Fichtners Tellergericht Ein Gläschen Cuvée Pestizid
Katastrophe, Skandal, Unfall, die Wörter werden blass, wenn es um unser Essen geht. Pünktlich zu den Festen greifen Foodwatch und Co. in die Katastrophen-Orgel, zu Weihnachten wird gewarnt vor "leberschädigendem Cumarin" in den Zimtsternen, zu Ostern sind die Nikotin- und Käfigeier an der Reihe, alltäglich geht es um Uran im Mineralwasser und Acrylamid in Kartoffelchips: Es ist kein Spaß, im 21. Jahrhundert Konsument zu sein.
Dass das Leben nur "Krankheit zum Tode" sei, dieser dunkle Satz des Philosophen Kierkegaard hat heutzutage seinen eigenen Klang. In unserem Essen findet sich, was krank macht, es seien Nitrofurane oder Dioxine, Antibiotika oder Lösungsmittel, und die zugehörigen Rezepte heißen falsches Rehfleisch, verfaulte Wurst, verstrahltes Pilzragout, verbleite Paprika, und dazu genehmigen wir uns ein Gläschen Weißwein, Cuvée Pestizid.
Unfall, so hieß früher einmal die bedauerliche Ausnahme von einer ansonsten intakten Regel. Es scheint, als träfe dieses Wort auf die Verhältnisse heutiger Lebensmittelproduktion nicht mehr zu. Die Frage ist nur: Müssen wir uns wirklich Sorgen machen über Trichloranisol in Coca Cola? Über Toluol in der Kaffeesahne? Über Schimmel im Biobrot? Über Toxaphen im Heilbutt? Sind wir, anders gesagt, noch irgendwie zu retten?
Meine Antwort ist: natürlich nicht. Aber bei Licht betrachtet waren wir es nie. Leben ist "Krankheit zum Tode", ja, und die sich verschärfende Risikogesellschaft stellt uns dauernd neue Fallen auf, in die wir ahnungslos tappen. Aber gleichzeitig ist es doch so: Soweit ich weiß, ist bislang kein Fall bekannt, in dem ein Mensch nachweislich wegen des Genusses von Kartoffelchips (Acrylamid!) an Krebs erkrankt wäre. Und noch kein Arzt hat bislang die Diagnose Leberschaden direkt auf böse Zimtsterne zurückführen können.
Verbrechen am Essen
Wir müssen den Ball wieder flacher halten. Viele der heute so lautstark beschriebenen Gefahren sind bei näherem Hinsehen gar keine. Damit Waldpilze mit ihren Schadstoffen zur Gefahr für die Gesundheit würden, müsste man sie über Wochen hinweg tagtäglich und pfundweise essen. Das macht kein Mensch. Und solche Beispiele gibt es viele. Wer jeden Tag Miesmuscheln in sich hinein stopft, nun, der wird schon irgendwann krank werden, und nicht nur an den Schadstoffen. Und wer sich nur noch von Fritten ernährt, kann gewiss irgendwann Acrylamid-Probleme bekommen, aber das wäre vermutlich seine geringste Sorge.
Ich will hier, wohl gemerkt, nichts verniedlichen. Natürlich ist der Kampf gegen Gifte im Essen gerecht und wichtig und nötig. Natürlich muss die Produktion so sauber sein wie möglich, natürlich müssen alle Verbrechen am Essen geahndet werden. Nur dürfen wir uns, von der Flut schlechter Nachrichten, nicht ertränken lassen. Und wir sollten all denen, die nicht nüchterne Erklärungen abgeben, sondern immer gleich Alarm schreien, mit gesundem Misstrauen begegnen, und ihnen manchmal einfach den Vogel zeigen.
Was können wir noch essen? Ich werde diese Frage aus meinem Repertoire streichen. Ich achte auch nicht mehr auf die dauernde Verkündigung kleiner und großer Katastrophen, weil ich, im täglichen Leben, nicht ihr Sklave werden will. Panik schieben, am Essen verzweifeln, sich allem entfremden daran wird man aufs Ganze gesehen viel leichter krank als an ein paar Pikogramm dieses oder jenes Giftstoffes. In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!