ein paar weniger versöhnliche Geschichten erzählt. Während im ZDF jener pensionierte Schulleiter auftritt, der Ende 2007 von zwei Jugendlichen mit Migrationshintergrund in der U-Bahn zusammengeschlagen und Anfang 2008 für eine Debatte über verschärfte Jugendstrafen instrumentalisiert wurde, lässt Jauch noch einmal den geprügelten Hund der SPD von der Leine. Bei RTL darf Kurt Beck, der geschasste Chef der Sozis, noch ein letztes Mal sein Gleichnis des Politikbetriebs als Wolfsrudel ausbreiten.

Die Gesichter variieren also bei den beiden Sendern, nicht aber die Storys – weder die tragischen noch die skurrilen. Eigentlich wird auf beiden Sendern so ziemlich dasselbe dargeboten. Während sich zum Beispiel bei RTL ein 96-jähriger Turner mit amtlichen Klimmzügen beweist, legt im ZDF eine 82-Jährige für ihren geliebten Gatten einen Salto rückwärts vom Dreimeterturm hin. Auch das vielleicht ein Zeichen der Krise: In Zeiten der Not wird der Greis zum Leistungsbringer.

Diese Logik wurde eigentlich nur von der Erfolgsautorin Charlotte Roche durchbrochen. Denn der erst unlängst für das offensichtlich schwer krisengeschüttelte Zweite reaktivierte Kulturkritiker Marcel Reich-Ranicki trug bei Kerner zum Abschluss eine Kurzrezension von Roches Jahresbestseller "Feuchtgebiete" vor. "Literarisch völlig wertlos" und "pornografisch" nannte er das vor allem um Freud und Leid des Analverkehrs kreisende Werk – was die Autorin mit einem Angriff aufs Alters des Kritikers konterte: "Der ist doch älter als mein Opa."

So wurde ein ziemlich aufregendes Jahr medial zum alles nivellierenden Abschluss gebracht. Egal was 2008 passiert ist, im großen Gefühlsangleichungsapparat von Kerner und Jauch galt gestern der Dreisatz: anal, banal, vollkommen egal.

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