Medienkunst in Berlin: Synthetische Ursuppe
Transmediale in Berlin Der Staub der Erde leuchtet
Immer ging es nach oben mit der digitalen Revolution, mit der weltweiten elektronischen Echtzeit-Kommunikation der Informationsgesellschaft, mit der grenzüberschreitenden Freiheit in den sozialen Netzwerken der medialen und virtuellen Welt, mit unendlichen Speichermöglichkeiten und mit Technologien, die heute jedes Kind benutzt.
Das spiegelte sich jahrelang im Programm der Berliner Transmediale wider, dem Treffpunkt für Nutzer der Netzwerke und Netzwelten, die über digitale Revolutionen und Hacker-Kultur in Konferenzen, Workshops und Talks diskutierten und sich Screenings, Performances, Ausstellungen und viel elektronische Musik reinzogen.
Als dann 2012 der junge Kurator Kristoffer Gansing als Leiter der Transmediale nach Berlin kam, hieß seine erste Transmediale "in/compatible". Gezeigt wurde eine Netzwerkkultur, in der es Lücken und Brüche gab, die destruktiv und gleichzeitig produktiv sein können. Man solle sich auf die Anfälligkeit und Angreifbarkeit der Technik einstellen und "Störung als gesellschaftliches Prinzip diskutieren", so Gansing damals, weil die neuen Medien zum Beispiel genauso zu politischen Umstürzen wie zu mehr Kontrolle und Regulierung führen könnten.
Vor einem Jahr rief seine Transmediale zur Rückbesinnung auf die Medienvergangenheit auf und zu einer Kritik an der Fortschrittsideologie - und bekam dafür den Stempel "zukunftsmüde" aufgedrückt. Wie weitsichtig Gansing damit war, zeigt der ambivalente Zustand der digitalen Kultur. Und darum geht es in der 27. Transmediale 2014 unter dem Titel "afterglow", nämlich sinnbildlich um "einen Moment der Dämmerung, in dem der Staub der Erde in die Atmosphäre aufsteigt und für einen kurzen Moment aufleuchtet", so das Programm der Transmediale.
Hacker sind die neuen Künstler
Klingt ziemlich verschwurbelt, soll aber heißen, dass es bei allen Veranstaltungen um den Zustand zwischen "Trash" und "Treasure" gehen soll, um aktuelle Themen wie Big-Data-Systeme, Massenüberwachung, Whistleblowing, um Elektroschrott und Datenüberfluss und die Auswirkungen des digitalisierten Lebens auf Identität und Sexualität. Die Genres Kunst und Vortrag oder Diskussion sind dabei nicht zu trennen, man muss sich durch das Programm ackern und selber sehen, was womit zu tun hat und was einen interessiert.
Die Türen zur Transmediale öffnen sich am 29.1. um 17.30 Uhr im Haus der Kulturen der Welt, und man kann Borja Rodríguez Alonsos Screening "Why" sehen, das auf einer Google-Funktion basiert und ein erschreckendes Panoptikum von Rassismus, Sexismus und Körperteilen zeigt. Im Theatersaal zeigt Pawel Ziemilski die Installation "Rogalik" mit langen Kamerafahrten durch trostlose Wohnungen in einem polnischen Dorf, in dem die Menschen seltsam unwirklich erscheinen.
Nach der offiziellen Eröffnungsfeier um 19 Uhr wird die Ausstellung vom Art Hack Day Berlin eröffnet. Dafür haben sich rund 70 Künstler aus 15 Ländern, deren Medien Technologie und Kunst sind, zwei Tage vor der Eröffnung getroffen und in einem "Hackathon" zusammen vor Ort Exponate zum Thema "afterglow" erarbeitet, die bis zum Ende der Transmediale zu sehen sind. Vor Ort gibt es tägliche Führungen.
Heimatliebe und Körperpolitik
Mit Abfall anderer Art beschäftigt sich die türkische Künstlerin Pinar Yoldas in ihrer Schau "An Ecosystem of Excess" in der Schering Stiftung (bis 4.5.). Yoldas geht dabei von den Millionen Tonnen Kunststoffmüll im Nordpazifik aus und bezieht sich auf die Ursuppen-Theorie, nach der das Leben auf der Erde vor vier Milliarden Jahren in den Ozeanen begann, als anorganisches Material zu organischen Molekülen wurde. Was wäre also, fragt sie, wenn sich als ein nachmenschliches Ökosystem ein Austausch zwischen dem Organischen und dem Synthetischen ergeben würde? Yoldas zeigt in ihrer Schau auch eine Utopie solcher Lebensformen.
Im Kernprogramm sollte man auf keinen Fall die japanische Künstlerin Sputniko! verpassen, die den Einfluss der Technologie auf unseren Alltag thematisiert, und natürlich nicht "The Chinese Dream: The Doctrine and the Sexy", wo unter anderem über Standpunkte zu Patriotismus, Überwachungskultur und Körperpolitik in China diskutiert wird. Ai Weiwei und Ai Xiaoming steuern vorher aufgezeichnete Statements dazu bei.
Transmediale "afterglow". Berlin, Haus der Kulturen der Welt. 29.1.-2.2.;
Partnerfestival:CTM Festival for Adventurous Music & Arts - "Dis Continuity".