Fichtners Tellergericht Bitte noch etwas Buchstabensuppe!
Die esskulturelle Geschichtsschreibung ist ein hartes, trockenes Brot. Die längste Zeit blieb das weite Feld den Mittelalter-Forschern überlassen, die das Gestern gern erbsenzählerisch sezierten, ohne dabei jemals an Leser, Zuhörer oder gar die Nachwelt zu denken. Es wurden Speiseordnungen und Adelsprivilegien analysiert, Tischsitten rekonstruiert, Handschriften ausgewertet, und nur im allerbesten Fall kamen dabei Werke heraus, die den "Prozess der Zivilisation" ein wenig greifbarer machten.
Die Zeiten haben sich glücklicherweise geändert. Die Wissenschaften haben ihren alten Hochmut gegenüber kulinarischen Studien nach und nach abgelegt, neue Generationen von Forschern nehmen sich dem Thema mit freierem Kopf und durchaus genussvoll an, und sie müssen sich nicht mehr davor fürchten, als universitäre Dünnbrettbohrer abgetan zu werden, nur weil sie sich an einem Essay über das Wesen des Schweinebratens versuchen. Die Literatur über Essen und Trinken erlebt einen Boom, und das ist gut so.
Und noch besser, weil nun auch populäre Werke erscheinen, die es in sich haben wie nie zuvor. Kürzlich bin ich endlich dazu gekommen, die im Verlag C.H. Beck erschienene "Kulturgeschichte der deutschen Küche" von Peter Peter zu lesen und ich bin in diesem Buch versunken wie lange in keinem anderen mehr. Wie hier auf 250 Seiten unsere kulinarische Gegenwart hergeleitet wird, das hat es so noch nie gegeben. Packend, schnell, amüsant breitet der gelernte Altphilologe Peter seine Geschichte unseres Essens aus, so dass man gar nicht anders kann, als dieses Buch Seite um Seite zu verschlingen.
Peter hat offenkundig ganze Bibliotheken historischer Kochbücher studiert, ausgiebig in Speiseplänen historischer Adelshochzeiten und armseliger Bauernfamilien gestöbert, er hat vielen Schlüsselfiguren der verflossenen Epochen auf den Mund geschaut, tonnenweise Alltagsmaterial verwertet, auch Goethe und Luther gelesen, Hildegard von Bingen und Henriette Davidis und viele mehr, und mit ihnen blättert er die Epochen auf mit einer Mischmethode aus Literatur-, Geschichts- und Sozialwissenschaft. Das heißt, er schüttet aus vollen Händen Daten, Fakten, Zahlen hin, ein immenses Detailwissen, und dabei gelingt es ihm doch das ist die Kunst den Leser immerfort aufs Beste zu unterhalten.
Fein gehäkelte Thesen
Es reiht sich Anekdote an Anekdote, eine staunenswerter als die andere, aber sie klappern eben nicht, wie das in derlei Büchern sooft vorkommt, sinnlos nebeneinander her. Sie fügen sich vielmehr stets zum Ziel, aus dem Gestern das Heute zu erhellen. Nichts wird ausgelassen, aber alles versucht: Noch nie habe ich eine derart intelligente, ja süffige Aufarbeitung der kulinarischen Reibereien zwischen katholisch und protestantisch geprägten Regionen gelesen.
Und kaum je habe ich in einem Buch so viel über die schleichende Industrialisierung unseres Essens gelernt, über die verzwickten Konzepte, die sich in unseren Mahlzeiten verstecken, über den verborgenen Sinn, der in Braten, Knödeln und Hawaiitoast aufgehoben ist.
Selbst die esskulturellen Verwirrungen der Wirtschaftswunderzeit, die nun mittlerweile wirklich viel beschrieben worden sind, schildert Peter Peter auf eine neue, bessere Weise. Und souverän leitet er die deutsche Skepsis gegenüber verfeinertem Essen aus den großen und kleinen Katastrophen unserer Geschichte ab. Seine Thesen sind dabei zu fein gehäkelt, als dass sie hier kurz und knapp zusammenzufassen wären. Aber das ist nur ein weiterer Grund, dieses Buch unbedingt zu lesen. Es setzt einen Meilenstein.
Peter nimmt die Dinge des Essens ernst, kennt profund seine tausenderlei kulturell-religiösen Bezüge, aber er vergisst dabei nie, dass es ganz am Ende immer um Wohlsein, um Genuss, um Lebensfreude geht. So ist das Buch selbst ein Zeugnis der Lebensfreude. Und wenn ich einen einzigen Kritikpunkt hätte, dann beträfe er nur Peters Unentschiedenheit über die Frage, wie Deutschlands esskultureller Zustand im Hier und Heute zu beurteilen sei. Beklagenswert? Mittelmäßig? So la-la? Nicht schlecht? Peter drückt sich um diese letzte Antwort. Aber fast alle anderen gibt er. Und wer sie kennt, isst hinterher besser, genauer, bewusster.
In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!
Peter Peter: "Kulturgeschichte der deutschen Küche", Verlag C.H. Beck, 254 Seiten, 19,90 Euro