Fichtners Tellergericht: Böse Burgerinitiative - DER SPIEGEL
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Fichtners Tellergericht Böse Burgerinitiative

Mit McDonald's und Kindern ist es wie mit der Schluckimpfung: Ab und zu ein Portiönchen des Gifts, und die Bälger sind immun. Doch wie soll man sie noch schützen, wenn sich die Imbissbude mit Wellness-Gefasel zum Zeitgeist-Tempel stilisiert?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

McDonald's ist einfach gut. Sie haben gerade eine Postwurfsendung über Paris abgeladen, die ich erst für einen Design-Prospekt hielt, ehe ich blätterte und staunte. "Die Epoche verstehen – den Alltag genießen", so ungefähr lautet der Titel des Werks, dazu gleich mehr. Weil ich überdies "das etwas andere Restaurant" kürzlich selbst wieder einmal besuchen musste, und ich kurz danach sogar in einem Diät-Buch auf den Champion des Fast Food gestoßen bin, drängt es mich danach, meine Gedanken zum Thema zu sortieren.

Wieso ich zu McDonald's "musste"? Nun, ich habe Kinder, und damit ist eigentlich alles gesagt. Aber es steckt noch mehr dahinter. Um die Kleinen am Ende zu besseren Essern zu erziehen, bin ich darauf verfallen, sie mit dem Bösen bekannt zu machen. Die Überlegung dahinter ist einfach, und ich verdanke sie letztlich den Büchern von Volker Pudel, der sich viele kluge Gedanken über die kulinarische Nachwuchsförderung gemacht hat: Wer Kindern alles Fast Food schrill verbietet, erhöht nur dessen Reiz. Besorgte Eltern mögen die Ham- und Cheeseburger zum Tabu erklären, aber sie ernten nur den Effekt, dass die Kleinen es sofort lustvoll brechen, sobald die Erziehungsberechtigten außer Sichtweite sind.

Ich gestatte (und bezahle) deshalb meiner Familie ungefähr zwei bis drei Mal im Jahr das Unverzeihliche und bin mit dem Ergebnis durchaus zufrieden. Es funktioniert, gewissermaßen, nach dem Prinzip der Schluckimpfung: Die Abwehrkräfte werden gestärkt durch die dosierte Verabreichung des zu bekämpfenden Giftstoffs. Neulich, an einer McDonald's-Raststätte im Hessischen, knusperten die Kinder zwar erst verzückt an den Fritten herum, ließen aber dann über die Hälfte liegen und die Hamburger interessierten sie spürbar weniger als die Hüpfburg in der Ecke. Wenn das so weiter geht, werden sie auf unseren Reisen bald, hoffentlich, den Zwischenstopp im Landgasthof vorziehen.

Aber McDonald's reagiert. Nicht kulinarisch, sondern architektonisch. Sie zielen jetzt auf die Nach-Hüpfburg-Phase meiner Kinder, jedenfalls hier in Paris. Der erwähnte Prospekt, den ich im Briefkasten fand, versammelt auf 32 Seiten lauter perfekt fotografierte Bilder von neuen Interieurs Marke "Mmmm…McDonald's". Vorbei die rot-gelben Zeiten an genormten Verkaufsschaltern, vorbei die am Boden verschraubten Plastikhocker vor eierschalenfarbigen Resopal-Theken. Die jüngsten, "McCafé" genannten Filialen in Pigalle, in La Défense sehen aus, als hätten Philippe Starck und Tom Ford Hand angelegt, um die Marke auf Zeitgeist zu trimmen.

Der Text dazu verdichtet das gesamte Wellness-Gefasel unserer Epoche zur Karikatur und mixt sie mit Textbausteinen aus Kunstmagazinen. Künftig "kreiert das Ambiente den Ort" bei McDonald's, "hochwertige Materialien wie Holz, Leder, Tuche bereichern die Dekoration", und insgesamt geht es darum, "das Spiel der Moderne zu spielen mit raffinierten urbanen Konzepten von Zen bis Lounge".

Geputzte Multi-Kulti-Menschen

Man sollte das ganze Ding hier nachdrucken, um keine der Blüten zu verpassen, und schön wäre es auch, die zugehörigen Bilder zu zeigen: McDonald's will jetzt aussehen wie Manhattan, wie Schanghai, darin geputzte Multi-Kulti-Menschen mit iPods und Laptops, die Männer wie Aufsichtsräte, die Frauen wie "Desperate Housewifes", ich meine: Darauf muss man, als Imbissbude, erst mal kommen.

Die neuen McDonald's-Frauen, sie könnten auch der "Brigitte" entstammen, jedenfalls sehen sie alle aus, als hätten sie lange Brigitte-Diäten hinter sich. Ich besitze das neue Rezeptbuch zum Abnehmen, bin aber bei Lektüre der "Kalorientabelle" fast vom Stuhl gefallen. Dort steht, zwischen Äpfeln und Birnen, Erdnüssen und Salzstangen, Döner und Currywurst unvermittelt, ich zitiere: "McDonald's McRib – 474 kcal, 21 g Fett, Hamburger Royal – 515 kcal, 27 g Fett, Chicken McNuggets (6 Stück) – 207 kcal, 12 g Fett" und es folgen noch McDonald's Hamburger, McChicken und McDonald's Pommes.

Ich erlaube mir die Frage: Wieviel bezahlen sie der "Brigitte" dafür, dass sie die halbe Produktpalette der Hamburger-Kette (und keiner anderen) in einem "Diätbuch" zitiert? Und, nur gesetzt den Fall, sie bezahlen nicht: Wie tief sollen die publizistischen Schamgrenzen noch sinken? Aber kaum frage ich so, da blättere ich weiter, zur zweiten Kalorientabelle des Buchs. Und finde, tatsächlich, die "Dr. Oetker Pizza: Die Ofenfrische – Vier Käse". Dieser Pflasterstein zum Aufbacken hat 877 Kalorien und enthält glatt 34 Gramm Fett, man nimmt folglich schon beim Aufreißen der Packung zu. Aber Moment, jetzt versteh’ ich’s: Ist es eine Warnung? Will "Brigitte" mir sagen, ich sollte McDonald's und Dr. Oetker besser meiden? Weil sie dick machen? Weil sie Junkfood sind? Dann nähme ich natürlich alles sofort zurück.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

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