Fichtners Tellergericht Das Kartoffel-Kaffee-Komplott
Mir ist beim Ausmisten meiner Altpapiertürme die April-Ausgabe von "essen&trinken" wieder in die Hand gefallen und weil mir aus irgendwelchen Gründen langweilig war, habe ich noch einmal darin geblättert. "essen&trinken" ist ein altes Schlachtschiff in der Gastro-Print-Szene, ein Lieblingskind der Verlegerin Angelika Jahr, mit dem sie allerdings ihre lieben Sorgen und Nöte hat.
Die Auflage entwickelt sich nicht so wie sie soll, in den vergangenen Jahren grinste den Lesern alle paar Monate ein neues Chefredakteurs-Gesicht entgegen.
Das Heft wurde ein bisschen aufgepeppt, wurde hochglänzender, bekam einen breiteren Rücken, versuchte sich eine Zeit lang in Richtung "Feinschmecker" breit zu machen, um dann wieder für ein paar Monate nach der Seite von "meine familie&ich" umzukippen.
Hart ist das Zeitschriften-Geschäft heutzutage, und der Leser ist, wenn ich so sagen darf, ein untreuer Lump, der sich nicht mehr bindet, sondern jeden Monat, jede Woche neu zu Seitensprüngen aufgelegt ist.
"essen&trinken" hat seit kurzer Zeit wieder eine neue Chefredakteurin, sie sieht sehr nett aus und anfangs hat sie ihre kleinen Leitartikel mit Bildungsgut nur so gespickt. Es hagelte vorneweg die literarischen Zitate, das hat sich mittlerweile ein bisschen abgekühlt, im April-Heft beruft sie sich nur noch auf "Wickie", den "cleveren" Knirps aus einer Zeichentrick-Serie, die im Fernsehen lief, als ich noch ein kleines Kind war. Na ja, man hat's nicht leicht.
Ausgesuchte Ausgesuchtheit
Und als Leser von "essen&trinken" schon gar nicht. Monat für Monat wird hier ein Bilderbogen der kulinarischen Ratlosigkeit aufgeblättert, der mich staunen lässt. Die Rezepte im April-Heft, und es ist ziemlich egal, welchen Monat man hernähme, April, September, Juni, das wechselt saisonal ein bisschen, aber die Rezepte, wie gesagt, sind wie immer von ausgesuchtester Ausgesuchtheit, so dass man sich bald fragt, wer dieses Zeug essen soll, geschweige denn: zuhause nachkochen will.
Es gibt "Jakobsmuscheln mit Senfgelee", "Blaue Kartoffelessenz", "Morchelkonfitüre", "Asiatischen Rhabarber mit Basilikum-Mousse". Darüber hinaus "Rhabarber-Ravioli mit Bellini-Sabayon", "Senfmousse mit Lachs-Tartar", "Kaffee-Kartoffeln" und "Bucatini-Auflauf mit Schwertfisch-Carpaccio". Und alles ist gekennzeichnet mit den branchenüblichen Adjektivhülsen von "verführerisch" bis "höllisch gut".
Nun, ich gebe zu, dass ich nur die schrägsten Rezeptnamen hier zitiert habe, es gibt auch Bodenständigeres im Heft, aber die Reihe macht, denke ich, deutlich, worum es mir geht: Wie kann jemand im Ernst erwarten, dass einem so ein Heft aus den Händen gerissen wird, wenn darin das Abseitige eine derart große Rolle spielt? Ich meine: Blaue Kartoffelessenz? Kaffee-Kartoffeln? Morchelkonfitüre? Hallo?
Hunger nach dem Besonderen
Es geht mir hier nicht darum, dass Experimentierfreude in der Küche falsch wäre (ist sie natürlich nicht). Es geht auch nicht darum, dass ein Heft wie "essen&trinken", das sich direkt an Freunde des Essens und Kochens richtet, nicht manchmal ins Spezielle abdriften dürfte (darf es). Es geht auch nicht darum, dass es falsch wäre, neue Lebensmittel lustig auszuprobieren (ist richtig).
Worum es geht, ist dies: Ich finde in "essen&trinken" genau jene Gourmetokratie wieder, die mit Essen oft sehr wenig, mit Prestigegehabe und Angeberei aber sehr viel zu tun hat. Wenn mich eines Tages jemand zu sich nach Hause einlüde und er servierte mir nach einer "Blauen Kartoffel-Essenz" die Bucatini-Carpaccio-Nummer, gefolgt womöglich von den Ravioli "mit Bellini-Sabayon", ehrlich, den würde ich fragen, ob er noch alle Tassen im Schrank hat.
Es ist ein deutsches Phänomen, wieder mal: Dem begrüßenswert Guten der esskulturellen Verfeinerung wohnt bei uns immer zugleich etwas Betontes, Übertriebenes inne. Statt dankbar zu genießen, wird laut und polternd Staat gemacht, Essen wird zur Bühne der ausgestellt vornehmen Lebensart.
Es liegt ein aufgeblasenes Wir-sind-wieder-wer immer mit auf dem Teller; niemand kann sich einfach was Schönes kochen, sondern muss immer gleich klotzen. Der deutsche Gentleman genießt nicht und schweigt, er muss immerfort plappern über sein "Savoir vivre", seine Genussfähigkeit und sein Kennertum. Hefte wie "essen&trinken" liefern ihm die Munition dafür. Kaffee-Kartoffeln? Nee. Wirklich nicht.
In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!