Fichtners Tellergericht: A gscheite chinesische Brotzeit - DER SPIEGEL
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Fichtners Tellergericht A gscheite chinesische Brotzeit

Wer im Bayern Chinas speisen will, sollte richtig hungrig sein: In den Restaurants der Provinz Szechuan tischt man üppig auf. Der einzige Appetitzügler dabei: Zum Mahl gibt's im Fernsehen delikate Themen - Tiersterben zum Beispiel.
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Der gute Mensch von Szechuan kann binnen einer Stunde eine halbe Metzgerei verdrücken, und wenn er’s richtig krachen lässt, verschlingt er obendrein auch noch den Kleintierzoo. Ich bin gerade da, 1800 Kilometer südwestlich von Peking, in tiefer Provinz, Szechuan. Manche Leute hier schauen einen an, als hätten sie noch nie einen leibhaftigen Westler gesehen, die Hauptstadt hier heißt Chengdu, hat zwölf Millionen Einwohner - und dazu das Restaurant "Huang Cheng Lao Ma", was angeblich soviel wie "Großmutter in der königlichen Stadt", heißt, naja, wer weiß.

Es ist ein unerwartet schicker Laden, Grautöne und Holz herrschen vor, obwohl es hier eigentlich Hot Pot gibt, eine derb-rustikale Angelegenheit. Man könnte sagen, Szechuan ist so eine Art Bayern Chinas, eine dickköpfige eigene Kultur, die immerfort das Sinnliche herausstreicht, und es darf von allem gern ein bisschen mehr sein. Eifrig wird nachgeschenkt und niemand steht hungrig vom Tisch auf, weil die Portionen stets doppelt so groß sind wie in Schanghai oder Peking.

Im "Huang Cheng Lao Ma" haben auf drei Stockwerken gleichzeitig 600 Gäste Platz, das gibt zwischen 7 und 9 Uhr abends ein ziemliches Hallo, die Menge wird versorgt von 500 Kellnern und Köchen, deren Hauptaufgabe es ist, Tiere jeder Art roh in mundgerechte Stücke zu zerlegen. Denn Hot Pot ist Fondue. In der Tischmitte ist Platz gelassen für Kasserollen gefüllt mit öliger Brühe, dunkelbraun-fettig, ohne dass man die Basis des Ganzen wirklich begreifen würde, aber das muss man auch gar nicht: Es schmeckt ohnehin alles nach den circa 110 signalroten Chilischoten, die wie Bojen im Sturm dicht an dicht auf dieser kochenden Suppe tanzen. Wer's scharf mag, der wird Chengdu lieben.

Gänsegedärm, Schweinehirn - und alles schön mit Foto

Auf der Karte stehen Frösche und Gänsegedärm, Hühnermägen, Schweinehirn, Kaninchennieren, alles schön mit Foto aufgelistet, man kann den Schwanz vom Stier verspeisen, und damit ist, pardon, nicht der am Hinterteil gemeint, die Shrimps werden der Frische wegen lebendig in die kochende Suppe geworfen, es gibt ein bisschen Schlange und ein paar Happen Krokodil, nun ja. Immerhin stehen keine Hunde und Heuschrecken auf der Karte, das hätte auch passieren können, hier im Süden Chinas, war aber nicht der Fall, so dass man sagen kann: Es ging im Großen und Ganzen sehr zivilisiert zu.

Denn machen wir uns nichts vor: Unsere kulinarische Wegwerfkultur, und dazu zählt durchaus auch die gehobene Küche Europas, die vom Huhn nur die Brust, vom Rind nur Gulasch und Steaks und vom Schwein nur Schinken und Schnitzel verbraucht, darf sich im Vergleich zu China nur bedingt als zivilisiert begreifen. Man muss sich ja wirklich fragen, wie sinnvoll es ist, Tiere aufzuziehen, und wie moralisch es ist, sie zu schlachten, wenn man hinterher zwei Drittel des Schlachtguts irgendwie verramscht, zu Tierfutter macht oder gleich wegschmeißt. Meine Antwort wäre eindeutig: Die Chinesen tun den Tieren mehr Ehre an, indem sie sie mit Haut und Haaren vertilgen. Nicht sie sind die Barbaren, sondern wir.

Geparden und gekochter Hühnermagen

Bei den Tischsitten gilt das freilich eher umgekehrt. Das "Huang Cheng Lao Ma" hat mir einen ziemlich bizarren Kulturschock beschert. Im Lokal liefen nämlich über den Köpfen die Fernseher, und darin wurden naturkundliche Filme aus dem Reich der wilden Tiere gezeigt. Es rissen also, während ich selbst meinen Fleischstücken in der Suppe nachjagte, Geparden vor meinen Augen ihre Beute, und während ich eben die Hartgummi-Konsistenz eines gekochten Hühnermagens kennenlernte, zermalmten im Fernsehen große Krokodile ihre Beute oder es strichen Hyänen herum auf der Suche nach Aas. Sehr seltsam.

Die Chinesen ringsum taten alle so, als wäre es völlig selbstverständlich, beim Essen Tierfilme zu gucken, aber die meisten sahen sowieso gar nicht auf, sondern konzentrierten sich – beide Ellbogen breit auf dem Tisch und die Ärmel aufgekrempelt - aufs Wesentliche: Garten sich gute Stücke in der Brühe, die mit der Zeit natürlich immer reicher wird, warfen auch sehr schöne Pilze und erstklassige Gemüse hinein, zogen sie danach sorgfältig durch Sesamöl und gestampften Knoblauch, spülten nach mit reichlich Baiji, dem weißen chinesischen Nationalschnaps, und sagten auf ihre Weise zueinander Prost: Gan Bei.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!