Fichtners Tellergericht Ein Toast auf mutigen Weingenuss!
Wer über das Essen redet, kann über das Trinken nicht schweigen, und dieser Befund führt direkt zur alten Frage, welcher Wein zu welchem Essen passt. Ein neureicher Chinese hat sie gerade auf eigene Weise beantwortet, indem er im Duty-Free-Shop am Pariser Flughafen Charles de Gaulle einfach die teuersten Flaschen zusammen raffte.
Er packte sich einen Château Mouton-Rothschild Jahrgang 1945 in den Einkaufskorb, einen Hermitage La Chapelle von 1978, dazu einen 1900er Armagnac und einen Cognac von 1806. Der Einkauf dauerte keine Viertelstunde, brachte 23.000 Euro in die Kasse und wurde von den "Boutiques Aéroports" in einer Pressemeldung als vorbildlich vermeldet.
Nun wissen wir nicht, was der reiche Mann mit seinem Einkauf anstellen wird, aber ich habe Chinesen schon hier und da mit europäischer Luxusware hantieren sehen und befürchte deshalb das Schlimmste. Ich war einmal dabei, in der Gegend von Nanjiang, als sich ein Bürgermeister einen großen Burgunder mit Cola aufgoss, Eiswürfel zufügte und mit einem Strohhalm umrührte. Dazu gab es vorzügliches chinesisches Essen, Schanghai-Stil, und der Bürgermeister machte den Eindruck, als passe sein Getränk hervorragend zu den Speisen.
Das Verrückte ist: Wir können durchaus von ihm lernen. Damit meine ich nicht, Gott bewahre, dass wir Weine zu Longdrinks verarbeiten sollten, das nicht. Aber wir sollten die falschen Regeln abschaffen, allen aufgeblasenen Kennern eine Nase drehen und einfach wieder unserem Geschmack und unseren Gelüsten vertrauen.
Verschreckt von selbst ernannten Experten
Jeder kennt ja die Sprüche, die vermeintlichen Gesetze: Weißer Wein zu Fisch und hellem Fleisch, schwerer Roter zu Braten und Ragouts, Süßer zu Süßem, und so weiter. Dass das nicht stimmt und nie gestimmt hat, wissen die Franzosen seit langem, und man kann viel über Franzosen sagen, aber nicht, dass sie nichts von Wein verstünden.
In Frankreich hört man vor der Wahl eines Weins in sich hinein, und dabei ist es erst einmal ziemlich egal, was zum Essen auf den Tisch kommt. Natürlich: Man wird nicht ein hauchfeines Fisch-Carpaccio mit einem schwarzroten Cahors erschlagen und zu einem Hirschgulasch keinen Mosel-Riesling trinken. Aber dazwischen verfließen die Gewissheiten schnell und neben die Idee, eine harmonische Kombination zu finden, tritt die schlichte und gerechte Lust auf diesen oder jenen Wein. Denn er ist ja nicht nur Begleiter. Er behauptet sein eigenes Recht.
Auch wir Deutsche wissen das in Wahrheit längst, wir lassen uns nur immer wieder von den Eierköpfen der vinologischen Expertokratie verschrecken. Selbstverständlich wird in den Weingegenden, in Franken, in der Pfalz, im Rheinland, weißer Wein zu Wurst und Käse genommen, obwohl die Faustregeln anderes vorsähen. Und warum sollte ein leichter Rotwein nicht vorzüglich schmecken zu Fisch? Und ein kerniger Weißer zum Käse? Es kommt auf den Einzelfall an. Und auf die Tagesform des Zechers.
Es kommt immer darauf an, beim Essen und beim Trinken, den Mut aufzubringen, Neuland zu betreten. Schließlich ist jedes Essen anders, jeder Esser sein eigener Herr, jedes Glas ist eine neue Erfahrung, und wir sollten nicht Regeln suchen oder Checklisten durchgehen oder gar von Preisen auf Qualitäten schließen, wie es der Chinese am Pariser Flughafen tat. Gut möglich, dass sich sein 1945er Mouton-Rothschild längst in Essig verwandelt hat. Ein Schuss Cola wäre dann noch nicht einmal verkehrt. In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!