Fernsehen: Der Quizboom und die Shoutability - DER SPIEGEL
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Fernsehen Der Quizboom und die Shoutability

Jeder kann gewinnen: Ein Themenabend von arte und ZDF sucht nach dem Erfolgsrezept der Quizshow "Wer wird Millionär?", betrachtet das Täterprofil von Gewinnern und Verlierern und zeichnet die Tradition von Quizsendungen in der deutschen Fernsehgeschichte nach.
Von Johanna Straub
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Heißen die beiden Enden der Erdachse A: Tscheche, B: Slowake, C: Rumäne oder D: Pole? Was bringt erwachsene Menschen dazu, vor einem Millionenpublikum solcherlei Fragen zu beantworten? Und - was bringt erwachsene Menschen dazu, die vermeintlich richtige Antwort zuhause ihrem Fernseher zuzurufen?

Quiz- und Ratesendungen haben Hochkonjunktur im deutschen Fernsehen. Eine gute Gelegenheit für die Fernsehmacher, sich selbst einige Fragen zu stellen und diese in einem Themenabend umfassend zu beantworten.

Die RTL-Show "Wer wird Millionär" läuft mittlerweile in über 70 Ländern mit Marktanteilen bis zu 80 Prozent. Die Sendung funktioniert überall nach exakt demselben Muster kulturübergreifend von den Philippinen bis Norwegen. Ausgerechnet im arte-Land Frankreich läuft sie allerdings nur nachmittags mit schlechten Quoten und folglich wird in "Seid umschlungen Millionen", der Dokumentation über den Quotenhit, nicht Frankreich für einen Vergleich mit Deutschland herangezogen, sondern Österreich.

Quizmistress Barbara Stöckl, ORF, die mittlerweile ihren Platz abgegeben hat, und Quizmaster Günther Jauch, RTL, der unbestrittene König der Show - und weniger unbestritten der "erotischste TV-Moderator Deutschlands" (laut einer Umfrage von "TV Today") - helfen bereitwillig mit, das Geheimnis ihres Erfolges zu analysieren. "Die einzige Berechenbarkeit ist meine Unberechenbarkeit", sinniert Jauch und freut sich darüber, dass sich sein Format tatsächlich sowohl als interaktiv als auch familientauglich erweist. Auf deutsch: Alle müssen mitmachen.

Dass dieses Konzept und diese Entwicklung keinesfalls neu sind, zeigt "Hätten Sie's gewusst", ein Beitrag, der die Zuschauer zurückführt in die "Kreidezeit der Fernsehunterhaltung". Auch dies ist sehr familientauglich, ist es doch die gemeinsame Vergangenheit unzähliger rauschender Fernsehabende im Familienkreis, die es hier zu bewältigen gilt. Unterwegs im Bildungsauftrag: Robert Lembke, der "Halbgott in Grau", der "intellektuelle" Hans-Joachim Kulenkampff, Teddybär Wim Thoelke und Hans Rosenthal, der kindliche Reaktionen zur Hauptsendezeit zwar nicht salon- aber doch immerhin wohnzimmertauglich machte. Und Dokumentarfilm-Veteran Karl Gass, der zusammenfasst, wie seine Rate-Sendung in der DDR funktionierte: "Viel verlangt, wenig zu verdienen". Es gab Büchergutscheine zu gewinnen..

Vom Volkshochschulcharakter der fünfziger und sechziger Jahre ist heute nichts mehr zu spüren, jetzt prägen spannungssteigernde Werbepausen die Sendung. Und es gibt vorgegebene Antworten. Stets gibt es ein A, B, C und D und eins davon ist richtig. Der Schwerpunkt, so scheint es, hat sich verlagert. Es geht nicht mehr allein um das Wissen (Jauch: "zusammenhangloses Faktenwissen"), sondern es ist vielmehr Entscheidung, die die Spannung hält. Folglich gibt kein Versagen, kein "Ich weiß es nicht", denn raten kann schließlich jeder.

Und jeder kann die Million gewinnen. In Deutschland waren es bisher ein Professor, eine schwäbische Hausfrau ("Bitte net wieder so quäle, Herr Jauch") und kürzlich ein Musikstudent. In Österreich gewann ein Käsemacher aus Vorarlberg, der vor jeder Antwort seinen mitgebrachten Stein befragte. Jede Castingagentur wäre einverstanden mit dieser Millionärs-Besetzung. Sympathieträger sind sie ohnehin allesamt, denn, so lautet das Geheimnis, es gibt keinen Neid beim Publikum, die Identifikation ist total. Sichtbar gemachtes Glück macht auch die Zuschauer glücklich, nicht umsonst vertraut der Kandidat blindlings auf seinen Publikumsjoker.

Auf drei Ebenen gilt es zu gewinnen bei diesem Echtzeitdrama: Es geht um eine Million, es geht ums Zocken - und es geht darum, unter härtesten Bedingungen so weit man selbst zu bleiben, dass man sich ein paar Tage später im Fernsehen ertragen kann.

Die Zuschauer "daheim an den Bildschirmen" können keine Million gewinnen, sie müssen sich mit dem Spiel begnügen. Und das tun sie. Familienweise wird mitgefiebert und mitgeraten, "da schreien sogar die Österreicher zuhause an den Bildschirmen". "Shoutability" heißt das Zauberwort. Aber wie kommt es, dass niemand sich dem magischen Sog entziehen kann - niemand außer Christoph Schlingensief?

Der Theatermacher, professionell an Verlierern interessiert, sieht hier "das Spiegelbild eines Zustands der Gesellschaft", hat gewohnt schnell mit einer entsprechenden Gegenveranstaltung reagiert ("Quiz 3000") und weiß eine Antwort. Es gibt so viele nicht zu beantwortende Fragen in unserer Gesellschaft, dass einfache Fragen und Antworten dankbar angenommen werden. Aber war das nicht schon immer so? Und nicht nur in unserer Gesellschaft?

Wir bekommen keine Antwort, aber wir können uns freuen auf einen familientauglichen Themenabend, der unser kollektives Gedächtnis aufweckt und unsere Rate-Instinkte anspricht - Shoutability inklusive.

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