Fichtners Tellergericht: Das Maul zu voll genommen - DER SPIEGEL
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Fichtners Tellergericht Das Maul zu voll genommen

Weniger ist mehr: Das gilt in jedem Fall für kulinarische Genüsse. Warum bestehen die Deutschen dennoch in Restaurants auf Riesenportionen? Ullrich Fichtner hat eine vollmundige Antwort.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Beginn einer seiner Filme erzählt Woody Allen seinen Lieblingswitz, und der geht so: Zwei ältere Damen sitzen in einem Restaurant beim Essen. Nach den ersten Gabeln beugt sich die eine nach vorne und flüstert der anderen zu: "Also, wirklich, dieses Essen ist ja ganz furchtbar!" Die andere stimmt wortlos nickend zu, beugt sich dann ebenfalls nach vorne und antwortet: "Und dann auch noch so kleine Portionen!"

Ja, die Portionen! Als die Nouvelle Cuisine es einst aus Frankreich über den Rhein herüber schaffte, sollte sie anfangs mit dem Argument fertiggemacht werden: kleine Teller, große Preise. Der deutsch-kulinarische Dumpfsinn, damals noch deutlich schärfer ausgeprägt als heute, dem die betäubende Sattheit seit jeher über alles ging, fuhr große Geschütze auf gegen die sinnvolle Verfeinerung à la française.

Man fühlte sich über den Tisch gezogen und verstand nicht, wie klug die Reduktion von Fettbeigaben war, wie begrüßenswert der Tod der geklumpten Mehlschwitze und wie schön die neue Übersichtlichkeit auf den Tellern.

Geschmacklos Größe zeigen

Diese kulinarische Revolution von damals hat noch lange nicht alle Winkel der Erde erreicht. Abseits der schicken Bistro-Tische und kühlen Sushi-Tresen gilt in Deutschland noch immer die Formel: Fleisch plus zwei Beilagen, Kartoffeln und irgendwie Gemüse; das Ganze in Mengen, die sich in der Karte gern als "große Portion" niederschlagen. Und das ist, in der Provinz, immer wörtlich zu nehmen.

Aber auch am heimischen Esstisch lassen sich noch immer reihenweise Büromenschen finden, die sich zu den Mahlzeiten mittags und abends abfüllen, als müssten sie nachher mit bloßen Händen Eisenbahngleise verlegen oder Rinderhälften durch die Fleischfabrik tragen.

Wir essen, angesichts unseres sparsamen Energieverbrauchs, viel zu viel, und in der Regel auch noch vom Falschen, nach wie vor gern schwere Sahne- und Buttersoßen, Würste, soviel der Metzger hergibt, und auch fette Schmortöpfe, Gulasch und üppige Suppen werden weiterhin gern genommen. Und wehe, die Portionen sind nicht groß genug.

Ich bin einmal in einem durchaus ambitionierten "Gourmet-Restaurant" am Tegernsee gewesen, ich lasse den Namen hier der Fairness halber weg, weil ich nicht weiß, wie sich der Laden weiter entwickelt hat. Dort gab es eine "Menu Degustation", bestehend aus acht, neun Gängen, von denen jeder einzelne so üppig wie eine Hauptmahlzeit war.

Der Kellner sagte damals, auf die Frage, ob der Koch wahnsinnig geworden sei: "Ach, wissen’S, die Leit wollen’s so, die schimpf’n, wenn’s net gnug auf’m Teller ha’m." Ich blieb als Gast zurück mit der Frage, ob ich danach ein Taxi rufen sollte oder gleich den Krankenwagen.

Schlechtes zum Fressen gern haben

Jedenfalls fällt mir beim Essen - und auch beim Trinken - auf, dass ich vom Guten nur wenig brauche, dass das Schlechte aber zum Fressen verleitet. Ich erkläre mir das so, dass wir beim Essen eine Befriedigung suchen, bei der die Sättigung nur ein Faktor ist, und vermutlich nicht einmal der entscheidende. Wer genießen kann, fühlt sich nach zwölf frischen Austern vielleicht schon satt, obwohl hier praktisch 0,0 Kalorien im Spiel sind. Beim Griechen an der Ecke aber muss man ganze "Akropolis"-Platten in sich hinein schaufeln, bis ein ähnliches Genussniveau erreicht ist – satt ist man danach auf alle Fälle.

Für Wein gilt dasselbe. Vom Supermarkt-Cuvee für 1,99 Euro müsste man zwei, drei Flaschen trinken, um den Genuss eines einzigen guten Glases aufzuwiegen. Ein Schoppen dunkler, roter, eleganter Wein aber, wie zum Beispiel ein Lacoste-Borie aus dem Bordeaux, Jahrgang 2000, macht ungefähr so "satt" wie eine ganze Flasche x-beliebiger Chianti. Und nur ein einziger Schluck knackiger, weißer Meursault kommt einem im Mund so wertvoll vor wie ein ganzer Liter rheinischer Müller-Turgau.

Die Schlussfolgerung kann nur heißen, dass wir besser essen müssen, wenn wir weniger essen wollen. Eine Scheibe Brot - mit Olivenöl besprenkelt, mit einer perfekten Sommertomate belegt, mit ein paar Körnchen Meersalz bestreut und ein paar Blättchen Thymian vielleicht – schenkt uns am Ende mehr Befriedigung und macht uns auf magische Weise "satter" als zwei Big Macs mit extra Ketchup und doppelt Pommes.

In diesem Sinne: guten Appetit und gute Nacht!